Berlin - Das Thema  ist kompliziert, komplex und sehr sensibel. Das habe auch ich sofort gespürt, als ich einige gestandene und seit Jahrzehnten mit Fankurven-Erfahrungen ausgestattete Hertha-Anhänger befragt habe oder besser befragen wollte. Die Zurückhaltung war groß, nur hinter vorgehaltener Hand wurde gesprochen. Das Thema, das die Fans bewegt und sicher auch die Vereinsführung von Hertha BSC wurde vor wenigen Tagen publik:

Drei Fangruppen, allesamt den Ultras zuzuordnen (Harlekins, Dynamic Supporters, Hauptstadtmafia) haben den seit langem bestehenden Dialog mit der Geschäftsführung von Hertha BSC abgebrochen und eingestellt und das in einem Brief mitgeteilt.

"Verein entfernt sich von den Fans"

Auf der Homepage der Harlekins Berlin `98 ist nachzulesen, warum das so ist. Da wird mit Datum vom 26. Januar von einem „irritierendem Imagewechsel“ des Vereins gesprochen und so auf die neue Positionierung „Hertha – Start up seit 1892“ samt dem für diese Saison ausgerufenen Slogan „We try, We fail, We win“ abgehoben. Das wird als „vollkommen am Ziel vorbeigehende Marketingkampagne“ bezeichnet. Zudem ist die „Ausrüstung der Mannschaft mit pinkfarbenen Ausweichtrikots“ in starker Kritik und die Stadiondebatte mit der von Hertha vage angedeuteten Möglichkeit, bei der Standortsuche für ein eigenes reines Fußballstadion „an der Stadtgrenze nicht unbedingt Halt machen zu müssen“ wird heftig diskutiert und kritisiert. Fazit der Fanschelte: „Der Verein entfernt sich von seiner Basis.“

Lobend erwähnen die Harlekins in ihrer Erklärung, dass es über Jahre einen konstruktiven Dialog zwischen Vereinsführung und Fans gab, auch mit Zugeständnissen an die Fanszene. Unterschrieben ist die Erklärung von den Harlekins Berlin 98, Dynamic Supporters 2005 und Hauptstadtmafia 2003.

Vereinsgeburtstag und Stadionstandort

Ein nicht genannt werden wollender Fan, der seit Jahrzehnten die Mannschaft begleitet, sagt, dass die Anhänger im Vorfeld wichtiger Entscheidungen oder Ereignisse mehr und frühzeitiger einbezogen werden wollen. Das beträfe auch die geplanten Feierlichkeiten zum 125. Vereinsgeburtstag. Er selbst, so der eingefleischte Fan, hätte den Dialog nicht eingestellt, lieber noch einmal das Gespräch gesucht. Eines sei für ihn aber klar (und für viele andere Fans): Das neue Stadion muss in Berlin stehen!

Steffen Toll ist der Vorsitzende des „Förderkreises Ostkurve“, zu dem rund 1.000 Fans gehören. Vielleicht 200 bis maximal 300, so schätzt Toll, stünden im Moment vorbehaltlos hinter dem Abbruch des Dialogs. Die Fanklubs sind alle unabhängig und eigenständig, gehören aber als Personen zum Förderkreis.

Viele Jahre, so Toll, sei der Dialog mit der Vereinsführung gut gelaufen, den von Seiten des Klubs meist Geschäftsführer Ingo Schiller sachlich und kompetent geführt hat. „Das war gut für beide Seiten!“ Im Moment sei das „Gesamtpaket“ an Problemen, siehe die Erklärung der Harlekins, schuld an der Sprachlosigkeit. Toll gibt zu, dass nicht immer alles 100 Prozent richtig ist, was Fans wollen und fordern, aber man müsse mit ihnen vor wichtigen Entscheidungen ausführlicher reden.

Ausdruck der Angst?

Fakt ist aber, so meine Meinung als Kolumnist, dass Fußballklubs, die mit dem stressigen Tagesgeschäft stark ausgelastet sind, nicht ständig Entscheidungen mit den Vertretern des Anhangs diskutieren und abstimmen können. Das ginge entschieden zu weit und ist auch in der Praxis gar nicht handhabbar. Die Meinung der Fans vor strategischen Entscheidungen regelmäßig anzuhören, ist aber dennoch wichtig.

Der Abbruch des Dialogs durch einige Ultras sei Ausdruck der Ängste dieser Fans, dass sie künftig bei der schnellen Entwicklung und Modernisierung des Vereins nicht mitgenommen würden, glaubt Manfred Sangel, der Chef des Fanradios „Hertha-Echo“. Man müsse sich dem Neuen stellen, „denn Umwälzungen und dynamische Entwicklungen gibt es in allen Branchen und Bereichen unseres Lebens“, so Sangel. Das sei ein komplizierter Spagat für alle.

Alle haben ein Ziel!

Manager Michael Preetz jedenfalls hat erneut die Bereitschaft erklärt, den Dialog fortsetzen zu wollen. Präsident Werner Gegenbauer hat vor wenigen Tagen in einem Interview in der Fußball-Woche unter anderem erklärt: „Wir sind ein Verein für die ganze Stadt. Und wenn die Stadt sich verändert, dann verändern wir uns auch mit. Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass wir mit großem Augenmerk darauf achten, dass uns die nicht verloren gehen, die uns immer unterstützt haben. Es gibt aber auch keinen Zweifel, dass wir einen dringenden Bedarf haben , alle diejenigen zu gewinnen, die noch die zweite Herzkammer haben und damit  noch Platz haben für einen zweiten Verein neben ihrem Heimatverein … .Und das ist kein Grund, dass sich die, die treu zu Hertha stehen, bedroht fühlen müssen oder Sorge haben müssen, dass die Identität verloren geht.“

Klare Worte, die aus meiner Sicht regelrecht zum Dialog einladen. Also, zurück an den Gesprächstisch! Alle haben doch schließlich ein Ziel: Erfolg für Hertha BSC!

Darauf ein fanfreundliches Ha-Ho-He!