Herthas Einbruch: Die Niederlage gegen Stuttgart wirft viele Fragen auf

Pal Dardai ist ein Genussmensch und bekannt dafür, sich nach getaner Arbeit ein gutes Glas Wein zu gönnen. Auch aus seiner Vorliebe für eine feine Küche macht Herthas Trainer keinen Hehl. Insofern wird ihm die 1:2-Niederlage in Stuttgart doppelt wehtun. Seine Mannschaft hat nicht nur unnötig einen Sieg verspielt, sondern auch die von ihm angebotene Wette verloren. Sieben statt den von Dardai geforderten vier Punkten wollten die Spieler aus den verbleibenden drei Spielen im Jahresendspurt holen. Für den Fall hätte Dardai dem gesamten Team ein Abendessen spendiert.

Doch statt die ersten drei Wettzähler zu sammeln, regierte nach Schlusspfiff in den Katakomben des Neckarstadions der Frust. Torhüter Rune Jarstein verließ rekordverdächtige zehn Minuten nach Abpfiff kommentarlos und wohl auch ungeduscht das Stadion Richtung Mannschaftsbus. Keine halbe Stunde zuvor war der sonst so ruhige Norweger förmlich explodiert, als ihn seine Vorderleute zum wiederholten Mal im Stich gelassen hatten. Stürmer Mario Gomez nutzte die Berliner Passivität, um seine seit sieben Spielen anhaltende Torlos-Serie gleich mit einem Doppelpack zu beenden.

„Die Niederlage ist extrem ärgerlich. Wir sind gut in das Spiel gekommen und sind verdient in Führung gegangen. In der zweiten Halbzeit haben wir uns zu sehr hinten reindrängen lassen“, sagte ein zerknirschter Maximilian Mittelstädt. Der 21-Jährige Verteidiger, den Dardai wiederholt auf dem linken Flügel aufbot, hatte Hertha vor der Pause durch seinem Premierentreffer in der Bundesliga in Führung gebracht.

Dardai vermisst den Hunger

Die großen Personalsorgen, die die Berliner seit Wochen plagen, wollte Dardai auch am Tag danach nicht als Ausrede gelten lassen. Neben den Langzeitverletzen Karim Rekik, Niklas Stark, Javairo Dilrosun musste Dardai beim VfB mit Marko Grujic, Salomon Kalou und Arne Maier auf drei weitere Stammspieler verzichten. Vielmehr vermisste er bei seinem Team nach den Siegen in Hannover und gegen Frankfurt den nötigen Hunger, um für den kulinarischen Jahresabschluss zu kämpfen. „Vielleicht waren die letzten Siege zu viel für uns. Vielleicht waren wir einen Tick zu zufrieden.“

Merkmale, die seine These untermauern, fand Dardai in der zweiten Halbzeit genügend. „Stuttgart hat uns ja nicht kaputtgespielt. Aber wir haben verdient verloren. Die Körpersprache hat gefehlt“, befand Dardai und bemängelte: „Da war nicht die Gier, dieses Ich-will-etwas-erreichen.“ Besonders der fehlende Zugriff im Mittelfeld ließ die Stuttgarter, die eine Stunde fast gar nichts zustande bekommen hatten, wieder zurück in die Partie kommen. „Es war kein Spieler in der Mitte, der das Spiel in die Hand genommen hat – mit Kontrolle, ruhigem Ballbehalten, Passschärfe. Es gab keine klare Balleroberung, so konnten wir auch kein vernünftiges Konterspiel machen“, ging Dardai mit Per Skjelbred und Vladimir Darida hart ins Gericht.

Das Duo, das über Jahre hinweg Herthas Schaltzentrale bildete, ist in dieser Saison meist außen vor. Die neue Generation um Liverpool-Leihgabe Grujic und den in der eigenen Akademie ausgebildeten Maier zieht in dieser Saison die Strippen. Während Maier ein Infekt plagt und noch auf einen Einsatz am kommenden Sonnabend in Leverkusen hofft, ist für Grujic die Hinrunde wegen einer Sprunggelenksverletzung vorzeitig beendet.

Plötzlich klappte nichts mehr

„Marko ist ein wichtiger Spieler für uns. Gerade in der Offensive hätte er uns gutgetan“, erklärte Marvin Plattenhardt. Grujics Wert belegen auch die Zahlen: Mit ihm holte Hertha 17 Punkte aus sieben Spielen – ohne ihn mickrige sechs aus acht.

Während Skjelbred für das Grobe zuständig war, sollte Darida für das spielerische Element sorgen. Was in der ersten Halbzeit noch funktionierte, klappte ab der 60. Minute so gut wie gar nicht mehr. Das Duo verlor auch durch die fehlende Spielpraxis die Hoheit über das Zentrum und hatte den aufbäumenden Stuttgartern nichts mehr entgegenzusetzen. Innerhalb einer Viertelstunde drehte der VfB die Partie, was nicht nur Jarstein den Abend verdarb.

Dass Hertha mit altem Personal auch in alte Muster zurückfiel, ärgerte den glücklosen Davie Selke besonders. „Wir sind in der zweiten Halbzeit eingebrochen. Das muss man am Ende ganz deutlich sagen“, bemerkte der Stürmer. „Das ist sehr, sehr ärgerlich. Wir hatten erneut die Chance, uns mit einem Sieg in der Tabellenspitze festzusetzen. Das ist uns wieder mal nicht gelungen.“ Nach Mittelstädts Führungstor rangierten die Berliner in der sogenannten Blitztabelle sogar kurzzeitig auf Platz vier. Durch die Pleite rutsche Hertha wieder aus den internationalen Plätzen, findet sich auf Rang sieben wieder.

Das Problem mit dem Rasen

Der Gewinner der müden zweiten Halbzeit könnte ausgerechnet ein Verlierer der vergangenen Wochen sein. Herthas Bessermacher zu Saisonbeginn und vielleicht feinster Techniker Ondrej Duda kam in Stuttgart erneut nur in der Schlussphase zum Einsatz. Der Slowake darf sich aber Hoffnungen machen, bereits morgen gegen den FC Augsburg (20.30 Uhr) wieder von Beginn an dabei zu sein. „Wir haben ein Heimspiel. Wer das Olympiastadion kennt, weiß, dass man in der ersten Halbzeit Fußball spielen kann. Danach ist der Boden schlecht“, erklärte Dardai die Witterungseinflüsse der aktuellen Jahreszeit.

Mit Siegen gegen Augsburg und in Leverkusen könnte Hertha dennoch eine starke Hinrunde beenden und mit insgesamt 29 Punkten besinnliche Weihnachten feiern. Auch ohne gemeinsames Essen.