Valentino Lazaro hat zurzeit keine Freundin. Jedenfalls klang das so. Und wer zurzeit keinen Freund hat, darf bei diesem Satz auf amouröse Gedanken kommen: „Mal schauen, vielleicht finde ich ja ein Frauchen, das es besser kann.“ Heißt: Besser als der Kollege Davie Selke, der Lazaro nach dem späten Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim erst ein zärtliches Küsschen gab. „Knutscher“, korrigierte Selke, „und dann er hat auch noch eine gefangen. Weil es ein überragendes Tor war – war einfach geil.“ War: ein großartiges Fußballspiel.

Hertha BSC hat zum sechsten Mal in Serie nicht gewonnen in der Bundesliga. So miesepetrig könnte man das natürlich sehen. Doch dieses 3:3 am Sonnabend im vorwinterlich abgekühlten Berliner Olympiastadion, fühlte sich wie eine angenehm nachglühende Ohrfeige an. Gleich zweimal zwei Tore musste Hertha aufholen, ein 0:2 nach zehn Minuten, ein 1:3 zwanzig Minuten vor dem Ende. Und fast wäre Selke („Man sieht, dass ich heiß bin, man sieht, dass ich brenne“) in der Hitze der Nachspielzeit noch der Siegtreffer gelungen.

Dieses Unentschieden gegen nicht minder engagierte Hoffenheimer werteten viele der beteiligten Herthaner aber auch so wie einen halben Sieg, wie einen heimlichen Zusatzpunkt für Leidenschaft und Einsatzwillen – und vor allem für die Bereitschaft, die Wende bis zuletzt mit spielerischen Mitteln zu erzwingen. „Mit systematischem Ballbesitz“, präzisierte Trainer Pal Dardai. Die Enttäuschung schien daher auch nicht viel kleiner zu sein als die Zufriedenheit. „Ach, zufrieden“, sagte Lazaro auf dem Weg in die Kabine, „beim Schuss selbst schon, aber mit dem Spiel allgemein nicht.“ Es sei so ein Tag gewesen, „wo du sechs, sieben, vielleicht sogar acht Tore machen kannst“.

Zwei Nikolausgeschenke für Hoffenheim

Das ist nur die halbe Wahrheit, denn zur ganzen gehört nun mal auch die Tatsache, dass Herthas Abwehrarbeit mit einer ähnlich hohen Anzahl an Gegentreffern hätte bestraft werden können. „Wir haben Nikolaus vorgezogen“, sagte Dardai, „und zwei Tore geschenkt.“ Die passende Geschenkanleitung liest sich so: Hinten bei langen Bällen nicht aufpassen, sich auf den anderen verlassen, zu spät loslaufen. Dardai gab Jordan Torunarigha Mitte der ersten Halbzeit das Zeichen zum Warmmachen und drohte damit den Innenverteidigern Fabian Lustenberger und mehr noch Derrick Luckassen ein bisschen mit Auswechslung oder Umstellung auf Dreierkette. Hinterher sprach der Trainer von vielen „Chaosmomenten“. Mit Verspätung kam die Ordnung zurück, Torunarigha doch nicht zum Einsatz.

Chaos ist das, was auch Lazaro, 22, gestiftet hat am Sonnabend, ständig und überall, aber nie vor dem eigenen Tor. Über seinen rechten Flügel liefen die meisten Angriffe, spielte sich Hertha einige gute Chancen heraus. Lazaro, dazu der erstmals in dieser Saison in die Startelf gerückte Mathew Leckie und der wieder genesene Marko Grujic waren das Bermuda-Passdreieck, in dem sich die Hoffenheimer immer wieder verirrten. Trainer Julian Nagelsmann sagte anerkennend, dass Hertha sogar „einen Tick besser“ gewesen sei.

Ein Fleißbienchen dazu für Lazaro

Die Linksausleger Marvin Plattenhardt, Salomon Kalou und Arne Maier waren deutlich unterlegen im teaminternen Seitenvergleich. Vor allem Plattenhardt ist zurzeit nicht mehr als ein solider Verteidiger. Vorne fehlt seinen Flanken die Präzision, falls er überhaupt mal dazu kommt, seinen Teilzeitjob in der Offensive anzutreten. „Jeder Spieler hat heute gezeigt, was er kann“, behauptete Plattenhardt trotzdem.

Dabei wird auch ihm sicherlich nicht entgangen sein, dass Lazaro die Umschulung zum Außenverteidiger mit Bestnoten bestanden hat in den vergangenen Monaten, dass er konsequenter Verteidiger und kunstvoller Stürmer in einem sein kann. Gegen Hoffenheim kam ein Fleißbienchen dazu: für erfolgreiche Dribblings, Torschussvorlagen und den wuchtigen Distanzschuss zum Ausgleich, Lazaros zweiten Saisontreffer. Dem nach Leverkusen verkauften Mitchell Weiser trauert keiner mehr hinterher.

Wenn Valentino Lazaro sich weiterhin in diesem rasanten Tempo zum Unterschiedsspieler entwickelt, wird auch er schon bald Begehrlichkeiten wecken. Nicht nur die amourösen. Noch aber dürfen ihn seine Kollegen knutschen.