Schulterschluss an der Seitenlinie? Herthas Kapitän Vedad Ibisevic und Trainer Jürgen Klinsmann im Berliner Olympiastadion im beobachtenden Einsatz.
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BerlinChristian Streich, das Trainer-Original vom SC Freiburg, trifft am Sonnabend im Olympiastadion zum ersten Mal persönlich auf Jürgen Klinsmann, 55, der Hertha BSC nun seit zweieinhalb Wochen trainiert und aus dem Tabellenkeller der Liga führen will. „Ich kenne ihn nicht“, verriet Streich, 54, vor dem Auftritt seiner Mannschaft in Berlin, „aber da wir fast gleich alt sind, habe ich ihm viele Jahre im Fernsehen als Spieler zugeschaut. Er ist eine spannende Persönlichkeit im deutschen Fußball, sowohl als Spieler, als auch als Trainer.“ Diese Einblicke gab Streich kürzlich im SWR-Fernsehen.

Streich hat garantiert auch eine berühmte Szene im Fernsehen konsumiert, die sich beim Bundesliga-Duell der Freiburger im Mai 1997 beim FC Bayern München abspielte. Damals trainierte Streich noch die U19 der Breisgauer und Volker Finke führte die Profis. Das Spiel in München war die Begegnung des Tabellenführers Bayern gegen den Tabellenletzten Freiburg. Beim Stand von 0:0 wechselte Bayern-Coach Giovanni Trapattoni in der 80. Minute den Welt-und Europameister Klinsmann aus und schickte den Vertragsamateur Carsten Lakies auf Feld. Klinsmann aber trat vor Wut in eine Werbetonne, die nahe an der Reservebank stand. Das Loch war groß und Klinsmann zog sich leichte Schürfwunden am Schienbein zu, wie er später zugab. Es sind also ungute Erinnerungen, die Klinsmann mit dem SC Freiburg verbinden, aber sie sind eben sehr lange her. Damals wurde Bayern Meister, Klinsmann hatte 15 Tore beigesteuert. Freiburg stieg ab.

Ibisevic sitzt neben Klinsmann

Ganz anders ist die Konstellation, wenn Hertha am Sonnabend (15.30 Uhr) die Freiburger empfängt. Der Sportclub reist als Tabellenfünfter an und steht sogar vor dem FC Bayern. „Das ist schön für eine historische Nachbetrachtung in 100 Jahren, wenn wir unsere 200-Jahrfeier haben“, sagte Streich witzig. Mit diesem „Charakter-Typ“, so Klinsmann, trifft nun der dienstälteste Trainer der Liga– im Januar ist er acht Jahre Chefcoach im Breisgau – auf Herthas Chef, der erst 18 Tage die Berliner trainiert.

Auf der Pressekonferenz vor dem brisanten Duell saß überraschend Angreifer Vedad Ibisevic neben Klinsmann. Das kann – wer  will – als symbolischer Schulterschluss zwischen Kapitän und Cheftrainer interpretiert werden. Ibisevic, 34, besitzt großen Einfluss in der Mannschaft, ist aber mit seiner persönlichen Situation genauso wenig zufrieden wie mit der des gesamten Teams. In den Partien unter Klinsmann gegen Dortmund (1:2) und bei Eintracht Frankfurt (2:2) kam er lediglich 22 Minuten zum Einsatz. Dabei hatte Klinsmann zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, auf die erfahrenen Profis setzen zu wollen. Doch der Trainer bevorzugt im Moment in der Offensive die jüngeren Davie Selke und Dodi Lukebakio. „Beide sind gut drauf“, fand Klinsmann. Ibisevic gab ehrlich Auskunft: „Wir spüren die höhere Intensität im Training. Man kennt mich. Ich möchte immer gerne spielen. Aber in unserer Situation zählen keine Einzelschicksale. Ich bin gerne bereit, der Mannschaft auch von der Bank aus zu helfen.“

Wir sind bereit für Veränderungen und andere Abläufe. Wenn wir uns verbessern wollen, gehört das dazu.

Vedad Ibisevic

Ibisevic, der in 124 Spielen bisher 41 Tore für Hertha schoss, verhielt sich diplomatisch, als es um die vom Trainer angedachten Änderungen für die Rückrunden-Vorbereitung ging. Klinsmann will statt am 2. Januar schon am 29. Dezember mit dem ersten Training beginnen und eventuell das geplante Trainingslager in Florida vom 2. bis 11. Januar streichen und lieber nach Spanien fliegen. Ibisevic: „Wir sind bereit für Veränderungen und andere Abläufe. Wenn wir uns verbessern wollen, gehört das dazu. Früher aus dem Urlaub zu kommen, ist nicht angenehm, aber wichtig.“ Klinsmann lächelte bei den Aussagen des Kapitäns: „Wir sind gefordert. Am 19. Januar kommt zum ersten Spiel der FC Bayern nach Berlin. Wir benötigen mehr Tage zum Trainieren und müssen den Urlaub verkürzen. Das ist notwendig in unserer Situation. Das wäre anders, wenn man in der Tabelle weiter oben steht.“ Doch jetzt gelte die volle Konzentration den Spielen vor Weihnachten gegen Freiburg, in Levekusen und gegen Mönchengladbach.

Der Trainer fordert unbedingt einen „Dreier“ gegen Freiburg. „In Frankfurt waren wir nahe dran. Wir sind 15. und müssen nach oben.“ Wie das gegen die Überraschungs-Mannschaft aus dem Breisgau gelingen soll? Klinsmann: „Wir müssen die Zweikämpfe gewinnen und eine kontrollierte Aggressivität zeigen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“ Vedad Ibisevic nickte.

Bleibt zu hoffen, dass Klinsmann am Sonnabend gegen 17.20 Uhr mit seinen Profis jubeln kann und nicht etwa gegen die Trainerbank tritt. Eine Werbetonne steht im Olympiastadion nämlich nicht in der Nähe.