Berlin - Gut zweieinhalb Jahre nach dem Abgang von Startrainer Julian Nagelsmann sorgt die TSG 1899 Hoffenheim wieder als Champions-League-Kandidat für Aufsehen. Lange tummelten sich die Kraichgauer unter Sebastian Hoeneß in wenig aufregenden Tabellenzonen. Doch nach dem 3:1 (2:1) gegen den FC Augsburg und sieben ungeschlagenen Spielen steht die TSG plötzlich auf dem dritten Platz hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Dabei hat die Mannschaft um den kroatischen Vizeweltmeister Andrej Kramaric ihr Potenzial noch nicht mal ausgeschöpft.

„Es ist immer noch nur ein Moment. Aber natürlich ist es ein Stück weit eine Bestätigung für einen guten Weg, den wir eingeschlagen haben“, sagte Hoeneß zurückhaltend wie immer. „Trotzdem können wir uns nix dafür kaufen.“ Der Neffe von Uli und Sohn von Dieter Hoeneß war 2020 als Drittliga-Meister mit dem FC Bayern II nach Hoffenheim gekommen. Nach dem glücklosen Nagelsmann-Nachfolger Alfred Schreuder kämpfte Sebastian Hoeneß in seiner ersten Saison mit vielen Verletzten und Corona-Fällen, jetzt hat er ein formidables Team und einen Lauf.

Einen Platz im internationalen Geschäft – dieses Ziel hat bei der TSG öffentlich bisher nur Mäzen Dietmar Hopp ausgerufen. Jede Menge Anerkennung klang aus den Worten von Augsburgs Manager Stefan Reuter nach dem Abpfiff. „Unglaublich gefährlich“ seien die Hoffenheimer, sagte der Weltmeister von 1990 und hörte gar nicht mehr auf, vom Gegner zu schwärmen. Glückwunsch an Hoffenheim, sagte Reuter und es klang nach mehr als einer Floskel: „Die haben eine richtig gute Mannschaft und stehen nicht umsonst da oben.“

Dabei fehlte Hoeneß mit dem erkälteten Abwehrchef Florian Grillitsch einer seiner Top-Profis. Dessen hochveranlagter österreichischer Landsmann Christoph Baumgartner kommt nach einigen Blessuren erst wieder richtig in Fahrt. Kapitän Benjamin Hübner fehlte verletzt eineinhalb Jahre und wird wohl demnächst sein Comeback geben. Steigerungspotenzial ist auch bei Kramaric zu erkennen. Der Angreifer glänzt zwar als Spielmacher, hat aber Ladehemmung und bisher erst zwei Treffer erzielt. 20 Tore waren es in der vergangenen Saison.

Diesmal traf Ihlas Bebou zweimal. Den Endstand besorgte einer, dessen Aufstieg auch jenen seiner Mannschaft widerspiegelt: David Raum. Raum hat seit seinem Wechsel im vergangenen Sommer aus Fürth in den Kraichgau eine steile Karriere hingelegt. „Ich habe in Interviews immer wieder gesagt, dass ich momentan meinen Traum lebe. Das letzte Jahr war Wahnsinn für mich“, sagte der linke Flügelspieler. „Ich lebe den Traum von jedem kleinen Fußballjungen in Deutschland.“ Drei Länderspiele hat er inzwischen absolviert. Am Saisonende eine Champions-League-Teilnahme mit Hoffenheim und im Herbst ein WM-Ticket von Hansi Flick – es gibt noch Raum für weitere Träume.