Eigentlich brauchte es ja keinen weiteren Beweis mehr dafür, dass Uli Hoeneß seine Orientierung in der modernen Fußballwelt verloren hat. Doch dann saß der Präsident des FC Bayern neulich beim Fernsehstammtisch „Doppelpass“ und rechnete mit den Taktikexperten ab, die ein simples Spiel nur verkomplizieren würden mit ihrem Laptopwissen. „Wenn ich immer höre“, sagte Hoeneß und fuchtelte sich in Rage, „der spielt dann mit der Dreierkette, der spielt die Sechserraute oder die falsche Acht – vergesst das. Wenn einer nicht kicken kann, dann kann die Raute sein, wie sie mag, dann gibt es ein schiefes Dreieck.“

Rotation der Rechtsfüßer

Halt, Moment mal, schiefes Dreieck, war da nicht etwas? Und wie! Vor mehr als vier Jahren, in der ersten Hinrunde unter dem Cheftrainer Pal Dardai, überraschte Hertha BSC mit einer geometrischen Anomalie im Mittelfeld. Fabian Lustenberger, Per Skjelbred und Vladimir Darida waren wie drei Eckpunkte angeordnet. Oder wie drei Zahnrädchen in einem fein justierten Spielantriebsmotor, der lief und lief und lief – und andere laufen ließ. Selbst analoge Taktikexperten waren begeistert.

Und hier kommt der Bauplan: Hatte Torwart Rune Jarstein den Ball, ließ sich einer ausder zweiten Reihe zwischen die Innenverteidiger fallen und setzte automatisch die anderen beiden Rädchen in Bewegung. Eine Rotation der Rechtsfüßer war das, daher meist gegen den Uhrzeigersinn aufgezogen. Mit kurzen Pässen wurde die erste Pressinglinie überspielt, gelangte der Ball auf die Flügel, bis zur Grundlinie, Flanke – im Idealfall Tor.
Diesen rotierenden Spielaufbau nannten Dardai und sein Assistent Rainer Widmayer: schiefes Dreieck. Darida beschrieb es mal so: „Schauen, denken, handeln – und das ganz schnell.“ Und Skjelbred sagte: „Da passiert etwas, ich weiß nicht warum.“ Wussten die Gegner ja auch nicht immer.

Code geknackt

Erst in der Rückrunde gelang es der Konkurrenz, den Code zu knacken. Hertha stürzte vom dritten auf den siebten Tabellenplatz, aber landete immerhin noch weich in der dritten Qualifikationsrunde für die Europa League. Mit einem getunten Modell gelang ein Jahr später der Einzug in die Gruppenphase. Dieser Erfolg ist seitdem der Maßstab. Und gemessen am aktuellen Tabellenplatz elf ist die aktuelle Saison eine Enttäuschung.

Personalpuzzle für Fortgeschrittene

An diesem Sonntag um halb zwei (!) spielt Hertha in Hoffenheim, und noch nie war das Loch im Mittelfeld so groß. Einerseits, weil zuletzt kaum etwas in Bewegung geriet im Mittelfeld. Die Spieler schauten, dachten und handelten trotzdem falsch. Sie öffneten Räume, die zu Strafraumspaziergängen einluden. Mit jeder Niederlage stotterte der Motor mehr. Andererseits, weil Dardai die Optionen im zentralen Spielaufbau ausgehen. Die in dieser Saison zuständigen Arne Maier, Marko Grujic (beide verletzt) und Ondrej Duda (gesperrt) fehlen. Nicht einsatzfähig sind auch die inzwischen zu Aushilfskräften degradierten Lustenberger und Darida. Bleibt Skjelbred und ein Mister X, der Maximilian Mittelstädt heißt.

Dardai steht mal wieder vor einem Personalpuzzle für Fortgeschrittene. Es ist schon ein mittelgroßes Verletzungspech, das Hertha in dieser Saison vor allem in der Abwehr heimgesucht hat. Und dann hatten sie auch noch kein Spielglück. „Manchmal“, sagte Dardai am Freitag in der Spieltagspressekonferenz, „ist es ein wenig verhext.“ Doch spätestens nach der Heimniederlage gegen Düsseldorf geht es nicht mehr um höhere Mächte oder die Symptome einer Krankheit, es geht um die generelle Aussicht auf Heilung und damit um die Frage: Ist der praktizierende Trainerarzt Dardai überhaupt noch der Richtige? Schon das Spiel gegen Hoffenheim könnte sein letztes als Hertha-Trainer werden. Spätestens am Saisonende scheint eine Entlassung unumgänglich zu sein. Und das hat verschiedene Gründe.

Seltsamer Herrenwitz

Die sportliche Entwicklung unter Dardai war schon immer ein Wellenritt. Auf grandiose bis gute Hinrunden – 32, 30, 24 und noch mal 24 Punkte – folgten Rückrunden mit 18, 19, 19 und aktuell 11 Punkten. Das ohnehin bescheidene Saisonziel Platz neun ist kaum noch zu erreichen. Auf der nach unten offenen Enttäuschungsskala setzt nur die Unfähigkeit der anderen eine Grenze. Bis zuletzt konnte Dardai behaupten, dass seine Mannschaft zu jung sei, um konstant gute Auftritte hinzulegen. Er vertraute auf die Zukunft, auf die Zeit, die Michael Preetz ihm geben würde, ihm, dem Talentförderer und Spielerversteher.


Doch der Manager ist mit seiner Geduld am Ende, geht öffentlich immer mehr auf Abstand, widerspricht dem Trainer, wo er kann. „Ist das so?“ fragte er am Freitag. Und nannte die wichtigste Gemeinsamkeit: „Wir sind uns grundsätzlich einig, dass wir nicht zufrieden sind mit elf Punkten in der Rückrunde, das ist schon alles.“ Man müsse sich zusammensetzen, um nachzudenken, wie man da wieder rauskommt. Preetz will Fortschritte nicht erst in der kommenden Saison sehen, sondern jetzt, wo Hertha doch dabei ist, sich neuen Sponsoren zu präsentieren, die beim Stadionbau helfen könnten. Da sind Niederlagen in Serien keine gute Werbung. So wird die Zukunft nicht Berlin gehören.

Dardai spricht von "geplantem Mord"

Dazu kommt die Außendarstellung eines Trainers, der schon immer eine selektive Wahrnehmung hatte, dazu einen seltsamen Herrenwitz und eine zunehmend bedenkliche Eigenart, die Medien zu beschuldigen, ihnen Manipulation vorzuwerfen, zuletzt sogar „geplanten Mord“. So lange Dardai erfolgreich war, gingen seine Sprüche noch als Folklore durch, als Spleen einer Klublegende. In den vergangenen Monaten kippte das Stimmungsbild in der Klubführung, bei den Fans und innerhalb der Mannschaft, die sich in Teilen unterfordert fühlt von den immer gleichen Trainingsinhalten und nicht mehr angesprochen von den Männersprüchen in der Kabine.

„Aus schweren Zeiten kommt man nur mit Geschlossenheit“, sagt der Fußballphilosoph Salomon Kalou. Wird Hertha am Sonntag bloß als loser Verbund auftreten, werden die Zeiten noch schwerer.