Sinsheim - Die Körpersprache von Markus Babbel änderte sich auch in dem Moment nicht, als die Menschen um ihn herum ihre Gefühle ekstatisch auslebten. Das passierte im nur zu zwei Dritteln gefüllten Stadion in Sinsheim in der Nachspielzeit der Begegnung zwischen 1899 Hoffenheim und Hannover 96, nachdem das erlösende 3:1 für die Gastgeber gefallen war, die damit mühsam vom letzten auf den drittletzten Tabellenplatz krabbelten.

Babbel ließ es immerhin zu, dass seine zuvor wie mit Pattex in den Taschen seiner Anzugshose festzusitzen scheinenden Hände sich kurz frische Luft gönnten. Jeder konnte sehen: Da stand ein Trainer, dessen Körpersprache sagte: „Ich habe alles im Griff, ich lass mich nicht aus der Ruhe bringen.“

Möglicherweise gelingt es dem 39-Jährigen nun sogar, der Mannschaft eine Idee davon zu vermitteln, wie in der ersten Bundesliga Fußball nicht nur gespielt, sondern auch gearbeitet werden muss. „Wir sind Wege gegangen, die wehtun“, stellte der Chefcoach mit dem bislang schlechtesten Punkteschnitt aller Hoffenheimer Bundesligatrainer seit Ralf Rangnick fest.

Hannover ohne Leidenschaft

Das war am Sonntagabend der große Unterschied zwischen Hoffenheim und Hannover. Die Gäste kassierten ihre erste Saisonniederlage auch deshalb, weil ihre Unlust auf Laufarbeit nur allzu deutlich zutage trat. Trainer Mirko Slomka brachte es auf den Punkt: „Wir haben in der ersten Halbzeit ohne Leidenschaft und ohne Herz gespielt, und die zweite Halbzeit fand ich dann noch schlechter. Wir hatten nicht verdient, hier etwas mitzunehmen.“ Es sah ganz danach aus, als hätte das 2:2 in der Europa League bei Twente Enschede doch ein paar Spuren hinterlassen. Interessant, dass Hannover dennoch Tabellendritter bleibt, als Anführer eines Quartetts vor Dortmund, Schalke und Nürnberg mit nun schon fünf Punkten Rückstand auf die Führenden aus München und Frankfurt.

Die zuletzt arg gerupften Hoffenheimer sind von derartiger Höhenluft zwar noch weit entfernt, ihnen kam die niedersächsische Trägheit aber sehr gelegen. Sie ließen sich auch vom unglücklichen 0:1-Rückstand durch ein Eigentor von Matthieu Delpierre (26.) nicht großartig beeindrucken, gelangten schon im Gegenzug durch Fabian Johnson zum Ausgleich und drückten nach der Pause mit einiger Vehemenz.

Vermutlich wäre aber nicht mehr viel passiert, wenn Markus Babbel nicht gewisse seherische Qualitäten an sich entdeckte hätte. Er wechselte nämlich erst Sead Salihovic und dann Kevin Volland ein, zwei Offensivleute also. Und siehe da: Das 2:1 in der 82. Minute bereitete Volland mit seinen ersten Ballberührungen bei einem irren Sprint über die linke Seite vor, Salihovic verwandelte per Flugkopfball, vorm 3:1 in der Nachspielzeit durch Daniel Williams hatte sich Volland sogar an drei Hannoveranern vorbei navigiert, ehe er perfekt auflegte.

Zwar gibt es in Hoffenheim seit ein paar Tagen einen neuen Manager, der Andreas Müller heißt, ein Teil der Siegprämie müsste aber an dessen Vor-Vorgänger Ernst Tanner überwiesen werden. Der war es nämlich, der Kevin Volland, Sohn eines ehemaligen Eishockey-Nationalspielers, von 1860 München nach Hoffenheim lockte und schlau genug war, den Angreifer ein Jahr lang in München zu parken. „So habe ich in der zweiten Liga genügend Spielpraxis erhalten, das war sehr wichtig für mich“, berichtete Joker Volland am Sonntagabend.

„Das wird ein Knaller“

Schon am Mittwoch sind der 21-jährige U21-Nationalspieler samt Mitspieler wieder gefordert. Dann kommt es in Stuttgart beim einen Rang schlechter platzierten Tabellennachbarn zum Derby, das seine besondere Brisanz sowohl aus der geografischen Nähe und der Nähe im Keller der Liga bezieht.

„Das wird ein Knaller“, ahnt Volland und hofft, dass ihn Babbel wieder von Anfang an benötigt. „Für heute muss ich aber zugeben, dass es die richtige Entscheidung vom Trainer war“, räumte der antrittsschnelle Offensivmann ein und freute sich darüber, „dass wir richtig griffig waren“.

Das fand auch Müller, der neue Mann an Babbels Seite, der in der Komfortzone zwischen hochmodernem Trainingsgelände in Zuzenhausen und der zehn Kilometer entfernten Arena in Sinsheim festgestellt hat, woran es im Fußballdorf gern mal mangelt: „Am absoluten Willen, ein Spiel zu gewinnen.“