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Immer mal wieder träumen die Anhänger von Hertha BSC von einem reinen Fußballstadion – vor allem die älteren Fans, die einst noch die „Plumpe“, den legendären Sportplatz der Herthaner am Gesundbrunnen kannten. Dort war man ganz dicht am Spielfeldrand, roch den Rasen und hörte die Schreie der Spieler.

Mit Gründung der Bundesliga 1963 aber war die Plumpe, die in den Sechzigerjahren nur gut 20 000 Zuschauer fasste, nicht mehr tauglich, und Hertha BSC zog ins Olympiastadion um. Als die Arena von 2000 bis 2004 wegen der Weltmeisterschaften im Jahr 2006 total saniert und umgebaut wurde und Hertha lange auf einer Baustelle spielen musste, wurde häufig über den Bau einer reinen Fußballarena diskutiert – dieser Plan aber verworfen.

Deutsches Wembley

In regelmäßigen Abständen kocht das Thema wieder hoch, auch weil der Mietvertrag von Hertha mit dem Stadion und dem Land Berlin 2017 ausläuft. Mal wurde für eine neue Arena ein Standort im Norden nahe Hennigsdorf diskutiert, mal im Süden nahe dem ehemaligen Grenzkontrollpunkt Dreilinden oder auf dem Tempelhofer Feld. Es blieben theoretische Überlegungen.

Manager Michael Preetz sagte dieser Tage zu diesem Thema: „Wir fühlen uns im Olympiastadion sehr wohl. Das ist unser Wohnzimmer.“ Und auch Trainer Jos Luhukay schwärmt von dieser 74 200 Zuschauer fassenden Arena, die Historie mit Modernität verbindet: „Ein klasse Stadion!“ Immerhin ist das Olympiastadion seit 1985 auch Austragungsort des DFB-Pokal-Finals und wird als „deutsches Wembley“ tituliert.

Entfesselte Gefühle

Dennoch gilt die „Plumpe“, die von 1924 bis 1974 existierte, als einst „schönstes Fußballstadion Berlins“. Vor dem Zweiten Weltkrieg fasste die enge Arena, deren beide Hintertortribünen steil aufragten und die Namen „Uhrenberg“ und „Zauberberg“ trugen, 35 000 Zuschauer. In den „Hertha-Nachrichten“ aus dem Jahr 1928 gibt es eine wunderbare Beschreibung der Atmosphäre am Gesundbrunnen: „Im Fußballstadion an der Plumpe, zu dessen unmittelbarem Einzugsgebiet die Arbeiterquartiere des Nordens gehörten, konnten die Gefühle für eine kurze Zeit entfesselt werden. Hier durfte der Gegner oder Konkurrent bekämpft, gehasst, ausgebuht werden, und alle Phasen des Kampfes lagen sinnfällig offen vor Spieler und Zuschauer. Hier traten einige wenige stellvertretend für die große Masse der Zuschauer heraus aus der Bedeutungslosigkeit, zu der die meisten in der Arbeitswelt verurteilt waren. Hier gab es in der Sekunde des Spiels keine Herkunfts-und Vermögensunterschiede, nur Könner und Nichtkönner, und dies sei eine Form des ‚sozialen Ausgleichs‘, wie sie sonst nur in der Utopie existiert.“

Nicht nur wegen der Bundesliga 1963 verlor die „Plumpe“ später an Bedeutung. Nach dem Bundesligaskandal 1971, in den auch 15 Hertha-Spieler involviert waren, sank der Zuschauerschnitt im Olympiastadion rapide, Vertrauen musste erst neu erkämpft werden, nachdem Bestechungsgeld angenommen worden war. Bei Hertha häuften sich die Schulden, sie stiegen auf rund 6,6 Millionen Mark. Deshalb musste die „Plumpe“, ohnehin nicht mehr ligatauglich, verkauft werden. Auf einer Vollversammlung 1972 unter Präsident Heinz Warneke wurde der Notverkauf des einstigen Lieblingsortes der Herthaner beschlossen: Mit 163 Ja-Stimmen, 15 Enthaltungen und 57 Gegenstimmen. Warneke hatte gedroht: „Wenn wir nicht verkaufen, gehen wir in Konkurs.“

Verkauf macht Hertha schuldenfrei

Später stimmte das Berliner Abgeordnetenhaus der Umwidmung des Sportplatzes in Baugelände zu. Schließlich ging das Objekt für 6,2 Millionen Mark an eine Münchener Baugesellschaft. Hertha hatte zwar die geliebte „Plumpe“ verloren, war aber nahezu schuldenfrei.

Wer heute auf Spurensuche an den Gesundbrunnen geht, entdeckt nicht mehr viel. 440 Wohnungen thronen auf dem Gelände, wo einst die „Plumpe“ abgerissen wurde, und auf einer kleinen Wiese vor den Häusern Behmstraße 38-42 stehen vier Bronzefiguren auf Sockeln, die an die fußballerische Vergangenheit des Ortes erinnern sollen. Ein paar Hundert Meter entfernt, vor dem neuen Gesundbrunnen-Center, einem Einkaufstempel, gibt es einen Vorplatz, der den Namen des einstigen Hertha-Idols Hanne Sobek trägt. 1930 und 1931 führte er Hertha als Kapitän und bester Spieler zur Deutschen Meisterschaft.