Hochspringern Gretel Bergmann ist im Alter von 103 Jahren gestorben

Noch im Alter von weit über 90 umwehte sie die Würde und auch die Grazie einer Spitzenathletin. Die über einsachtzig Meter Körpergröße ungebeugt, ihre gazellenhaft langen Beine mit festem, elanvollem Tritt; die Haare zwar weiß geworden, aber wie ein junges Mädchen gekonnt unfrisiert; und das Gesicht voll Glanz und Anmut: So empfing sie den Autor vor acht Jahren in ihrem Haus in Queens, New York.

„Besuch für den Star“, scherzte sie zur Begrüßung, servierte Eistee, und außer dass sie sich weigerte mit dem Besucher deutsch zu reden, weil sie sich das geschworen hatte, als sie 1937 ihre Heimat verließ, begegnete sie ihm ohne Ressentiments oder Bitterkeit. Ganz im Gegenteil. Noch bist zum vorvergangenen Jahr schrieb sie an Weihnachten eine E-Mail.

Hitlers Theorie als Irrsinn entlarvt

„Wissen Sie, es ist ja nicht schön, sein Leben in Bitterkeit zu leben“, sagte sie. Dabei hätte sie jeden Grund dazu gehabt. Gretel Bergmann war die Frau, der Hitler die Goldmedaille stahl, die weltbeste Hochspringerin ihrer Zeit und große Favoritin auf den Olympiasieg 1936 in Berlin. „Gold, nichts anderes wäre es gewesen“, diese Überzeugung nahm sie mit ins Grab.

Die 1,60 Meter der Olympiasiegerin Ibolya Csák aus Ungarn hatte sie zuvor mehrmals locker übersprungen – zumal sie vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen war und sich bei den Wettkämpfen allenthalben einem feindselig grölendem Publikum gegenüber sah. Denn Bergmann war Jüdin. Und als solche für die Nazis untragbar, auch bei den Spielen in Berlin. „Ein jüdisches Mädchen aus Laupheim als strahlende Olympiasiegerin – das hätte Hitlers Theorie von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse als Irrsinn entlarvt“, sagte sie.

Für kurze Zeit durfte sie sich dennoch Hoffnung machen. Denn die Amerikaner drohten, Olympia zu boykottieren, falls Juden aus dem deutschen Team ausgeschlossen würden. Also wurde die damals 22-Jährige doch nominiert und an den Trainingsstützpunkt des deutschen Teams beordert. Als purer Lockvogel, wie sich bald herausstellte. Kaum war die US-Mannschaft auf hoher See, wurde Bergmann wieder aus dem Kader gestrichen. „Mit der Begründung, ich sei nicht gut genug. Was für eine Demütigung, der schlimmste Tag meines Lebens.“

Ein Jahr später verließ Gretel Bergmann ihre Heimat für immer. Der ebenfalls aus Laupheim stammende Hollywood-Produzent Carl Laemmle bürgte für sie. 1937 und 1938 wurde sie noch einmal amerikanische Meisterin im Hochsprung. 1939 heiratete sie den aus Andernach stammenden Arzt Bruno Lambert und zog mit ihm in den New Yorker Stadtteil Queens, wo sie bis zuletzt lebte. Auch um die Chance, 1940 mit dem amerikanischen Team nachzuholen, was ihr vier Jahre zuvor mit dem deutschen verwehrt geblieben war, brachten sie die Nazis – dank derer traf sich die Weltjugend 1940 nicht zu den Olympischen Spielen in Tokio, sondern auf den Schlachtfeldern Europas.

Seit 2012 in der Hall of Fame

Wäre ihr Leben anders verlaufen, wenn sie 1936 Olympiasiegerin geworden wäre? „Anders ja, aber nicht besser“, sagte sie. „Wenn ich die Chuzpe besessen hätte, die Nazis zu blamieren, hätten sie mich umgebracht.“ Diese Erkenntnis ließ sie ihren Frieden machen mit dem Schicksal. 1999 reiste sie wider aller Schwüre doch noch einmal nach Deutschland und nahm in Frankfurt den Georg-von-Opel-Preis entgegen, in Laupheim erhielt das städtische Stadion ihren Namen. 2012 wurde sie in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

„Der größte Verlust war nicht die olympische Medaille oder der Lohn für Training und Talent, sondern der Verlust der Heimat und der Liebe für mein Land“, sagte sie seinerzeit dem Besucher zum Abschied. „Davon ist jetzt ein bisschen was zurück, und das macht mich glücklich.“ Am 25. Juli ist Gretel Bergmann im Alter von 103 Jahren gestorben.