Der frühere Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat in der Nacht zum Donnerstag eine längere Erklärung über sein Coming-out herausgegeben. „Profisport und Homosexualität schließen sich nicht aus, davon bin ich überzeugt“, heißt es in der Erklärung, die kurz nach Mitternacht von Hitzlspergers Medienberater Pietro Nuvoloni auf der Webseite thomas-hitzlsperger.de veröffentlicht wurde.

Hitzlsperger äußert darin die Hoffnung, er werde mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit „jungen Spielern und Profisportlern Mut machen“. Jeder Mensch solle so leben dürfen, dass er „wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Neigung oder Religion keine Angst haben muss diskriminiert zu werden“, erklärte der 31-Jährige. „Das verstehe ich nicht als politisches Statement, sondern als Selbstverständlichkeit.“

Er wünsche sich, dass „die öffentliche Diskussion jetzt wieder ein Stück weiterkommt“. Die „Fußballszene“ begreife sich „in Teilen immer noch als Machowelt“, beklagte Hitzlsperger. Das Bild eines schwulen Spielers werde „von Klischees und Vorurteilen geprägt“, die Realität sehe indes „anders aus“.

Zu seiner Erklärung gehört auch eine Videobotschaft, die auf seiner Webseite und bei Youtube veröffentlicht wurde. Darin zeigt der Sportler sich kämpferisch gegenüber Homophoben: Menschen, die andere aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgrenzten, sollten wissen, dass sie nun "einen Gegner mehr" hätten.

In dem Video nennt er das Anbrechen "einer neuen Lebensphase" als Motiv für den Zeitpunkt seines Schrittes.

Zeitpunkt bewusst vor Sotschi gewählt

Vom Londoner „Guardian“ auf die kurz bevorstehenden Olympischen Spiele in Sotschi angesprochen, sagte er jedoch, eine Debatte über die Lage in Russland sei erforderlich. Er sei „neugierig“ zu sehen, was bei den Winterspielen geschehen werde, sagte Hitzlsperger der britischen Zeitung. Jedenfalls habe er nichts dagegen, dass sein Coming-out auch im Zusammenhang mit Sotschi diskutiert werde.

Bereits im Interview mit der "Zeit" hatte er erklärt, dass er sein Coming-out auch als Engagement gegen die "Kampagnen mehrerer Regierungen" verstehe. "Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle", sagte Hitzlsperger der Wochenzeitung.

Das russische Parlament verabschiedete im Juni ein Gesetz, das die Propagierung der Homosexualität in Gegenwart von Minderjährigen unter Strafe stellt. Schwulen und Lesben kämpfen in der konservativen russischen Gesellschaft mit vielfachen Erscheinungsformen von diskriminierender Behandlung.

Hitzlspergers Homosexualität war am Mittwoch über das Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit" publik geworden. Die öffentlichen Reaktionen darauf waren durchweg positiv. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sicherte Hitzlsperger Unterstützung zu, und sogar der britische Premierminister David Cameron äußerte sich: "Ich habe immer bewundert, was Thomas Hitzlsperger auf dem Feld geleistet hat – aber heute bewundere ich ihn noch mehr. Das ist ein mutiger und wichtiger Schritt."

Ein "wichtiges Mosaiksteinchen in Richtung Akzeptanz von Homosexualität im Fußball" sei dieses Coming-out, meint auch der Sportsoziologe und DFB-Berater Gunter A. Pilz. "Eines muss man sehen: Hitzlsperger ist als durchaus harter und aggressiver Spieler bekannt und hat gezeigt, dass dieser Mythos - Schwule wären alles Weicheier - ad acta gelegt ist."

Allerdings seien die Fans auf den Stadionrängen häufig darauf aus, vermeintliche Schwächen des Gegners zu suchen "und entsprechend zu pöbeln". Wie es einem offen schwulen Fußballer auf dem Platz ergehen würde, könne man sich unter den Voraussetzungen vorstellen, meinte Pilz.

Von früherem Outing wurde ihm abgeraten

Für Hitzlsperger stellt sich diese Problematik nicht mehr. Er hat sich bereits vor vier Monaten aus dem öffentlichen Leben als Fußballprofi zurückgezogen. Viele, die am Mittwoch ihren Respekt bekundeten, bedauerten gleichzeitig, dass er sich erst nach Beendung seiner aktiven Karriere outete.

Tatsächlich hatte der frühere Mittelfeldspieler offenbar schon in seiner Zeit beim VfL Wolfsburg in der Saison 2011/12 darüber nachgedacht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er sei jedoch von verschiedenen Leuten gewarnt worden.

"Sie haben alle gesagt: 'Tue es nicht, eine riesige Welle wird über dich hereinbrechen'", so Hitzlsperger. "Aber am Ende ist mir klar geworden, dass das niemand wissen kann. Es gab keinen früheren Fall, deswegen konnten alle nur darüber spekulieren, was wirklich passieren würde." Trotzdem sei die Entscheidung, seine Homosexualität nicht länger zu verschweigen, sehr "schwer" gewesen, gesteht er.

Hitzlsperger war jahrelang mit einer Frau liiert gewesen, bevor er sich zu seinem Schwulsein bekannte. "Wir planten schon die Hochzeit. Nach acht Jahren war diese Beziehung aber zu Ende, ohne dass meine Partnerin von meinen Gefühlen für Männer etwas wusste", sagte er im Gespräch mit der "Zeit". Das sei vor sechs Jahren gewesen. In dieser Zeit sei ihm auch seine sexuelle Orientierung bewusst geworden.

Der Fußballer spielte in der Jugend für den FC Bayern München, 2000 wechselte er zum englischen Premier-League-Verein Aston Villa. Danach war er unter anderem Kapitän des VfB Stuttgart, spielte in England und Italien. Für die deutsche Nationalmannschaft lief der Mittelfeldspieler zwischen 2004 und 2010 insgesamt 52 Mal auf.

SPD und Grüne dringen auf mehr Rechte für homosexuelle Paare

Nach seinem Bekenntnis bekräftigten Politiker von SPD und Grünen ihre Forderung nach der Gleichstellung homosexueller Paare mit Eheleuten. Der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs plädierte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstagsausgabe) dafür, die Ehe und die Adoptionsrechte für homosexuell lebende Menschen zu öffnen.

„Wenn schon die Kanzlerin sagt, mit ihr werde es keine Gleichstellung geben, ist es für einen bekannten Fußballer als auch für einen normalen 16-Jährigen schwer, sich zu outen“, sagte Kahrs. Der Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD machte seine Homosexualität selbst öffentlich, als er 1998 in den Bundestag gewählt wurde.

„Es geht hier um Gerechtigkeit, um ein Stück Normalität in unserer Gesellschaft“, sagte Grünen-Chef Cem Özdemir der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er hoffe, dass Hitzlspergers mutiger Schritt dazu beitrage, dass das Outing eines Fußballers eines Tages keine Schlagzeile mehr mache. „Auch wir Fans müssen dafür sorgen, dass Homophobie im Stadion keinen Platz hat“, sagte Özdemir. (mit AFP)