Berlin - Die Aufregung ist groß. Obwohl Hertha bis 2025 einen Mietvertrag mit dem Olympiastadion besitzt (bis dahin hoffe ich, dass die Meisterschale einmal nach Berlin geholt wird und sichtbar in einer Vitrine im neuen Hertha-Museum steht) ist die Debatte über ein neues vereinseigenes reines Fußballstadion wieder einmal in vollem Gange. Mir ist bei dieser ganzen Diskussion die Hektik viel zu groß. Man sollte –wie es die Klub-Verantwortlichen sicherlich tun – ganz in Ruhe vielfältige Überlegungen anstellen, alle Vor- und Nachteile eines Auszuges aus dem Olympiastadion abwägen.

Fakt ist aus meiner Sicht: Solch ein Stadion mit dieser Dimension, dieser Geschichte und dieser Architektur besitzt keine andere Stadt in Deutschland. Fakt ist auch –da halte ich es mit den Worten des ehemaligen Hertha-Cheftrainers Jürgen Röber- dass das Olympiastadion zweimal ganz besonders beeindruckend ist – wenn es völlig leer oder ausverkauft ist. Bei 40.000 Zuschauern und weniger kommt nur schwer großartige Stimmung auf.

Hertha muss in Berlin bleiben

Mut machen mir die Worte von Herthas Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst, der auf der Mitgliederversammlung sagte: „Am besten wäre eine Lösung auf dem Olympiagelände!“ Ein zweites 60.000-Mann-Stadion auf dem Maifeld oder in der Nähe wäre eine ideale Lösung für mich. Ansonsten träume ich auch (wie der Chefredakteur der Fußballwoche) von einer solchen Arena auf dem ehemaligen Exer, wo Hertha 1892 seine ersten Spiele austrug. Das heutige Jahn-Stadion (es gehört nicht mir!) ausgebaut auf 65.000 Zuschauer mitten in der Stadt….

Wichtig ist, dass der neue Senat ernsthaft darüber nachdenkt, wie man Hertha bei der Standortsuche unterstützt – und zwar in Berlin! Hertha ist einer der wichtigsten Werbeträger dieser Stadt.

Sollte Hertha als DER Hauptstadtklub, der man sein will und natürlich auch ist, die Stadtgrenzen zwangsweise verlassen und im Bundesland Brandenburg eine moderne Arena errichten, wäre das aus meiner Sicht kein gutes Signal. Die pulsierende Großstadt Berlin, in der Hertha eine immer größer werdende Rolle spielen wird, findet keinen geeigneten Platz für diesen Klub?

Das wäre eine riesengroße Blamage.

Ich habe eine aus meiner Sicht recht repräsentative Umfrage gestartet, die einen Querschnitt der Meinungen aufzeigt, ehemalige Spieler und Trainer, Fans, aber auch Fußball-Historiker und Schauspieler befragt. Anbei die Antworten, die diese Debatte beleben sollen:

Jürgen Röber (ehemaliger Hertha-Trainer, derzeit Sportdirektor bei Osmanlispor in Ankara)

„Man sollte nicht nach Brandenburg gehen mit einem neuen Stadion und im Olympiastadion weiterspielen. Trotz der Laufbahn herrscht dort eine gute Atmosphäre. Als das Stadion total umgebaut wurde – von 2000 bis 2004 – war das für uns damals problematisch. Wir haben ja auf einer riesigen Baustelle gespielt. Das hat uns einige Punkte gekostet. Natürlich gibt es gerade bei mir viele Erinnerungen an große Spiele im Olympiastadion, für mich ist es eine schöne Arena. Übrigens, falls es um einen neuen Standort in der Stadt Berlin gehen sollte – in der Türkei liegen fast alle Stadien mitten in den Städten. Verkehrschaos ist man hier gewohnt.“

Horst Bläsig (Chefredakteur der  Fußballwoche)

„Hertha sollte über 2025 hinaus eher nicht im Olympiastadion bleiben. Schon aus wirtschaftlichen Gründen macht es Sinn, dass Pläne für ein neues, zeitgemäßes Stadion entwickelt werden. Es wäre schön, wenn Hertha in Berlin ein Areal finden würde. Ideal wäre solch eine Arena auf dem Gelände des heutigen  Jahnsportparks. „Neue Plumpe“ oder „Exer“ könnte das Stadion heißen. Falls man aber nach Brandenburg gehen muss, wäre von den bislang genannten Standorten Dreilinden mein Favorit. Das wäre ja an der Stadtgrenze.“

Helmut Friberg (Hertha-Fan seit 1971, 619 Auswärtsspiele besucht)

„Hertha muss in der eigenen Stadt bleiben, ich möchte im Olympiastadion bleiben. Man könnte ja dort einiges verändern, etwa die Laufbahn herausnehmen und Zuschauerränge an den Rasen heranbauen. Falls das alles nichts wird, muss in Berlin ein neuer Standort gefunden werden. Ich habe gehört, am Stadion Wilmersdorf wäre eine große freie Fläche. Auf keinen Fall darf Hertha nach Brandenburg gehen, viele auswärtige Besucher der Hertha-Spiele kommen ja auch wegen der Stadt Berlin, die sie besuchen wollen. Die kommen nicht nach Brandenburg zu den Spielen. Und viele Fans auch nicht.“

Andreas Schmidt-Schaller (Schauspieler, SOKO Leipzig, Hertha-Mitglied)

„Ich favorisiere einen Neubau mitten in der Stadt Berlin, vielleicht in der Nähe des Hauptbahnhofes. Es sollte ein reines Fußballstadion sein. Gut wäre es auch, eventuell den Jahnsportpark auszubauen. Das wäre sinnvoll. Nach Brandenburg sollte Hertha aber nicht gehen.“

Daniel Küchenmeister (Historiker, Erfinder der Fußballroute Berlin)

„Hertha sollte ein neues, eigenes Stadion in Berlin bauen. Es wäre im Sinne des Sports und der Entwicklung des Berliner Fußballs in der Zukunft. Hertha könnte endlich zu neuen Ufern aufbrechen. Und die Stadt wäre sicherlich auch ein Gewinner, so belegen es die  Erfahrungen mit anderen Stadionbauten. Das Olympiastadion ist ein herausragendes Bauwerk, aber es entspricht nur noch bedingt den Entwicklungen des Sports. Für die Zukunft des Olympiastadions bedarf es Alternativen.“

Erich Beer (Hertha-Legende, 253 Bundesligaspiele für Hertha BSC)

„Das Olympiastadion ist mein Wohnzimmer und soll auch das Hertha-Stadion bleiben! Ich finde, dort herrscht bei den Heimspielen immer eine gute Stimmung. Man braucht keinen neuen Standort in Berlin und zu Brandenburg sage ich ein klares Nein!“

Hans „Hanne“ Weiner (ehemaliger Bundesliga-Profi, 218 Bundesligaspiele für Hertha BSC)

„Ich habe immer gern im Olympiastadion gespielt und besuche noch heute gerne die Heimspiele der Hertha in dieser sehr großzügigen Arena. Natürlich verbinde ich viele persönliche Erinnerungen mit diesem Stadion – schöne Erfolge, aber auch bittere Niederlagen. Hertha sollte dort weiterspielen. Nach Brandenburg zu gehen, halte ich für falsch.“

Dr. Gerd Driehorst (einst Mentalcoach bei Hertha; Coaching von Führungskräften, Dozent)

„Ich habe eine klare Meinung. Hertha sollte nach 2025 nicht mehr im Olympiastadion spielen. Das Stadion ist ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil. Man sollte versuchen, eine neue Arena in Berlin zu errichten. Der Senat täte gut daran, Hertha in Berlin zu halten. Wenn das überhaupt nicht geht, dann muss es eben Brandenburg sein.“

Axel Kruse (ehemaliger Bundesliga-Profi, 23 Bundesligaspiele für Hertha)

„Die Überlegungen von Hertha sind richtig. Man muss sich rechtzeitig für die Zukunft aufstellen. Das Olympiastadion ist ein Wettbewerbsnachteil, daran führt kein Weg vorbei. Der Senat ist absolut gefordert, Hertha ist ein Umsatzgarant für Berlin, bringt in 17 Heimspielen auch viele Gäste in die Stadt, die für Umsatz sorgen. Am Flughafen Tegel ist ein riesiges Areal, da wäre trotz anderer Überlegungen auch noch Platz für ein neues Stadion. Nur im Notfall muss man nach Brandenburg ausweichen. Man sollte aber innerhalb des S-Bahnrings bleiben. Aber ich wiederhole: Der Senat muss Hertha unterstützen und ganz anders behandeln. Hertha ist wichtig für die  Vielfalt und das Image der Stadt.“

Prof. Daniel Koerfer (Publizist, Professor für Zeitgeschichte, Autor des Buches „Hertha unter dem Hakenkreuz“)

„Hertha sollte nach 2025 den Umzug in ein reines Fußballstadion vornehmen. Im Mutterland des Fußballs, in England, spielen alle Profiklubs in reinen Fußballstadien. Der Kontakt zum Fan ist enger, die Stimmung besser. Es wäre natürlich zu wünschen, dass der Senat Hertha bei der Suche nach einem neuen Standort unterstützt. Ein „Doppelstadion“ bietet sich an. Auf dem jetzigen Parkplatz des Olympiastadions, der nicht unter Denkmalschutz steht,  wird das neue, kleinere Zweit-Stadion errichtet. Die PKW werden in zusätzlichen Tiefgaragen unter dem Stadion untergebracht. Bei zwei, drei Duellen gegen Bayern oder Dortmund kann man im alten Olympiastadion spielen. Ein Umzug nach Brandenburg ist zu vermeiden. Dann würde Hertha plötzlich „Hertha Brandenburger Sportclub“ heißen und das wäre mit einem schmerzlichen Identitätswechsel verbunden.“

Maik Franz (ehemaliger Bundesliga-Profi, sieben Bundesligaspiele für Hertha)

„Hertha hat seit 1963 im Olympiastadion gespielt. Diese Arena gehört zu Hertha wie die Spree zu Berlin. Aber man muss natürlich intensiv überlegen, ob ein neues, dann eigenes Stadion sinnvoll ist. Eine neue Arena bringt viele Vorteile, man zahlt keine Miete, kann alles viel besser vermarkten. Diese Arena müsste aber in Berlin entstehen. Als Hauptstadtklub in ein anderes Bundesland, in diesem Fall nach Brandenburg, zu gehen, halte ich für problematisch. Das wäre ein sehr schmaler Grat.“

Diese Meinungen sollen die Debatte, die Hertha und Berlin sicher noch lange beschäftigen werden, anreichern. Bis dahin. Darauf ein einfaches Ha-Ho-He!