BerlinDass Thomas Müller ein redseliger Mensch ist, ist hinreichend bekannt. Der Angreifer des FC Bayern sorgt abseits des Fußballfeldes regelmäßig mit klaren Analysen, vor allem aber flotten Sprüchen für Heiterkeit. Neu ist dagegen die Erkenntnis, dass Müllers loses, vornehmlich bayrisches Mundwerk auch den Gegner auf dem Platz beeinflussen kann. „Sein Gerede konnte man gut hören“, berichtet Herthas Torhüter Alexander Schwolow. Bei der knappen 3:4-Niederlage der Berliner im Oktober habe Müller seine Teamkollegen mit Sprüchen wie „Jetzt haben wir sie!“ und „Jetzt lassen wir sie nicht mehr raus!“ angetrieben – und Hertha damit durchaus aus dem Konzept gebracht. „Wenn einer die Jungs so steuert“, sagt Schwolow, „ist das eklig und unangenehm, gegen so ein Team zu spielen.“ Zwar hat Müller durchaus ein lautes Organ. Dass die Psycho-Spielchen des Schlitzohrs greifen, liegt aber vielmehr an den derzeit fehlenden Zuschauern aufgrund der Corona-Pandemie.

Doch es ergeben sich auch Vorteile – wenn man selbst laut genug ist. Für Schwolow, der nach seinem Wechsel vom SC Freiburg im Sommer Rune Jarstein als Nummer eins ablöste, eine Selbstverständlichkeit. „Ich bin ein mitspielender Torwart und will mit meinen Kommandos den Kollegen helfen. Das geht jetzt wegen Corona besser als sonst“, erklärt er die Auswirkungen der Geisterspiele. Weil er derzeit eben vor leeren Rängen nicht nur bis zum eigenen Strafraum kommt, sondern viel mehr Spieler als seine Verteidiger erreichen kann, hat Schwolow mehr Macht. „Man kann jetzt viel besser das Pressing einleiten oder schnelle Ballgewinne durch lautstarkes Rufen auslösen“, sagt Schwolow und erklärt: „Wenn alle schreien und es laut hallt, ist das schon beeindruckend.“

Schwolows Rat an die Mitspieler

Sich selbst pushen, den Gegner zu Fehlern zwingen: Nach der Lektion von Müller klappte das bei den Berlinern in den vergangenen Spielen und vor allem beim befreienden 3:0-Sieg in Augsburg immer besser. „Mir fällt auf, dass wir mehr zusammenarbeiten und die Abstände geringer halten als noch in den Partien davor“, sagt Schwolow, der als Torwart neuerdings eben nicht nur das ganze Spielfeld im Blick, sondern auch im Ohr hat.

Herthas Aufwärtstrend sorgte dafür, dass der Wiesbadener erstmals seit seinem Sieben-Millionen-Wechsel ohne Gegentor blieb. „Ich habe mich gefreut. Vor allem aber darüber, dass wir uns für die Arbeit endlich belohnt haben“, sagt Schwolow. Weil die Blau-Weißen aber weiterhin zu wenig Punkte hätten, gebe es keinen Grund, euphorisch zu werden. „Wir dürfen keinen Deut nachlassen“, sagt Schwolow und warnt: „Sobald einer von uns nicht alles abruft, wird es schwierig.“ Dafür, dass diese Botschaft bei jedem Spieler ankommt, kann er ja derzeit besonders gut sorgen.