Verteidiger Jordan Torunarigha, 22, zeigt unter Hertha-Trainer Bruno Labbadia endlich konstant gute Leistungen.
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BerlinDie wenigen Fotos, die während der Corona-Krise vom weiterhin nicht öffentlichen Hertha-Training nach außen dringen, transportieren ein eindeutiges Bild. Bruno Labbadia baut auf Jordan Torunarigha. Der Berliner Cheftrainer suchte unter der Woche das Gespräch mit dem 22-Jährigen, nahm sich viel Zeit für den Innenverteidiger und klopfte ihm nach intensivem Austausch und bevor das Training begann auf die Brust. Ganz klar: Hier ist ein Trainer sehr zufrieden mit seinem Spieler.

Die Gründe liegen auf der Hand: Torunarigha spielte unter Labbadia bisher jede Sekunde. Zunächst nur, weil die etablierten Kräfte Karim Rekik und Niklas Stark, beide 25, zum Neustart der Liga verletzungsbedingt nicht zur Verfügung standen. Torunarigha nutzte die Chance, machte zusammen mit dem erfahrenen belgischen Nationalspieler Dedryck Boyata, 29, das Abwehrzentrum dicht, das zuvor in einer turbulenten Hertha-Saison stets eine Schwachstelle war. „Mir hat gefallen, dass sich die beiden gegenseitig schützen. Sie spielen nicht neben-, sondern miteinander“, lobt Labbadia das neue Herzstück der blau-weißen Defensive.

Dass Labbadia als Förderer der Jugend gilt, ist schon länger bekannt. Während der Hesse, dem trotz seiner Erfolge beim VfL Wolfsburg immer noch der Ruf des Feuerwehrmanns anhaftet, jüngst wiederholte, dass er sich als Trainer weiterentwickelt habe, blieb er sich im Umgang mit Talenten treu. Bereits beim VfB Stuttgart zog er einst Timo Werner und den Neuköllner Antonio Rüdiger zu den Profis hoch, verhalf den beiden heutigen Nationalspielern zu ihren Bundesliga-Debüts. Auch bei Hertha debütierten in seiner bisherigen achtwöchigen Amtszeit zwei Nachwuchshoffnungen, Stürmer Jessic Ngankam, 19, und der erst 18 Jahre alte Offensivspieler Lazar Samardzic.

Im Fokus standen in den vergangenen Wochen dennoch andere. Vor allem die Oldies und das endlich attraktive Offensivspiel, was angesichts des fußballerischen Offenbarungseides, den Hertha zuvor über weite Strecken der Saison zeigte, nicht überraschte. Während im Angriff Veteran Vedad Ibisevic,35, beweist, dass er seinen Torriecher trotz der Degradierung unter Jürgen Klinsmann nicht verloren hat, überzeugen im Mittelfeld Antreiber Vladimir Darida, 29, und der rustikale Abräumer Per Skjelbred, 32.

Die exzellente Defensivarbeit des neuen Gespanns im Abwehrzentrum ging dabei fast ein wenig unter. „Er ist ein sehr lernwilliger Spieler, mit dem man sich beschäftigen muss“, sagt Labbadia über Torunarigha und erklärt seine festgehaltenen Streicheleinheiten: „Jordan bringt vieles mit. Er hat eine gute Anlage, die man aber auch zum Vorschein bringen muss, indem man immer wieder an Dingen mit ihm arbeitet.“

Das ist grundsätzlich nichts Neues. Der Deutsch-Nigerianer gilt seit Jahren als eines der vielversprechendsten Talente in Deutschland, verfügt mit seinem robusten Körper über ähnliche physische Voraussetzungen wie Jérôme Boateng. Gleichzeitig bemängelte sein größter Förderer, Ex-Trainer Pal Dardai, immer wieder seine Einstellung. Die letzte Professionalität würde ihm fehlen, was auch immer wieder zu Verletzungen geführt habe. Auch unter Dardais Nachfolgern Ante Covic und Klinsmann hatte der Chemnitzer einen schweren Stand. Die Zeichen standen bis vor kurzem eher auf Stagnation als auf Durchbruch.

Nun scheint es bei ihm unter Labbadia Klick gemacht zu haben. Der ehemalige U21-Nationalspieler, der abseits des Feldes eher schüchtern wirkt, dessen Spiel aber von Emotionen lebt, ist endlich über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei. „Wenn er die Sicherheit hat“, sagt Labbadia, „hat er einen sehr guten Spielaufbau, spielt gute Pässe und kann auch sehr konsequent am Mann sein.“ Das von Labbadia entgegengebrachte Vertrauen scheint ihm das benötigte Gefühl zu geben. „Er hat in den vier Einsätzen sein Potenzial gezeigt“, lobt der Coach.

So sehr, dass Labbadia vor der Partie bei Borussia Dortmund trotz der Genesung von Rekik und Stark keinen Anlass sieht, Herthas in dieser Saison so oft veränderte Innenverteidigung umzubauen. „Beide harmonieren sehr gut zusammen, haben aber noch viel Luft nach oben“, sagt Labbadia. Aufgrund der neuen Stabilität glaubt Hertha daran, selbst beim Tabellenzweiten den blau-weißen Höhenflug fortsetzen zu können. Daran, dass das Topspiel am Sonnabendabend für Torunarigha die nächste Feuertaufe wird, lässt Manager Michael Preetz keinen Zweifel: „Der BVB ist in der Offensive mit Spielern bestückt, die jederzeit in der Lage sind mit einer einzelnen Aktion ein Spiel zu entscheiden.“