Erfahrene Olympiastadiongänger wissen es natürlich vorher. Wenn es noch freie Sitzplätze gibt in der Bahn Richtung Westen oder der Autoverkehr auf einer grünen Welle über die Heerstraße stadtauswärts flutscht, dann wird es eher nicht voll. Und eher leer wird es, wenn die Zuschauer im Oberrang sich alle per Handschlag begrüßen könnten eine halbe Stunde vor dem Anpfiff; die Zeit hätte sogar für jeweils einen kurzen Plausch gereicht.

Als es dann endlich losging mit dem Spiel Hertha BSC gegen den FC Augsburg musste man sich daher auch diese Frage stellen: Wird die fünfstellige Zuschauerzahl mit einer Drei oder doch nur mit einer Zwei beginnen? Auflösung folgt.

Unterhalsam wild

Klar, ein Dienstagabend ist nun mal kein populärer Bundesligatermin, der Dezember kein angenehmer Fußballmonat und Augsburg eben kein Gegner, für den es sich lohnt, die Couch zu verlassen. Trainer Pal Dardai hatte die Fans schier angefleht, das letzte Heimspiel des Jahres zu besuchen, um sich persönlich von der Mannschaft zu verabschieden.

Nun, nach Auswertung aller Sinneseindrücke musste man feststellen, dass nicht jede Abendgestaltung so viele Vorzüge haben konnte wie dieses unterhaltsam wild vorgetragene Spiel, das mit einem 2:2 (2:2) endete.

Dardai sprach zuletzt auffällig oft von Legosteinen, denn seit Monaten schon sieht er sich gezwungen, mit komplexen Umbauarbeiten auf die vielen Verletzungen zu reagieren. Nur zweimal in dieser Saison musste er seine Startelf nicht neu sortieren.

Neue Teile passen nicht

Gegen Augsburg fehlte erneut die halbe Abwehr, fast auch das halbe Mittelfeld, und irgendwie passten die neuen Teile zunächst nicht so recht zusammen. Bereits in der achten Minuten nutzte Martin Hinteregger eine Baulücke zwischen Mathew Leckie und Maximilian Mittelstädt, um das 0:1 zu köpfen.

Hertha ist grundsätzlich zu allem fähig. Zu glanzvollen Siegen gegen Titelanwärter und gleichermaßen zu trostlosen Niederlagen gegen Abstiegskandidaten. Diesmal pendelte sich der Auftritt irgendwo in der Mitte ein. Die Bereitschaft Großes zu leisten war ja da, nur etwas zu kleinteilig war das Spiel angelegt. Doch gerade, als einige Spieler damit begannen, ihre Selbstunzufriedenheit mit Handzeichen zu untermalen, legte Davie Selke quer auf Leckie, dem nach knapp einer halben Stunde das 1:1 gelang.

Beim Ausgleich nur Zuschauer

Und gerade, als die Augsburger ihre veränderten Auswärtssiegchancen taxierten, war es Valentino Lazaro, der sich in den Strafraum wühlte; seinen Schuss ließ Andreas Luthe nach vorne prallen, der Nachschuss von Ondrej Duda glitschte dem Torwart durch die Hände zum 2:1. Sechs Minuten vor der Pause stand es allerdings wieder unentschieden, weil fünf Berliner dabei zuschauten, wie Alfred Finnbogason (Vorlage) und Ja-Cheol Koo (Tor) ihre Kombinationslust offen ausleben konnten.


In der zweiten Halbzeit ist der Rasen im Olympiastadion ein Acker, hat Dardai neulich gemeint und gesagt hat er, dass seine Mannschaft auf diesem tendenziell braunen Grün Schwierigkeiten bekommt, ein elegantes Kurzpassspiel zu zeigen. Da der Rasentausch erst in der Winterpause stattfindet, war das natürlich keine gute Aussicht. Selke erhielt dann doch noch zwei brauchbare Bälle in die Spitze, die er jedoch nicht an zwei Torwarthänden oder vier Abwehrspielerbeinen vorbei ins Ziel treffen konnte.

Zuschauer-Minusrekord

Ansonsten herrschte bis zum Abpfiff ein nur hier und da mal brüchiger Nichtangriffspakt. Wer daheim geblieben war, konnte sich ein bisschen im Recht wähnen. Ach so, die Zuschauerzahl noch: 27 939. Minusrekord in dieser Saison. Aber Immerhin gab es auf der Rückfahrt wieder freie Sitzplätze in der Bahn und keinen Stau stadteinwärts.