Trio infernale: Santagio Ascacibar und Rune Jarstein (außen) sind chancenlos gegen Jhon Cordobas (innen) Kopfball.
Ottmar Winter

Berlin - Eigentlich kam der Lieblingsgegner gerade zur rechten Zeit. Seit mehr als zehn Wochen wartete Hertha BSC auf einen Heimsieg. Nur drei der bisherigen elf Spiele gewannen die Berliner in dieser Saison im Olympiastadion. Aber auch gegen den 1. FC Köln, gegen den die Blau-Weißen sechs der vergangenen sieben Partien für sich entscheiden konnten und das Hinspiel am Rhein noch mit 4:0 gewannen, unterlag Hertha nach einer desolaten Leistung mit 0:5 (0:3).

Durch die Niederlage rutschen die Berliner wieder näher an die Abstiegszone heran. Neben der Chance den Heimkomplex zu überwinden und die Katerstimmung nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann final ad acta zu legen, verpasste es Hertha auch, erstmals seit dem 3. Spieltag Ende August wieder am Stadtrivalen 1. FC Union im Tableau vorbeizuziehen – die Köpenicker spielen erst am Montagabend bei Eintracht Frankfurt.

Alexander Nouri, 40, änderte bei seiner Premiere zu Hause als Cheftrainer der Blau-Weißen seine Startelf im Vergleich zum 2:1-Sieg in Paderborn in der Vorwoche auf zwei Positionen. Der zuletzt formschwache Mittelfeldmann Marko Grujic und Flügelspieler Marius Wolf rückten für Per Skjelbred und Peter Pekarik in die Mannschaft.

Nouris Worte verpuffen

Personell unterstrichen die Änderungen Nouris Vorhaben, endlich attraktiver und offensiver Fußball spielen zu lassen, nachdem Hertha lediglich 12 Tore vor den eigenen Fans in dieser Spielzeit erzielte. „Wir wollen mehr Torgefahr ausstrahlen, mehr Abschlüsse haben, mehr Bälle im gegnerischen Drittel sichern, um nachrücken zu können. All die Themen werden sich entwickeln mit Selbstvertrauen und dem Gefühl der Spieler füreinander auf dem Platz, mit der Abstimmung, mit den Laufwegen. Wir sind total davon überzeugt, dass wir auch mal mehr als zwei Tore schießen können“, hatte Nouri noch vor dem Spiel kundgetan.

Davon war im Spiel gegen den Effzeh allerdings nicht ansatzweise etwas zu erkennen. Bereits in der vierten Minute ließ sich Hertha ohne große Gegenwehr auskontern. Maximilian Mittelstädt und Marko Grujic spielten tief in der gegnerischen Hälfte „Nimm du ihn, ich habe ihn sicher“, sodass Elvis Rexhbecaj sorgenfrei über die rechte Seite sprinten konnte und Jhon Cordoba, dessen Schuss Santiago Ascacibar noch abfälschte, zum 0:1 bediente.

Von Hertha war nach dem frühen Nackenschlag kein Aufbäumen zu erkennen. Die Spieler von Köln-Trainer Markus Gisdol waren wacher und führten die Zweikämpfe bissiger. Den Berlinern fehlte es dagegen an der Spielanlage. Ideen- und konzeptlos präsentierten sich Nouris Spieler, die Abstände untereinander und den einzelnen Mannschaftsteilen stimmten überhaupt nicht. Entsprechend einfach konnte Cordoba sein zweites Tor erzielen: Der 1,88 Meter große Stürmer  gewann - wenig überraschend - nach einer Flanke von Ismail Jakobs das Kopfballduell gegen den zwanzig Zentimeter kleineren Santiago Ascacibar und ließ Hertha-Torhüter Rune Jarstein keine Chance (22.).

Slapstick von Jarstein

Der erschreckend schwache Auftritt in der ersten Halbzeit, in der Hertha keinen Schuss auf oder neben das Gästetor abgab, endete in einer wahren Slapstick-Einlage in der 37. Minute: Cordoba, der hauchdünn nicht im Abseits stand, lief alleine auf Jarstein zu, umkurvte den Norweger und legte quer auf Florian Kainz, dessen Schuss Jarstein zwar noch von der Linie an den Pfosten, dann aber doch ins eigene Tor lenkte.

Das gellende Pfeifkonzert der 46.207 Zuschauer schickte die Herthaner nicht nur in die Kabine, sondern begrüßte sie auch zum Wiederanpfiff. Nouri, der zweifellos jeden seiner elf Spieler hätte auswechseln können, brachte Vladimir Darida und Dodi Lukebakio für Matheus Cunha und Arne Maier.

Besser wurde Herthas Auftritt dadurch nicht. Zwar gaben Sturm-Hoffnung Krzysztof Piatek, der alleine auf das Kölner Tor zulief, aber lediglich deren Rückhalt Timo Horn anschoss, und Lukebakio die ersten Torschüsse ab. Doch nach einem Spaziergang von Ellyes Skhiri durch das Berliner Mittelfeld durfte auch Kainz sein Tor feiern (62.), nachdem sein erstes Erfolgserlebnis als Eigentor von Hertha-Keeper Jarstein gewertet wurde.

Spott aus dem Gästeblock

Das 0:4 und die mangelnde Gegenwehr der Herthaner veranlassten die rund 3000 mitgereisten, ohnehin in Karnevalsstimmung befindenden Effzeh-Fans, zum umtexten eines bekannten Schlagersongs. „Hey, was geht ab“, schallte es durch das Olympiastadion, „wir schießen die Hertha ab.“

Der Gesang und die Partystimmung im Gästeblock wurden noch lauter, als Mark Uth nach 70 Minuten einen direkten Freistoß aus rund 25 Metern zum 0:5 in den Winkel zirkelte. Die frustrierten Hertha-Fans, die daraufhin zahlreich bereits das Stadion verließen, taten dies begleitet von „Jürgen Klinsmann“-Rufen aus dem Kölner Block.

Herthas Ostkurve, dort, wo die treusten Blau-Weißen stehen, quittierte den lethargischen Auftritt ihres Teams mit Hohn und Spott, indem sie einzelne, einfache Passstafetten ihrer eigenen Profis mit Jubel begleiteten.

Die blau-weißen Kicker zeigten sich nach Schlusspfiff entsprechend ernüchtert. "Das war ein extrem bitterer Tag und ein Scheißspiel von uns", erklärte Niklas Stark. "Gefühlt war heute jeder Kölner Torschuss drin." Kölns Verteidiger und Ex-Unioner Toni Leistner setzte auf den ohnehin gebrauchten Nachmittag noch einen drauf. "Berlin bleibt rot-weiß", sagte er grinsend.