Ante Covic, 43, ist seit diesem Sommer Cheftrainer von Hertha BSC, auch weil er – wie Manager Michael Preetz immer wieder betont – die DNA des Klubs in sich trägt. Vor dem ersten Saisonheimspiel am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg sprachen wir mit ihm unter anderem über seine ersten Erfahrungen in der neuen Verantwortung und den mitunter schon nervigen Vergleich mit seinem Vorgänger Pal Dardai.

Herr Covic, in Ihrer Karriere gibt es auch allerlei Brüche. Bevor Sie zu Hertha BSC zurückkehrten, waren Sie sogar ein Jahr vereinslos.

Ich stand 2002 beim 1. FC Saarbrücken kurz vor der Vertragsverlängerung und riss mir dann beim Joggen, als ich über einen Ast gestolpert bin, das Kreuzband. Als vereinsloser verletzter Spieler hast du kaum eine Chance weiter Fuß zu fassen. Als ich wieder gesund war, war ich bereits mit dem SC Paderborn einig. Trainer Pavel Dotchev wollte mich unbedingt haben. Ich war auch schon auf dem Weg zur Vertragsunterzeichnung, als mich Dieter Hoeneß (damals Hertha-Manager, d. R.) anrief und sagte: „Junge, du kommst jetzt nach Hause!“

Dem konnten Sie nicht widerstehen?

Gott sei Dank habe ich mich da wieder für Hertha entschieden. Dort habe ich dann noch sieben Jahre gespielt, mit fließendem Übergang zum Co-Trainer. Das war mein Einstieg in die Trainerkarriere. Dafür bin ich sehr dankbar. Und trotz vieler Angebote in den vergangenen Jahren bin ich bei Hertha geblieben, denn ich war immer der Meinung, dass man sich am besten entwickeln und verwirklichen kann, wenn man auch langfristig plant.

Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert, seitdem bekannt wurde, dass Sie Herthas neuer Cheftrainer werden?

Ich werde jetzt häufiger angesprochen, wenn ich einkaufen gehe. Aber ich bewege mich ja seit zig Jahren in meinem gleichen Umfeld, außerhalb wie auch im Verein, und habe auch seit vielen Jahren den selben Freundeskreis. Darunter sind viele, die nichts mit dem Fußball zu tun haben, die ich über meine Kinder vor 20 Jahren kennengelernt habe. Dass dieser Kreis anonym ist, darauf lege ich großen Wert. Man darf im Fußball und im Leben nicht den Blick für die Realität verlieren. Für mich ist entscheidend, dass ich mich bei meiner Arbeit als Person nicht verändern muss. Ich werde immer so bleiben, wie ich bin. Ob als Trainer der U23 oder jetzt bei den Profis. Ich bleibe derselbe Mensch, auch wenn sich die Wahrnehmung in Details ändert. Ich muss mich für diesen Job nicht verändern. Das ist das Schönste für mich. Sobald ich das Grün des Rasens sehe, bin ich scharfgestellt. So ticke ich schon immer. Aber außerhalb des Platzes bin ich anders.

Ist es für Sie besonders schwer, das Erbe von Pal Dardai anzutreten?

Pal hat über viereinhalb Jahre einen tollen Job gemacht. Ich beschäftige mich aber nicht mit der Vergangenheit. Man profitiert nicht davon, wenn man in der Vergangenheit lebt. Man versucht, sich selbst treu zu bleiben und seine eigenen Impulse zu setzen. Jeder Mensch, der voreilig über mich geurteilt hat, der gesagt hat, das ist dieselbe Soße wie bei Pal Dardai, ist nach relativ kurzer Zeit eines Besseren belehrt worden.

Was meinen Sie mit selber Soße?

Viele haben gesagt, dass bei Pal und mir dasselbe rauskommt, weil ich wie auch er vorher Mannschaften unserer Akademie trainiert habe. Warum setzt der Verein nicht einen anderen Impuls. Da habe ich mich gefragt: Ihr wisst doch gar nicht, wie ich arbeite. Ihr wisst doch gar nicht, was ich für ein Mensch bin. Es gibt für mich auf der ganzen Welt keine zwei gleichen Trainer. Der eine hat hier seinen Schwerpunkt, der andere dort. Von daher sollte man Menschen Zeit geben. Das meinte ich damit.

Nerven Sie die Vergleiche?

Nein, weil das ja gar nicht geht. Dann vergleicht man Birnen mit Äpfeln. Wir sind zwar beide Trainer. Pal hat sich in seiner Zeit und mit seiner Art ein gewisses Standing erarbeitet. Das war eine enorme Leistung über viereinhalb Jahre bei einem Bundesligisten. Ich bin erst am Anfang.

Es geht ja dabei nicht in erster Linie um den Menschen, sondern vielmehr darum, die Unterschiede in der Trainerarbeit zu analysieren.

Wir haben beide eine etwas unterschiedliche Auffassung vom Fußball. Jeder legt auf etwas anderes mehr Wert, ohne jetzt zu sagen: Das ist besser, das ist schlechter. Letzten Endes befinden wir uns im Profi-Fußball. Da wird nach Ergebnissen abgerechnet. Die Tabelle lügt nicht. Und wir Trainer werden alle daran gemessen. Nichtsdestotrotz werde ich alles daran setzen, dass die Mannschaft jederzeit bestmöglich vorbereitet ist, damit wir einen ordentlichen Platz belegen.

Haben Sie ein Ritual vor oder nach den Spielen? Vielleicht etwas, was Sie bereits als Spieler schon gemacht haben?

Nein. Das Einzige, was ich als Trainer anders mache ist, dass ich wesentlich durchdachter an die Sache rangehe. Ich gestalte die Abläufe der ganzen Wochen so, dass ich mit dem Gefühl ins Spiel gehe, die Hausaufgaben bestmöglich erledigt zu haben. Am Spieltag hinterfrage ich mich noch mal kurz, ob wir rückblickend in der Vorbereitung auf die Partie alles gemacht haben. Dann geh ich mit einem positiven Gefühl in das Spiel. Ich werfe den Jungs über die Woche ein Paar Anker auf den Platz, an denen sie sich dann im Spiel festhalten können.

In der ersten Runde des DFB-Pokals souverän mit 5:1 gegen Eichstätt weiter, jetzt die große Überraschung mit dem 2:2-Auswärtserfolg beim FC Bayern. Es ging gut los. Jetzt kommt das erste Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg ...

Das erste Heimspiel löst bei mir noch mal ein zusätzliches Kribbeln aus. Ich würde lügen, wenn ich das verneinen würde. Ich bin über 20 Jahre im Verein und werde am Sonntag erstmals in anderer Funktion in unser Wohnzimmer gehen. Man schaut sich um, rechts, links. Da werden mit Sicherheit Erinnerungen an die vielen schönen Momente, die man dort mit anderen Menschen in der Vergangenheit hatte, hochkommen. Dass ich dann auch Gänsepelle haben werde, keine Frage.

Welche ist Ihre schönste Erinnerung an das Olympiastadion?

Der 2:1-Sieg im Jahr 1998 gegen Bayern, der Aufstieg in die Bundesliga, der Sieg gegen Kaiserslautern in der Zweiten Liga. Das sind so viele schöne Momente, die man nicht vergleichen kann und die unvergesslich bleiben. Ich war ein Teil davon, ein Teil der Mannschaft, die diese Stadt damals für Hertha wieder begeistert hat. Da ist ein Funke übergesprungen. Diejenigen, die schon länger hier sind, wissen, dass Hertha früher vor gerade mal 4 500 Zuschauern spielte. Doch dann haben wir 1996 ein Feuer entfacht. Jetzt müssen wir schauen, wie wir die Flamme regulieren und ob wir sie noch weiter nach oben peitschen können. Das wäre schön.

Das Gespräch führten Wolfgang Heise und Sebastian Schmitt.