Stegersbach - Im Frühjahr 2012 ging für einen 15-jährigen Berliner ein Traum in Erfüllung. Jahrelang war ihm ein Wechsel in die Jugendakademie von Hertha BSC verwehrt gewesen. Doch an diesem Tag sprach ein Nachwuchstrainer seine Mutter nach der Partie des SC Staaken gegen Hertha 03 Zehlendorf auf dem Spandauer Sportplatz am Bahnhof an. „Als mir meine Mama davon erzählte, war ich sehr erschrocken, aber überglücklich“, erinnert sich der Sohn noch heute an den Tag. Der damalige Jugendtrainer auf Talentschau war der heutige Cheftrainer Ante Covic. Der Spieler, den Hertha im darauffolgenden Sommer unter Vertrag nahm, Maximilian Mittelstädt.

Sieben Jahre später geht Mittelstädt in seine fünfte Saison als Profifußballer. Galt der Linksverteidiger in der vergangenen Spielzeit noch als Herausforderer von Marvin Plattenhardt, haben sich die Vorzeichen vor dieser Saison geändert. „Vor ein paar Jahren war ich noch der Back-up. Jetzt kann man sagen, dass auf der Position ein offener Konkurrenzkampf herrscht“, sagt Mittelstädt. Der 22-Jährige hat erlebt, dass sich Geduld und Fleiß auszahlen, zugeflogen ist ihm nichts. „Ich war nie derjenige, bei dem auf Anhieb alles funktioniert hat“, erklärt er. Stück für Stück habe er sich jedes Jahr in einzelnen Bereichen weiterentwickelt. Mit Erfolg.

Botschaft vom Lieferservice

Bereits vergangene Saison machte er seinem fünf Jahre älteren Konkurrenten Druck. Plattenhardt stand 22-mal in der Startelf, Mittelstädt kam auf 20 Spiele von Beginn an unter Pal Dardai. Covic habe nun zwei Spieler, die er bedingungslos bringen könne, aber sein Ziel sei es „auf noch mehr Einsätze zu kommen und mich festzusetzen“.

Als Stammspieler würde das Interesse an seiner Person weiter steigen. Die Auswirkungen als Profi im Fokus zu stehen, erlebt er bereits jetzt. Im Positiven, aber auch im Negativen. Mal fragte der Postbote nach Trikots, mal brachte der Lieferservice nicht nur das Essen, sondern auch einen Zettel mit der Forderung: „Verkackt nicht auch noch das nächste Spiel“. Dazu haben er und seine Familie zu spüren bekommen, „dass sich ehemalige Mitspieler oder auch deren Eltern nicht alle für einen freuen“. Mittelstädt hat gelernt damit umzugehen. Besonders seine Familie und seine langjährige Freundin Adriana, die seit Anfang des Jahres allerdings nicht mehr an seiner Seite ist, haben ihn dabei unterstützt.

Während die Trennung an ihm nagte, lief es sportlich besser. Mit der U21 des DFB wurde Mittelstädt vergangenen Monat Vize-Europameister. Dass ihn Nachwuchsbundestrainer Stefan Kuntz lediglich im Halbfinale gegen Rumänien aufstellte, rief allerdings doch ein bisschen Frust hervor. „Ich habe die beiden Testspiele vor dem Turnier gegen England und Frankreich gespielt und ein Tor gemacht. Mein Anspruch war bei der EM zu spielen.“ Dennoch strahlt Mittelstädt, wenn er von den Erfahrungen und Erlebnissen mit dem DFB-Nachwuchs in Italien spricht. So sehr, dass er schon an das nächste Turnier denkt. „Für die U21 bin ich jetzt zu alt. Aber im nächsten Sommer ist Olympia“, erklärt er. Die Spiele 2020 in Tokio sollen der Abschluss seiner Juniorenkarriere werden, das Ziel für die Zeit danach ist klar: „Ich will bei der A-Nationalmannschaft angreifen.“

Covic prophezeite Zusammenarbeit

Um sich in den Fokus von Bundestrainer Joachim Löw zu spielen, muss er mit Hertha BSC in der Bundesliga erfolgreich sein. Dabei helfen soll sein neuer Teamkollege Eduard Löwen, den Mittelstädt während der EM-Vorbereitung von einem Wechsel überzeugte. Viel Kraft kostete ihn das nicht. Mittelstädt, der seinen Vertrag im Mai bis 2023 verlängerte, trägt die Fahne im Herzen. „Ich bin mit dem Klub aufgewachsen, stand am Trainingsplatz und im Stadion. Wenn Hertha ein Spiel verloren hatte, war ich die ganze Woche traurig.“

Daran, dass die Anhänger in der kommenden Spielzeit mehr zu lachen als zu weinen haben, arbeitet er nun mit seinem einstigen Entdecker. „Ante war der Grund, warum ich damals zu Hertha kam. Das ist schon krass, wenn man jetzt ein paar Jahre später zurückschaut“, findet Mittelstädt. Dabei hatte ihm Covic bereits prophezeit, dass er unter ihm spiele. „Ob er damals dachte, dass ich bei ihm in der U23 in der Regionalliga spiele, oder ob er schon ahnte, dass wir zusammen bei den Profis arbeiten würden, weiß ich nicht.“ Während Covic schnell zum U23-Trainer aufstieg, ging es für Mittelstädt Schritt für Schritt. Jetzt wollen sie gemeinsam den nächsten machen.