Berlin  - Das Spiel, das Hertha BSC laut eigener Auskunft, unbedingt gewinnen musste, hat Hertha BSC gewonnen. Und das allemal verdient, weil die Blau-Weißen beim 2:1 (0:1) gegen den FC Augsburg im Besonderen in Hälfte zwei zumindest mit einer großen Entschlossenheit zu Werke gingen. Den Siegtreffer erzielte dabei Dodi Lukebakio, der in der 89. Minute einen Foulelfmeter sicher verwandelte. Wie wichtig der Erfolg für den Hauptstadtklub war, lässt sich an der Tabelle ablesen. Mit 21 Punkten ist die Hertha dort nach 24 Spieltagen auf Platz 14 zu finden, fünf Punkte hinter dem FC Augsburg, punktgleich mit dem 1. FC Köln, der allerdings am Sonntagnachmittag mit einem Sieg gegen Werder Bremen wieder an der Mannschaft von Trainer Pal Dardai vorbeiziehen könnte. 

„In der Halbzeit hab ich gesagt: Das wird nicht mehr schlimmer. Das ist schlimm genug“, sagte Dardai, „dann war es aber besser. Und jetzt haben wir diesen wichtigen Dreier. Das war verdient, auch weil wir viel mehr Torchancen hatten. Ja, wie es ausssieht, kann diese Mannschaft Abstiegskampf. Kompliment.“

Die Woche über hatten die Hertha-Profis von ihren Vorgesetzten noch allerlei Lob abbekommen. Gut gearbeitet hätten sie bei den Übungseinheiten, befand beispielsweise Arne Friedrich, der Sportdirektor. Dardai war ebenfalls angetan von der Leistungsbereitschaft seiner Mannschaft, aber noch viel wichtiger, der Teamgeist, so der Ungar, sei jetzt top. 

Zeefuik und Klünter werden überspielt

Das mag sein, aber professioneller Trainingseinsatz und eine gute Stimmung in der Kabine reichen nicht aus, um am Spieltag vor Rückschlägen gefeit zu sein. Da braucht es schon eher Handlungsschnelligkeit und Konzentrationsfähigkeit, um bestehen zu können.

Mit entsprechenden Qualitäten wäre beispielsweise auch das 0:1 nach gerade mal 109 Sekunden Spielzeit zu verhindern gewesen, als die Augsburger über André Hahn, den Vorbereiter, und Laszlo Benes, den Torschützen, geistesgegenwärtig aus wenig sehr viel machten. Deyovaisio Zeefuik und Lukas Klünter waren jedenfalls flugs überspielt, Benes ließ schließlich Hertha-Keeper Rune Jarstein mit einem gekonnten Linksschuss keine Chance. Auch in der 38. Minute, als Florian Niederlechner mit einem Kopfball gegen den Pfosten das 0:2 verpasste, waren die Abwehrspieler der Hertha vor allen Dingen eins: unaufmerksam.

Immerhin: Dardai, der sein 157. Bundesliga-Spiel als Hertha-Trainer bestritt und damit mit Jürgen Röber gleichzog, bekam von seiner Elf den Versuch einer Reaktion zu sehen. Da wurde gerannt, gegrätscht, gewollt - und auch mal eine Torchance erarbeitet. Jhon Cordoba brachte aus spitzem Winkel die Handschuhe von Augsburgs Rafal Gikiewicz zum Glühen (12.), Santiago Ascacibar testete aus 14 Metern mit einem unplatzierten Schuss die Fähigkeiten des Polen in der Disziplin Fußbabwehr (21.). Aber so dominant das auch mitunter zu sein schien, so wenig zwingend war das, was die Offensive der Hertha in der ersten Hälfte zustande brachte.

Mit diesem Spiel im Hinterkopf werden wir in den kommenden Wochen anders auftreten.

Hertha-Kapitän Niklas Stark

In Abwesenheit von Matheus Cunha (Muskelverletzung) und Nemanja Radonjic (Probleme im Adduktorenbereich) versuchte Dardai zur Pause mit zwei personellen Veränderungen des Mittelfelds etwas zu bewegen. Er brachte Luca Netz für den indisponierten Maxi Mittelstädt, Matteo Guendouzi für Ascacibar, der nicht zum ersten Mal den Eindruck erweckte, dass er vom Fußball in der Bundesliga doch etwas überfordert ist.

Und siehe da: Da war etwas mehr Zug im Spiel der Hertha, etwas mehr Struktur, dank Guendouzi, aber auch durch Vladimir Darida, der sich immer öfter selbst ins Spiel brachte und nicht von ungefähr die Vorarbeit zum Ausgleichstreffer leistete. Mit einer gefühlvollen Flanke, die Krzysztof Piatek mit einem prächtigen Kopfstoß aus zehn Metern vollendete.

Etwas mehr als eine Stunde war da gespielt - und noch genügend Zeit gegeben, um dem Nachmittag die womöglich auch im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Spielzeit so wichtige Wende zu geben. Dardai legte weiter nach, suchte über seine Einwechslungen die Entscheidung. Er brachte Lukebakio für Zeefuik, Eduard Löwen schließlich für Darida. Den entscheidenden Strafstoß zog allerdings der zuvor fast unsichtbare Lucas Tousart, der drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit samt Ball in den Augsburger Strafraum spurtete und dort nach einer Berührung von Mads Pedersen zu Fall kam. Den Elfmeter verwandelte Lukebakio dann.

Jürgen Klinsmann meldet sich zu Wort

Vor dem Spiel hatte sich übrigens noch mal Jürgen Klinsmann zu Wort gemeldet. Nach der Demission von Michael Preetz und der Verpflichtung von Carsten Schmidt als Vorsitzenden der Geschäftsführung sieht er die Hertha wieder auf dem richtigen Kurs. Am Ende des Tages komme es immer auf die Menschen an, sagte der 56-Jährige im Rahmen einer Gesprächsrunde bei „Transfermarkt.us“, die müssten "eine Vision haben und klar definierte Ziele, und das ist jetzt die Herausforderung für Hertha, um wieder in die Spur zu kommen".

Er, der sich nach noch nicht einmal 80 Tagen bei den Blau-Weißen auf peinliche Art und Weise aus der Verantwortung als Coach gestohlen hatte, leide noch immer mit den Blau-Weißen, es sei „traurig, den Verein dort zu sehen, wo er jetzt ist“. Wenn ihm tatsächlich etwas am Hauptstadtklub liegen sollte, dürfte seine Traurigkeit zumindest für den Moment etwas gelindert sein.