BerlinBruno Labbadia kennt sich mit Wiedersehen aus. Schließlich ist Hertha BSC für den Hessen bereits die fünfte Trainerstation in der Bundesliga. Dennoch ist das erstmalige Aufeinandertreffen mit dem VfL Wolfsburg am Sonntagabend für ihn „etwas Besonderes“. Für die Niedersachen war Labbadia eineinhalb Jahre verantwortlich, bis sich die Wege im Sommer 2019 nicht ganz geräuschlos trennten. Dem Vernehmen nach hätte Labbadia gerne den sportlichen Erfolg mit dem Werksklub durch ein längerfristiges Engagement zementiert. Dagegen trat der in den Abgasskandal verwickelte Konzern eher auf die Kostenbremse. 

Wenngleich die Ziele unterschiedlicher Natur waren, zur Trennung kam es aufgrund von zwischenmenschlichen Differenzen mit VfL-Manager Jörg Schmadtke. Daraus machte dieser mit seiner teilweise etwas kauzigen Art keinen Hehl. Er werde sicherlich „keinen gemeinsamen Urlaub planen“ und habe zu Labbadia auch „kein freundschaftliches Verhältnis“, erklärte Schmadtke bereits, bevor sich die Wege trennten.

Dennoch blicke Labbadia mit Vorfreude auf das Duell mit seinem früheren Arbeitgeber. Er habe nun mal selbst entschieden, dass er seinen Vertrag nicht verlängere. „Wenn etwas schmerzhaft war, dann war es die Trennung von der Mannschaft, die ich eineinhalb Jahre aufgebaut habe“, erklärt Labbadia nun. Damals rettete der 54-Jährige Wolfsburg vor der Zweiten Liga und führte sie im Folgejahr bis in die Europa League. „Das schweißt zusammen“, sagt Labbadia.

Labbadias Wahrnehmung hat sich in Wolfsburg verändert

Dass Herthas Cheftrainer ohne Groll zurückblickt liegt auch daran, dass sich seine öffentliche Wahrnehmung während seiner Amtszeit beim VfL veränderte. Haftete an ihm früher trotz seiner Erfolge beim VfB Stuttgart, den er ebenfalls von einem Abstiegskandidaten zu einem Europa-League-Teilnehmer formte, stets der Ruf als limitierter Feuerwehrmann („Wir steigen ab, wir kommen nie wieder, wir haben Bruno Labbadia!“), gelang es Labbadia, sich in seiner Zeit in der Auto-Stadt als ein Fachmann zu etablieren, der eine Mannschaft entwickeln und bei einem Klub etwas aufbauen kann. Am Ende hatte der Hesse in Wolfsburg deutlich mehr Fürsprecher als Kritiker.

Um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, half sicherlich, dass Labbadia nun bei Hertha BSC eine noch reizbarere Aufgabe gefunden hat. Die Rettung vor dem Absturz in die Zweite Liga ist ihm nach seiner Amtsübernahme während der Corona-Zwangspause erneut in beeindruckender Weise geglückt. Anders als beim VfL ist nun allerdings der Start in die neue Saison misslungen. Mit nur drei Punkten steht Hertha vor dem sechsten Spieltag bereits gehörig unter Druck. Dass die Erwartungshaltung bei den Blau-Weißen seit dem Einstieg von Geldgeber Lars Windhorst eine andere ist, stört Labbadia nicht. „Ich mache mir persönlich den größten Druck. Was dann von außen kommt, tangiert mich weniger“, erklärt er.

Damit das auch so bleibt, muss nach vier Niederlagen in Serie ein Sieg her. Dabei helfen könnte Arsenal-Leihgabe Mattéo Guendouzi, der die wichtige Position im zentralen Mittelfeld einnehmen könnte. Der französische U21-Kapitän habe seine elftägige Quarantäne nach der Covid-19-Erkrankung überstanden und im Training einen guten Eindruck hinterlassen. Hoffnung schöpft Labbadia auch aus der 1:2 Niederlage in Leipzig. „Das Ergebnis war enttäuschend. Die Spielweise nicht. Wir haben viele Dinge richtig gut gemacht“, erklärt er. Gelingt der erste Heimsieg der Saison, wäre es zugleich Labbadias 100. Erfolg als Bundesligatrainer. „Das bedeutet mir nichts“, sagt Labbadia. Gleichzeitig weiß er, dass drei Punkte beim besonderen Wiedersehen mit seinem alten Arbeitgeber „uns allen und dem Team guttun würden“.