In 34 Länderspielen stürmten sie Seite an Seite für Deutschland: Jürgen Klinsmann und Rudi Völler.
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LeverkusenEs gibt diese berühmte Geschichte, in der die beiden Weltklasse-Stürmer Rudi Völler und Jürgen Klinsmann eine Hauptrolle spielten und die im kollektiven Gedächtnis der deutschen Fußballfans tief eingebrannt ist. Es ist eine Episode, die sich während der Weltmeisterschaft 1990 in Italien abspielte, als die deutsche Nationalelf im Achtelfinale in Mailand auf die Niederlande traf.

Als das Duell im San Siro begann, schauten 25,33 Millionen Deutsche in der ARD zu. Der Holländer Frank Rijkaard sah zuerst nach einem Foul an Völler Gelb und bespuckte den deutschen Mittelstürmer danach. Der tobte und bekam ebenfalls die Gelbe Karte. Wenig später rangelten beide erneut und wurden vom Platz gestellt. Das alles passierte schon nach 22 Minuten. Völlers Sturmpartner Klinsmann rannte danach beinahe um sein Leben, kämpfte für Völler mit und machte das wohl beste seiner 108 Länderspiele.

Klinsmann trägt Völler Huckepack

Klinsmann schoß das 1:0 beim 2:1-Erfolg und sagte später: „Ich widme mein Tor dem Rudi. Es ist das erste Mal, dass ich ein Tor für jemand anderen geschossen habe.“ Ein paar Tage später wurden Völler und Klinsmann gemeinsam Weltmeister, und Klinsmann trug Völler Huckepack über den Rasen des Stadio Olimpico in Rom. In 34 Länderspielen stürmten beide gemeinsam. Viele Jahre danach, im Sommer 2004, löste Klinsmann seinen einstigen Partner als DFB-Teamchef ab, nachdem Völler nach der verkorksten EM in Portugal zurückgetreten war.

Nun gibt es eine neue Konstellation, die vor Wochen noch niemand ahnen konnte. Am Mittwochabend, wenn Hertha BSC mit Cheftrainer Klinsmann bei Bayer Leverkusen in der Liga antreten muss (18.30 Uhr), trifft er nach langer Zeit Völler wieder, der als Geschäftsführer Sport die graue Eminenz beim Werksklub ist. „Ich freue mich riesig“, ließ Klinsmann verlauten. Völler erklärte: „Ich freue mich sehr für Jürgen, dass er wieder da ist.“ Die Bayer-Ikone hat Respekt und sagt: „Ich bin mir sicher, dass Jürgen sehr ehrgeizig ist und allen beweisen will, was in ihm steckt.“

Bayer aber ist mit Völler in der Verantwortung seit vielen Jahren dort, wo Hertha BSC irgendwann hin will – regelmäßig im exklusiven Zirkel der Champions League. Da passt es gut, dass Klinsmann zwei Tage vor dem Duell mit Bayer im Live-Chat mit Hertha-Fans seine Visionen öffentlich machte. Auf die Frage eines Anhängers, wo er Hertha BSC in fünf Jahren sehe, antwortete Klinsmann: „Dieses Jahr ist es das Wichtigste, weg vom Abstiegsbereich zu kommen, aber im darauffolgenden Jahr müssen wir angreifen Richtung Europa.“ Und: „Ich hoffe, dass wir in drei bis fünf Jahren um einen Titel mitspielen und hoffentlich Präsenz im Europacup haben.“ Aussagen, die polarisieren werden im Hertha-Kosmos.

Wir haben alle ein gutes Gefühl, aber wir laufen jetzt nicht überschwänglich durch die Gänge wegen der drei Punkte gegen Freiburg.

Herthas Assistenzcoach Alexander Nouri

Soweit die Visionen, die Gegenwart sieht weitaus trister aus und heißt Abstiegskampf. Das weiß auch Klinsmann und sein Trainerstab, der nun hofft, dass die Mannschaft nach dem 1:0-Sieg gegen Freiburg befreiter aufspielen kann. „Wir haben alle ein gutes Gefühl“, sagte Assistenztrainer Alexander Nouri, der auf der obligatorischen Spieltags-Pressekonferenz Rede und Antwort stand, „aber wir laufen jetzt nicht überschwänglich durch die Gänge wegen der drei Punkte gegen Freiburg.“

Klinsmann arbeitet nach knapp drei Wochen in Berlin weiter daran, ein Grundgerüst zu finden, „um Kontinuität reinzukriegen“. Das bestätigte auch sein Zuarbeiter Nouri: „Wir brauchen Konstanz und sind weiter intensiv dabei, jeden Spieler genau kennenzulernen, seinen Charakter und seine Position, auf der er uns am meisten hilft. Das ist ein Prozess.“ Bislang gab es sechs Profis, die in allen drei Partien unter dem neuen Trainerstab in der Startelf standen: Dedryck Boyata und Karim Rekik in der Abwehr, Vladimir Darida und Marko Grujic im Mittelfeld und Davie Selke und Dodi Lukebakio im Angriff.

Nouri warnte indes vor Bayers Mannschaft: „Die sind sehr variabel. Die haben den zweithöchsten Ballbesitz nach dem FC Bayern und die zweithöchste Laufleistung nach Paderborn.“ Herthas Antwort: Klinsmann und Nouri wollen in der Bay-Arena vor allem „kompakt verteidigen und die Räume eng machen“, so der Co-Trainer, „da muss jeder für den anderen da sein, die Meter machen und Leidensfähigkeit mitbringen.“ Nouri verkündete: „Wir wollen etwas aus Leverkusen mitnehmen.“ Sein Chef, Klinsmann, ist da konkreter: „Wir wollen gewinnen.“