Ein Fußballer hört nie auf, über seinen Körper zu lernen. Als Karim Rekik, 24, mit fast einstündiger Verspätung zum Interview erscheint, betritt er den Medienraum mit einem Brummschädel – und Kieferschmerzen. „Ich wusste nicht, dass das alles derart zusammenhängt“ sagt Herthas Innenverteidiger während er sich an Schläfe und Kiefer greift. Gut zwei Stunden zuvor war der Niederländer im Training in einem Kopfballduell mit Davie Selke zusammengerasselt, wofür der Stürmer sich auf dem Platz ein paar Worte anhören musste. „Kein Vorwurf an Davie.“ Auf dem Platz seien nun mal Emotionen drin. Bereits in der Vorwoche hatte Rekik einstecken müssen, als ihn Bondscoach Ronald Koeman nicht für den Auftakt in die EM-Qualifikaktion nominierte. Während die Elftal gegen Deutschland verlor (2:3), verbrachte Rekik das freie Wochenende zusammen mit Hertha-Kollege Salomon Kalou in London. Das Spiel seiner Landsleute hat er natürlich trotzdem gesehen.

Herr Rekik, wie schmerzhaft war es, das Spiel zu schauen?

Dass ich nicht dabei war oder dass wir verloren haben?

Sowohl als auch.

Klar wäre ich lieber dabei gewesen. Aber das Leben geht weiter. Deutschland hat in der ersten Halbzeit stark gespielt und besonders das zweite Tor von Serge Gnabry war ein Traumtor. In der zweiten Halbzeit haben wir aufgedreht, den Ausgleich gemacht und dennoch verloren. Das Spiel war auf einem sehr hohen Niveau und beide Mannschaften auf Augenhöhe.

Wie nehmen Sie die Diskussionen um den DFB-Neustart wahr?

Ich wundere mich. Klar, die WM war schlecht. Und nach all den Erfolgen, kann ich verstehen, dass die Leute enttäuscht waren. Aber Deutschland muss sich auch in Zukunft keine Sorgen machen. Das Team hat sehr viel Qualität und viele junge Spieler, die das Potenzial zum Superstar haben. Viele von ihnen spielen bereits in großen Klubs wie Manchester City oder Bayern München. Wenn ich Deutscher wäre, würde ich mir keine Sorgen machen.

In den Niederlanden übernahm nach dem Scheitern in der WM-Quali 2018 Ronald Koeman als Bondscoach, der auf viele junge Spieler setzt. Sie hat er noch nicht nominiert. Stehen Sie in Kontakt?

Nein. Ich fokussiere mich auf meinen Klub. Nur wenn ich hier einen guten Job mache, habe ich wieder die Chance, nominiert zu werden. Das Nationalteam ist sozusagen ein Bonus.

Ihr jüngerer Bruder Omar, 17, der Kapitän von Herthas U19 in der Junioren-Bundesliga ist, wurde dagegen für die U18 der Niederlande nominiert. Ist er weiter als Sie es in seinem Alter waren?

Das ist schwer zu vergleichen. Ich ging bereits als 16-Jähriger zu Manchester City und traf dort auf absolute Superstars wie Mario Balotelli oder Sergio Agüero. Da musste ich mich erstmal kneifen. Ich kannte die Jungs ja nur von der Playstation. Omar hat es hier derzeit noch ein bisschen ruhiger. Ich probiere zwar so viele Spiele wie möglich von ihm zu sehen, aber wenn sie es wirklich wissen wollen, wer besser ist, müssen sie meinem Vater fragen. Er sieht jedes Spiel von mir und von ihm.

Omar hat bereits für Tunesiens U21 gespielt und könnte auch in Zukunft für das Heimatland ihres Vaters auflaufen. Zu was rät ihm sein älterer Bruder?

Er muss das selbst entscheiden. Ich habe nie für Tunesien gespielt. Er hat die Erfahrung gesammelt, weiß, wie es sich bei beiden Teams anfühlt. Natürlich probieren viele Personen ihn zu überreden, sich festzulegen. Der einzige Tipp, den ich ihm geben kann ist: Zerbreche dir bloß nicht den Kopf! Er hat noch zwei, drei Jahre bis er ins Visier der A-Nationalmannschaften kommt.

Ist er hin und hergerissen?

Ich glaube, dass es eine 50:50-Entscheidung ist. Er hat nur bis er neun Jahre alt war in Holland gelebt, ist dann mit mir nach England und Frankreich gegangen und jetzt sind wir hier in Berlin. Ich bin dagegen bis ich 16 war in Den Haag zur Schule gegangen und habe noch viele Freunde dort. Omar ist dort nicht so verwurzelt.

Ihre Familie hat vieles aufgegeben, damit ihr Traum wahr wurde. Spürten sie deswegen Druck?

Es war schwierig für mich, weil ich die Dimension dieser Entscheidung erst später verstanden habe. Aber ich habe schon daran gedacht, was ist, wenn ich es nicht schaffe.

In Berlin leben Sie fast Tür an Tür. Wie oft sehen Sie sich?

Fast jeden Abend.

Wie sieht ein Familienabend aus?

Meine Eltern kochen beide sehr gut und das fast immer. Wir essen gemeinsam und sitzen zusammen.

Favorisieren Sie holländische Frikandellen oder eher die traditionelle tunesische Küche?

Klar tunesisch. Wenn mein Vater tunesisch kocht, schmeckt das schon sehr gut.

Trainer Pal Dardai hatte sie zum Start der Rückrunde kritisiert, forderte von Ihnen höhere Konzentration, um wieder auf das höchste Level zu kommen. Müssen Sie manchmal gekitzelt werden?

Ich glaube, das muss jeder Mal. Ich arbeite dann noch härter. Natürlich ist jeder Spieler anders, und bei manchen wirkt das vielleicht kontraproduktiv. Viele Leute haben mir geschrieben, ob alles in Ordnung sei. Ich nehme das nie persönlich. Wenn man alles offen untereinander ansprechen kann, dann ist das sehr wichtig und hilft.

Am Sonnabend trifft Hertha auf Leipzig. Sie haben bisher zweimal gegen RB gespielt und …

.. und jedes Mal hoch verloren (2:6, 0:3, d. Red.). Und vergangenes Jahr beim 3:2 dort war ich verletzt.

Was macht Leipzig so stark?

Sie spielen mit wahnsinnig viel Dynamik, setzen dich mit ihrem hohen Pressing unter Druck.

Wer gibt dann in der Abwehr die Kommandos?

Es gibt keinen Chef. Jeder muss mit jedem sprechen, auch mit seinem Vordermann im Mittelfeld. Ich glaube, daran können wir noch ein bisschen arbeiten, damit wir das System noch besser spielen.

Acht Spieltage vor Schluss ist Hertha Zehnter. Ist die Luft wirklich schon raus?

Es gibt noch viele Punkte zu holen. Also sollten wir uns nur darauf fokussieren. Es bringt nichts auf andere Team zu schauen und zu rechnen. Dann verliert man den Fokus.