Etwas erschöpft erscheint Marko Grujic zum Interviewtermin im Presseraum von Hertha BSC. „Ich hau’ mich gleich für eine Runde aufs Ohr“, sagt der Mittelfeldspieler wenige Minuten nach dem intensiven Vormittagstraining. Der 22 Jahre alte Serbe zählt zu den Ausnahmespielern beim Berliner Fußball-Bundesligisten. In zwölf Pflichtspielen stand der zwischenzeitlich am Sprunggelenk verletzte Leihspieler vom FC Liverpool in der Startelf, erzielte zwei Treffer und verzückte das gesamte Hertha-Umfeld. Im Interview zieht der Nationalspieler einen Vergleich zwischen seinen beiden Trainern Jürgen Klopp und Pal Dardai, er verrät, wer sein sportliches Idol ist und welche Gründe ausschlaggebend für einen Verbleib in der Hauptstadt sind.

Tottenham hat mit 3:0 gegen den BVB gewonnen. Mit Bayern gegen Liverpool und Schalke gegen Manchester City gibt es zwei weitere Duelle zwischen Teams aus der Bundesliga und der Premier League. Erklären Sie uns bitte den Unterschied zwischen den beiden Top-Ligen.
Ich habe leider noch nicht so oft in der Premier League gespielt. Mit Cardiff bin ich in der Championship aufgelaufen. Der englische Fußball ist sehr intensiv und physisch auf einem extrem hohen Niveau. Was mir in der Bundesliga besser gefällt ist, dass jedes Team Fußball spielen will. Jedes Team geht in der Bundesliga mit der Einstellung ins Spiel, unbedingt gewinnen zu wollen. Dadurch passieren Überraschungen öfter als in der Premier League. Jeder kann jeden schlagen. Es ist wirklich unmöglich, ein Spiel in der Bundesliga vorauszusagen.

Und die Spielweise? Inwiefern unterscheidet sich diese?
In England gibt es immer noch vereinzelte Teams, die eher den Kick-and-Rush-Fußball praktizieren. Zum Glück machen das weder Jürgen Klopp noch Pal Dardai. Ich bin sehr froh, dass meine beiden Teams das Spiel machen wollen, es von hinten aufbauen. Ich genieße das und bin happy, dass Liverpool und Hertha diesen Stil spielen.

Was können Sie zu den Fans in Deutschland und England sagen?
Ich habe vorher nie in Deutschland gespielt und kannte die Fans nicht. Sie sind aber unglaublich. Es ist unfassbar, wie sehr sie hinter ihren Teams stehen. Das hat man in Gladbach gesehen. Auch als wir dort 3:0 geführt haben, haben die Gladbacher Fans ihr Team weiter gepusht und unterstützt. Das ist ja auch bei unseren Anhängern so.

Jürgen Klopp wird in Liverpool wie ein Volksheld gefeiert, Pal Dardai ist hier in Berlin auch aufgrund seiner langjährigen Verdienste als Spieler sehr beliebt. Gibt es Parallelen zwischen beiden Trainertypen?
Eine Sache mag ich an beiden: die Leidenschaft. Pal und Jürgen sind Feuer und Flamme für den Fußball. Sie coachen beide mit viel Einsatz. Wenn man rausschaut während des Spiels an die Seitenlinie, dann geben sie dir den Extra-Kick, feuern dich an. Auch das Training ist ähnlich. Jürgen ist Deutscher, Pal lebt ewig hier – die Einheiten ähneln sich in der Aufbereitung. Beide machen ein intensives, laufstarkes Training, in dem aber trotzdem viel mit dem Ball gemacht wird. Und beide leben vor, dass man nur mit harter Arbeit etwas erreichen kann.

Sind Sie schon so weit, um nach dieser Spielzeit in Liverpool spielen zu können?
Als ich im Sommer 2016 nach Liverpool kam, hatte das Team gerade unter Klopp im Euro-League-Finale gegen Sevilla (1:3, Anm. d. Red.) gespielt. Es war dadurch schwer für mich, Anschluss zu finden. Ich bekomme jetzt hier bei Hertha die nötige Erfahrung und Spielpraxis, das habe ich gebraucht. Ich stehe auf dem Platz, wir gewinnen Spiele und ich kriege dadurch immer mehr Selbstvertrauen. Wenn ich verletzungsfrei bleibe und in der Rückrunde noch viele gute Spiele mache, dann würde ich mich im Sommer vielleicht so weit sehen, um in Liverpool zu spielen. Aber die Entscheidung liegt ja nicht nur alleine bei mir.

Von wem wird sie noch getroffen?
Ich werde mich nach Ende der Saison mit meinen Beratern und natürlich auch mit Liverpool und Jürgen Klopp zusammensetzen. Jürgen hatte mir damals zum Hertha-Wechsel geraten. Er kennt Berlin sehr gut, weil sein Sohn hier wohnt. Auch die Bundesliga kennt er in- und auswendig. Wenn er mich jetzt schon haben will, dann gehe ich zurück nach Liverpool. Für mich gibt es eigentlich nur zwei Optionen: Entweder gehe ich nach Liverpool zurück oder ich bleibe noch für ein weiteres Jahr bei Hertha. Es könnte für meine Entwicklung sicher gut sein, wenn ich noch eine Saison mit 20 bis 30 Spielen in der Bundesliga mache. Noch besser wäre, wenn ich mit Hertha im nächsten Jahr vielleicht sogar in der Europa League spielen könnte. Die Erfahrung wäre wichtig. Danach würde ich wohl noch besser und kompletter nach Anfield zurückkommen.

Im Pokalspiel gegen Bayern München waren Vertreter aus Liverpool im Olympiastadion, um Sie zu beobachten. Waren Sie mit Ihrer eigenen Leistung denn zufrieden?
Sportdirektor Michael Edwards und einige Scouts waren da und haben mich beobachtet, aber natürlich auch die Bayern vor dem Champions-League-Spiel genauer angeschaut. Ich war mit meinem Spiel nicht zu hundert Prozent zufrieden, weil ich zu defensiv gespielt und offensiv zu wenig gemacht habe. Das haben sie auch so gesehen. Aber sie meinten hinterher auch zu mir, dass sie mit meiner Entwicklung zufrieden sind und schon viele gute Spiele gesehen haben.

Herr Grujic, haben Sie eigentlich ein fußballerisches Vorbild?
Ich sage das jetzt nicht, um den Liverpool-Fans zu gefallen, aber seit ich 2005 das Finale in Istanbul gegen Milan gesehen habe, bin ich zum LFC-Fan geworden. Ich hatte damals ein Trikot von Steven Gerrard vor dem Fernseher an, natürlich kein originales, sondern ein nachgemachtes. Das haben mir meine Eltern irgendwo in Serbien gekauft. Ich kenne Gerrard nicht und bin ihm nie begegnet. Ich weiß also nicht, wie er menschlich tickt. Aber fußballerisch war er schon beeindruckend. Ich habe aber tatsächlich kein wirkliches Vorbild im Fußball.

Und in anderen Sportarten?
Einer der größten Tennisspieler aller Zeiten ist Serbe. Darauf bin ich stolz. Ich finde Novak Djokovic großartig. Er kommt wie ich auch aus Belgrad. In Serbien ist er ein Held. Seine professionelle Einstellung zum Sport, wie er sich ernährt, wie er auf seinen Körper achtet und sich regeneriert, das fasziniert mich. Man könnte schon sagen, dass er in gewisser Hinsicht mein Idol ist. Ich kenne ihn und seine Familie ganz gut. Sein jüngerer Bruder Djordje ist ein guter Freund von mir. Wir waren schon oft zusammen mit unseren Freundinnen im Urlaub. Die Familie Djokovic ist unglaublich nett.

Apropos Freundin: Ihre Lebensgefährtin Mia Zeremski spielt erfolgreich Volleyball auf der Libero-Position für Roter Stern Belgrad.
Das stimmt, sie ist Volleyballerin und auch recht erfolgreich. Zurzeit macht sie aber eine Pause vom Sport. Sie studiert nämlich in Belgrad Psychologie und hat Woche für Woche viele Tests. Sie ist ab und an bei mir in Berlin zu Besuch, um vom Lernstress abzuschalten.