Berlin - Erich Beer gilt als Hertha-Ikone, er gehört noch immer zu den beliebtesten Spielern der Vereinsgeschichte und wurde einst von den Fans in die Jahrhundertelf gewählt. Beer ist natürlich Ehrenmitglied des Vereins und feiert am 9. Dezember seinen 70. Geburtstag. Wir sprachen mit ihm über die gute alten und die guten neuen Zeiten.

Herr Beer, wird es eine große Feier geben in München, wo Sie mit Ihrer Frau leben?

Nein, wir fahren ein paar Tage weg in ein Wellness-Hotel. Einer unserer Söhne arbeitet in London und die Familie wird erst zu Weihnachten noch meinen Ehrentag nachfeiern.

Sie werden nur „Ete“ gerufen. Wie kam es zu diesem Spitznamen?

Als ich 1971 bei Hertha mein erstes Training absolvierte, lief Stürmer Arno Steffenhagen auf mich zu und sagte: „Wie Erich? Das gibt es in Berlin nicht. Es gibt nur Ete.“ Ab sofort nannten mich alle Ete. Noch heute ruft mich meine Familie so, sogar meine Enkel.

Sie kamen in äußerst schwierigen Zeiten nach Berlin.

Als ich 1971 zu Hertha ging, war gerade der Bundesligaskandal aufgedeckt worden. Ich besaß zu dieser Zeit Angebote vom Hamburger SV, von Bayern München und von Hertha. Herthas Wolfgang Holst überredete mich, wollte nach zwei Mal Platz drei in der Liga ganz nach oben – und ich sollte eine wichtige Rolle dabei spielen. Aber der Bestechungsskandal brachte immer neue Dinge ans Licht, einige unserer Spieler wurden nach und nach gesperrt und wir landeten auf Platz sechs. Danach begannen schwere Zeiten. Die am Skandal beteiligten Hertha-Profis durften nie wieder für den Verein spielen, wir bekamen nur wenige Verstärkungen. Am Ende reichte es 1972/73 zu Platz dreizehn.

Dann folgten bald Höhepunkte unter Trainer Georg Kessler – die Vizemeisterschaft 1974/75, der Einzug ins Pokalfinale und 1978/79 unter Kuno Klötzer das Erreichen des Halbfinales im Uefa-Cup…

Ja, Kessler war mein bester Trainer. Ein Motivator. Der baute sich in der Kabine vor einer Taktiktafel auf und verglich jeden einzelnen Spieler von uns mit den Gegnern. Er nannte nur die positiven Dinge, redete uns stark, sah immer nur Vorteile für uns. Wir glaubten daran. Wir waren damals als Kollektiv sehr stark, keiner fühlte sich als Star.

Fast 90.000 Zuschauer erlebten 1979 das legendäre Uefa-Cup-Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad im Olympiastadion. Hertha siegte 2:1, hatte in Belgrad 0:1 verloren und verpasste unglücklich das Finale.

Das war ein großartiges Spiel vor einer unglaublichen Kulisse, in dem wir viel Pech hatten. Die damals im Stadion waren, schwärmen noch heute. Bei strömendem Regen drängten sich die Zuschauer auf den Traversen. Wolfgang Sidka und ich hatten getroffen, ehe Belgrad das entscheidende Tor gelang. Mir wurde aber ein glasklarer Elfmeter verweigert. Das hat mich lange gewurmt.

1979 geriet Hertha wieder einmal in finanzielle Turbulenzen und musste Profis verkaufen, um die Lizenz zu bekommen. Sie wurden nach Saudi-Arabien transferiert?

Ich ging zu Al-Ittihad nach Dschidda und Hertha bekam 400.000 Mark Ablöse. Torhüter Norbert Nigbur wechselte zu Schalke für 700.000 Mark und Hanne Weiner ging für 450.000 Mark zum FC Bayern. Der DFB war zufrieden und Hertha erst einmal gerettet.

Wie erging es Ihnen bei den Saudis?

Ich hatte großes Glück, dass der Deutsche Dettmar Cramer dort der Trainer war. Das half mir sehr bei der Eingewöhnung. Das Tempo in den Spielen war viel langsamer als in der Bundesliga, aber das Umfeld attraktiv. Ich lebte dort mit meiner Familie. Wir hatten ein Haus mit Pool, unser Sohn besuchte eine deutsche Schule. Es waren wirklich zwei schöne Jahre.

Danach heuerten Sie noch bei 1860 München an.

Als ich dort unterschrieb, war der Klub noch in der Ersten Bundesliga. Aber das Team versagte in den letzten beiden Spielen und stieg ab. Ich spielte dann in der Zweiten Liga zusammen mit Rudi Völler. Nach dem folgenden Lizenzentzug stürmte ich noch in der Bayernliga. Als wir aber als Meister in den Aufstiegsspielen scheiterten, hörte ich auf.

1860 schreibt gerade als Skandalklub Geschichte.

Das ist traurig. Dort gibt es keine Fußballkompetenz und man hat Spieler kreuz und quer zusammengekauft. Da passt nichts.

Zurück zu Hertha. Sie hielten viele Jahre den Vereinsrekord mit 83 Bundesligatreffern, ehe Sie Michael Preetz erst im April 2003 überholte und mit 84 Toren der alleinige Rekordhalter ist. Hat Sie das geärgert?

Nein, aber ich gebe zu, ich hätte diesen Vereinsrekord gerne noch etwas länger behalten. Aber als Michael Preetz endlich an mir vorbeizog, habe ich mich gefreut. Gerade er hat es verdient.

Es heißt immer, zu Ihrer großen Zeit war das Verhältnis zur Presse viel entspannter als heute. Wie war es denn wirklich?

Das Verhältnis war tatsächlich oft freundschaftlich. Einige Journalisten fuhren mit uns bei Auswärtsspielen mit dem Mannschaftsbus zum Flughafen und wohnten oft im gleichen Hotel. Mit einigen konnte man sich sehr offen bei einem Bier unterhalten, es blieb meist alles intern. Heute sind ja alle Profis total gläsern. Dafür verdienen sie halt sehr viel.

In Berlin stiegen Sie zum Nationalspieler auf. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes und letztes Länderspiel?

Im Mai 1975 kam ich beim 1:1 gegen Holland zu meinem Debüt. Meine Leistung war nicht berauschend, aber im zweiten Spiel, bei einem 2:0 gegen die Schweiz, habe ich beide Tore geschossen.

Über das letzte Länderspiel reden Sie nicht gern?

Na ja, das ging halt als die Schmach von Cordoba in die Historie ein. Wir verloren bei der WM 1978 in Argentinien gegen Österreich mit 2:3. Ich stand in der Startelf, und als ich wegen Oberschenkelproblemen ausgewechselt wurde, führten wir noch 1:0. Für mich kam Hansi Müller. Dann traf Hans Krankl zwei Mal und mir klang der Schrei des österreichischen Radioreporters Edi Finger „I wer’ narrisch!“ später noch lange in den Ohren. Wir waren alle sehr lange total niedergeschlagen.

Noch mal zurück in die Gegenwart. Wie sehen Sie die aktuelle Hertha?

Sehr stark und attraktiv. Was Trainer Pal Dardai bislang aus dem Team gemacht hat, ist beachtlich. Das freut mich sehr.