Präsident Werner Gegenbauer, Investor Lars Windhorst und Manager Michael Preetz (v. l.) committen sich mal wieder.
Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

BerlinWenn Worte allein nicht reichen, dort für Klarheit zu sorgen, wo man eher das Chaos vermutet, können manchmal Bilder helfen. Also, Donnerstag um 11.30 Uhr, und da kamen sie ja auch schon, in genau dieser Reihenfolge: Lars Windhorst, der Investor, Michael Preetz, der Manager, und Werner Gegenbauer, der Präsident von Hertha BSC. Das ist, noch mal zur Erinnerung, der Bundesligaklub, der gegenwärtig im Tabellenkeller eingesperrt ist, in Zukunft aber so frei sein will, sich auf den allerhöchsten Etagen im Profifußball einzuquartieren.

Doch kann  dieses Drei-Männer-gehen-getrennt-über-einen-tristen-Parkplatz-Bild wirklich dabei helfen, die Frage zu beantworten, die seit ein paar Monaten lästig an Hertha haftet wie ein Kaugummi an der Schuhsohle? Die Frage lautet: Wer hat hier am meisten zu sagen?

Big City Club lebt

Klar, die Reihenfolge der Parkplatzgeher könnte ein Indiz sein für eine veränderte Machtstruktur. Und sicherlich ließe sich aus der Tatsache, dass die drei zu weit voneinander entfernt waren, um sich gegenseitig Windschatten spenden zu können, eine halbe These ableiten. Doch genau deswegen waren die drei Männer ja hier: Um die Deutungshoheit zurückzuerlangen, die sie nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann den Indizienjägern und Halbthesenmonteuren überlassen mussten.

Als Herthas absolute Klubspitze, mächtig wie eine Elefantenrunde in der Politik, den Medienraum betrat, wo bereits Dutzende Schaulustige darauf warteten, die Umstände des jüngsten Trainerunfalls in Berlin erklärt zu bekommen, war die Reihenfolge eine andere – aber eben nur, weil die Sitzanordnung auf dem Podium und ein geringer Wendekreis davor das so verlangten. Dazu die Anzahl der klickbereiten Fotografen.

Ins Blitzlichtgewitter trat zuerst Gegenbauer, 69, hellblauer Anzug, Notizen in der Hand, gewohnt grimmiger Blick. Zuletzt soll der Klubpräsident vor knapp neun Jahren hier gewesen sein, erinnerte sich ein Zeitzeuge, damals zum medialen Entlassungsgespräch über Markus Babbel, als es darum ging, zwischen Lügen und Halb- bis Viertelwahrheiten zu unterscheiden. Stichwort: „Baron-Münchhausen-Geschichten“.

Gegenbauer kandidiert erneut

Gegenbauer eröffnete die Runde, bedauerte die Trennung von Klinsmann und sagte: „Offensichtlich ist der Eindruck entstanden, dass hier das Chaos ausgebrochen ist. Ich habe aber den Eindruck, dass hier sehr geordnet gearbeitet wird.“ Und nur so nebenbei, weil zwei von insgesamt sechzehn Fragen des Tages an den Präsidenten gingen: „Kandidatur liegt vor.“ Im Mai will Gegenbauer wiedergewählt werden.

Danach kam Windhorst, 43, konzertiertes Lächeln, dunkler Anzug, als einziger Klubvertreter war er mit einem Klubfähnchen am Revers ausgestattet. Windhorst ist ein Mann zwischen unternehmerischer Risikofreude und übermütiger Zockermentalität, einer, der nie Umwege gegangen ist in seinem Leben, sondern immer eine Abkürzung fand. Der trotzdem hinfiel, aufstand, wieder hinfiel, wieder aufstand und damit bestens passt zu Herthas Selbstverständnis: „We try. We fail. We win.“ Es war der allererste öffentliche Auftritt des Investors.

Ich bin es gewohnt, dass Projekte sich verzögern können.

Lars Windhorst

Über seine Holdingfirma Tennor gehören Windhorst 49,9 Prozent der ausgegliederten Fußballabteilung, dafür hat er 224 Millionen an Hertha bezahlt und seitdem zugeschaut, wie seine Vision von einem Big City Club in allen Wortspielqualitäten verunglimpft worden ist.  Windhorst hielt zunächst ein Kurzreferat über seine Motivationsgründe, ins Fußballgeschäft einzusteigen, und versprach: „Wir sind weiter in der Lage, in den Verein zu investieren.“ Dieses Investment sei an keine Renditeerwartungen geknüpft, sondern langfristig auf Wertschöpfung aus. Nicht drei oder fünf Jahre, sondern zehn oder zwanzig. Börsengang? „Zunächst nicht relevant.“ Grundsätzlich gilt: „Ich bin es gewohnt, dass Projekte sich verzögern können.“ Erst Klassenerhalt, dann Europa. Big City Club lebt.

Preetz ist keine totale Spaßbremse

Zuletzt betrat Preetz, 52, den Medienraum, in seinem üblichen Manageroutfit, zu oft saß er schon hier, Freude sieht anders aus. Ihm hatte Klinsmann am Vorabend die Schuld gegeben, als er bei Facebook seinen trotzigen Rücktritt erklären und seinen Wunsch nach mehr Kompetenzen verteidigten wollte – und mal wieder daran scheiterte, sein Ego kleiner zu machen, als es tatsächlich ist. „Klar, wenn ich das noch mit ein paar Leuten abgesprochen hätte in aller Ruhe“, hatte Klinsmann gesagt, „die hätten mich wahrscheinlich umgestimmt.“ Und: „Dann bin ich ein Typ, der vor sich selbst nicht mehr Halt machen kann.“

Skjelbred verlässt Hertha BSC im Sommer

Mittelfeldspieler Per Skjelbred und Fußball-Bundesligist Hertha BSC gehen im Sommer nach sechs gemeinsamen Jahren getrennte Wege. Wie der Klub am Donnerstag mitteilte, wird der auslaufende Vertrag mit dem 32-Jährigen nicht verlängert. Skjelbred kehrt in seine norwegische Heimat zu seinem Ex-Klub Rosenborg Trondheim zurück.„Per ist mit dem Wunsch, in seine Heimat und zu seiner Familie zurückzukehren, auf uns zu gekommen. Wir legen einem verdienten Herthaner wie ihm selbstverständlich in einer solchen Situation keine Steine in den Weg“, sagte Manager Michael Preetz.

Preetz hatte sich zuletzt als die Stimme der Vernunft positioniert, während Klinsmanns Positionen immer mehr aus realitätsfremden Koordinaten bestanden. Der Manager bremste, wo der Trainer zu viel Spaß haben wollte, und geht nun gestärkt hervor aus dem Zweikampf. Vorerst. Um aber nicht als totale Spaßbremse zu gelten, sagte er, dass auch er „irgendwann Deutscher Meister“ werden wolle. Und dann nahm er wieder etwas Tempo raus und warnte: „Wir sollten nur nicht vergessen, dass wir uns im Abstiegskampf befinden.“

Preetz tastete sich auch vorsichtig an das Trainerthema heran und sagte über Klinsmanns Allmachtsfantasien: „Es gab unterschiedliche Auffassungen zur Rolle als Cheftrainer. Da sind wir nicht übereingekommen, bis er hingeworfen hat.“ Dafür habe es keine Anzeichen gegeben. „Das kann man vielleicht als Jugendlicher machen“, assistierte Windhorst und lächelte so wissend in sich hinein, als würde er sich an seine eigenen Jugendsünden erinnern.

Windhorst sucht neuen Kandidaten

Allein Klinsmanns via Facebook angekündigter Rückzug auf den Aufsichtsratsposten zeugte ja davon, dass er sich in seinem Einflussbereich deutlich vermessen hatte. „Leider ist die Art und Weise des Abgangs so unakzeptabel“, sagte Windhorst, „dass wir im Sinne des Vereins eine zielführende Zusammenarbeit so nicht fortführen können.“ Das sei schade. Fanden alle. Denn angeblich gab es bereits internationale Werbepartner und Sponsoren, die wegen Klinsmanns „Strahlkraft“ in Herthas Zukunft investiert hätten. Man wird einen anderen Kandidaten suchen.

Frage an Windhorst: Hat er sich in dem Menschen getäuscht, den er „Jürgen“ nannte und am Donnerstag nur noch „Herr Klinsmann“, als müsste er Distanz schaffen? Antwort: „Das ist so einfach nicht zu beantworten.“ Frage: Wird es in Zukunft eine andere Form der Zusammenarbeit geben? Antwort: „Muss man mal sehen, ich schlage nie Türen zu.“ Eine Abrechnung light war das.

Jürgen Klinsmann steigt auch im Ansehen ab.
Foto: Bernd König

Es ist schon seltsam, dass weder Preetz noch Windhorst noch Gegenbauer Klinsmanns Flucht vorhergesehen hatten. Hieß es nicht immer, man sei ständig im Austausch und so einig über die Zukunft des Vereins, so committet, wie es neuerdings immer heißt? Seltsam auch, dass der Trainer erst die Mannschaft über seine Entscheidung informierte, dann seine vielen Freunde auf Facebook, dann an Windhorst textete, bevor er letztlich mit Preetz sprach. So verläuft die offizielle Informationskette. Es gibt berechtigte Zweifel an der Richtigkeit der Aussagen. Und an anderen Schilderungen auch.   Klinsmann hatte etwa gesagt, keinen gültigen Vertrag zu besitzen. Gegenbauer las von seinem Zettel das Datum der Vertragsunterschrift ab. Baron Münchhausen, wäre er nicht wegen eines dringenden Kanonenkugelflugs verhindert gewesen, hätte seinen Spaß in den vergangenen Tagen.

Windhorst behauptete ja auch, bereits am Montagabend von Klinsmanns Rücktrittsplänen erfahren zu haben, bevor er ein paar Stunden später eine andere Version fand in seinem Kurzzeitgedächtnis. Preetz gab am Donnerstag immer nur so viel zu, wie er zugeben musste, um die Trennung anständig über die Bühne zu bringen. „Ich glaube, schon vieles im Fußball erlebt zu haben“, sagte der Manager, „aber das war mir völlig neu.“ Und Gegenbauer hatte bereits im vergangenen November bei der Mitgliederversammlung allenfalls die halbe Wahrheit gesagt: „Wir sind nicht der Spielball, sondern der Treiber der Entwicklungen.“ Die vergangenen Wochen haben einen anderen Eindruck erweckt. Hertha wird in Zukunft wieder gegen sich selbst spielen, noch steht es 50,1 zu 49,9 Prozent, das ist ein denkbar knapper Vorsprung für die alte Klubführung.

Gegenbauer war es letztlich, der die Bilanz ziehen durfte. „Die Ziele sind deckungsgleich“, sagte der Präsident. Man werde in Zukunft aber noch mehr darauf achten, mit wem man zusammenarbeitet. Das konnte man als Schuldeingeständnis werten. Aber das ist nur ein Indiz. Nur ein halbe These.