Berlin - Im modernen Trainingszentrum der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft in Telki, gut 15 Kilometer von Budapest entfernt, bereitet Dardai die Mannschaft auf das schwere EM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien am Sonnabend in Bukarest vor. Das ist die bislang größte Herausforderung für den 38-Jährigen als junger Trainer. Am 18. September berief ihn der ungarische Verband als Interimscoach der Nationalelf – bis zum Jahresende.

Wenn die Heimat ruft

Wenn es der mit 286 Bundesligaeinsätzen als Rekordspieler von Hertha BSC geführte ehemalige Mittelfeldmann gewollt hätte, wäre das ad interim sofort weggefallen. Ungarn wollte Dardai, der 61 Länderspiele bestritt und 1999 sowie 2006 „Fußballer des Jahres“ in seiner Heimat war, gleich als Chefcoach verpflichten.

Doch Dardai lehnte ab, er möchte seinen Job als Trainer der U15-Auswahl von Hertha nicht aufgeben. „Dennoch konnte ich nicht absagen, wenn die Heimat ruft“, sagt Dardai, „das ist schon eine Herzensangelegenheit.“ Er wird die Nationalelf nun gegen Rumänien, später gegen die Färöer (14. Oktober in Torshavn) und auch gegen Finnland (14. November in Budapest) führen. „Ich werde versuchen, das Bestmögliche herauszuholen“, sagt er.

Nachdem die Mannschaft das erste Qualifikationsspiel für die EM 2016 in Frankreich zu Hause gegen Nordirland mit 1:2 verloren hatte, wurde Cheftrainer Attila Pinta entlassen. Dardai sagt, er habe schon zuvor einige Male Angebote vom Verband erhalten, aber er sieht seine Zukunft erst einmal bei Hertha BSC. Mit seiner Frau und den drei Söhnen wohnt er in einem schmucken Häuschen nur ein paar Autominuten vom Olympiastadion entfernt, fühlt sich Hertha BSC und Berlin sehr verbunden.

Für gut befunden

Es war 1997, als Bernd Storck, der damalige Assistenztrainer von Hertha-Chefcoach Jürgen Röber, den jungen Dardai bei einem U21-Länderspiel der Magyaren gesehen und für gut befunden hatte. Für 500.000 Mark Ablöse holte ihn Hertha nach Berlin, wo er viele Jahre zum Stammpersonal gehörte. Nach seinem Karriereende im Mai 2011 widmete sich Dardai der Trainerlaufbahn. In Budapest bekam er den A-Schein und war bislang Coach im Nachwuchsbereich der Hertha.

Seinen Fußballlehrerschein, der ihn auch in Deutschland die Berechtigung gibt, Cheftrainer einer Profimannschaft zu werden, wird er im Juni 2015 bekommen. Dardai sagt, er sei Hertha BSC dankbar, dass er nun neben seiner Tätigkeit in Berlin drei Spiele für Ungarn arbeiten darf. Mit im Aufgebot für das Rumänien-Spiel steht Torhüter Gabor Kiraly (38/90 Länderspiele/jetzt FC Fulham), Kumpel und ehemaliger Mitspieler von Dardai bei Hertha BSC.

Pal Dardai ist nicht der erste ehemalige Hertha-Profi, der eine Nationalelf trainiert. Vor ihm taten das schon Otto Rehhagel (Europameister mit Griechenland), Wolfgang Sidka (Bahrein, Irak), Eyjölfur Sverrisson (Island), Ali Daei (Iran) und Falko Götz (Vietnam). Mit Niko Kovac steht ein ehemaliger Mitspieler von Dardai als Chefcoach von Kroatien seit Oktober 2013 in der Verantwortung. Dardai sagt aber: „Für mich ist klar, dass ich den Zusatzjob in Ungarn nur bis Jahresende ausführe. Das aber mit vollem Einsatz.“