Köln - Etwa zwei Stunden nach dem Pokalsieg gegen den FC Viktoria Köln saß Jos Luhukay in einem Ledersessel, das Kinn in die rechte Hand gestemmt, die Mannschaft und alle Betreuer vor, hinter oder um sich, in der Flughafenbar lief gerade die Sportschau. Warten auf den Rückflug nach Berlin. Sich selbst bei der Arbeit zuschauen. Nach dem Zusammenschnitt des 4:2 (2:0) hörte der im Sessel sitzende Luhukay den im Stadion stehenden Luhukay sagen: „Es ist auch wieder so, dass der Gegner nicht aufgesteckt hat ...“

Es folgten ein paar Pokalnettigkeiten, die ein Bundesligist immer übrig hat nach einem nicht ganz so hohen Sieg gegen einen Regionalligisten. Dann begann die Fernsehwahl zum „Tor des Monats“, doch da schlenderte Luhukay bereits in eine Boutique und befühlte ein paar Pullover. Herthas Trainer hatte genug Fußball gesehen. Der Auftrag, die zweite Pokalrunde zu erreichen – er war erledigt.

Etwa zwanzig Minuten nach dem Pokalsieg stand Peter Niemeyer unter der einzigen Tribüne im Sportpark Höhenberg und redete gegen den Stadionboxengesang dieser immer und überall so atemlosen Helene Fischer an. Und noch bevor ein neuer Tag erwachen konnte, sprach Niemeyer das aus, was die Berliner an diesem Sonnabend in Köln am meisten ärgerte: „Es ist ein Phänomen, dass man plötzlich glaubt, einen halben Schritt weniger machen zu müssen.“ Und als es bei Fischer schon wieder durch die nächste Nacht ging, gestand auch Sebastian Langkamp: „Wir sind auf einmal den einen oder anderen Meter zu wenig gelaufen.“

Plötzlicher Schock

Ob nun ein ganzer oder nur ein halber Schritt gefehlt hat, fest steht jedoch, dass durch zwei Gegentore in zehn Minuten dieses sichere 3:0 – Ronny (33., aus dem Lauf gehämmert), Roy Beerens (41., aus dem Stand gelupft) und Genki Haraguchi (51., im Fallen geschlenzt) – unsicher geworden war. Luhukay drückte es so aus: „Meine Mannschaft wusste nicht, wie es kam. Plötzlich war ein Schock da.“ Doch dann, neun Minuten nach diesem Schock, grätschte Julian Schieber (76.) den Ball zum 4:2 ins Tor. Und die zwischenzeitliche Sorge, was wäre wenn wir schon wieder so früh ... – sie war unbegründet. Von einem Pokalspiel, das sie bei Hertha nach eigenen Angaben unbedingt gewinnen mussten, blieb am nächsten Tag vor allem die Erleichterung, dass sie es letztlich gewinnen konnten.

Etwa achtzehn Stunden nach dem Pokalsieg setzte sich Ronny auf einen Hocker in Herthas Medienraum und versprach: „Ich werde mehr spielen in der neuen Saison.“ Hinter ihm an der Wand hing ein Bild aus der alten Saison. Ein weit aufgerissener Mund, ein paar weiß funkelnde Zähne, ein torjubelnder Ronny. Ein eher seltener Anblick zuletzt.

Wenn es neben der Erleichterung auch eine Erkenntnis gab, dann die, dass Ronny wieder jubeln kann. Nach seinem Tor, das er im Ronnykurzsprech einfach nur als „schön“ bezeichnete, und nach einem Assist, steil auf Haraguchi durchgesteckt, ließ sich Luhukay zu einer ungewohnten Lobrede hinreißen: „Er hat das Gefühl, das Timing, das Auge für die Tiefe, das Vermögen für den Pass.“ Das sagte Luhukay am Pokalabend. „Für ihn war das wichtig – und für uns war es das auch.“ Das sagte er am Morgen danach. Und: „Dass er mal zu faul ist oder zu dick oder schlecht trainiert, das habe ich nie gesagt.“ Das haben immer die anderen getan.

Stimmiger Dreiklang

Die Sache ist die, Luhukay will Ronny („Er kann in einer Topverfassung jeder Mannschaft helfen“) ein wenig starkreden. Die Sache ist aber auch die, dass Ronny tatsächlich top und stark drauf ist. Er hält den Ball nicht mehr so lange wie früher, und er hat offensichtlich verstanden, dass Defensivarbeit in der Offensive beginnt. Luhukay sagt: „Ronny hat am längsten gebraucht für die Umstellung von Zweite auf Erste Liga.“ Und jetzt sieht es halt so aus, als würde er am Sonnabend beim ersten Bundesligaspiel gegen Werder Bremen erneut auflaufen dürfen – erneut von Beginn an. Aber das weiß man bei einem wie Luhukay erst, wenn die Aufstellungsbögen kurz vor dem Anpfiff verteilt werden. Es kommt eben auf den Gegner an.

Luhukay hat das so gewollt: einen Kader, der so tief wie breit besetzt ist, dass sich das Team nicht von alleine aufstellt, sondern, dass er wählen und je nach Matchplan reagieren kann. In dieser Situation befindet sich Luhukay zum ersten Mal in seiner dritten Trainersaison bei Hertha. Er sagt zufrieden: „Ich habe einen sehr guten Kader, eine hohe Konkurrenzsituation.“ Bedeutet aber auch: Die wöchentliche Spielerziehung 11 aus 27 ist kompliziert geworden.

Für das Pokalspiel hat Luhukay im defensiven Mittelfeld zum Beispiel Niemeyer gezogen, und das hat selbst Viktorias Trainer Claus-Dieter Wollitz überrascht: „Da wusste ich, Hertha nimmt uns ernst.“ Denn Niemeyer ist einer, der nicht mehr macht, als er kann, aber das, was er kann, war nun mal gefragt am Sonnabend: Bälle erobern, Konter stoppen, Anweisungen geben. Vor allem Letzteres ist Luhukay wichtig, er hat dafür einen Dreiklang entwickelt: „Motivieren, stimulieren und korrigieren.“ Klingt alles stimmig. Vorerst.