Gelsenkirchen - Es ist mehr als zwei Jahre her, dass Serge Gnabry die Öffentlichkeit erstmals mit seiner Rasanz erstaunte. Es lief die Bundesligapartie zwischen Darmstadt und Bremen (2:2), als Ousman Manneh einen viel zu steilen Pass in die Gasse spielte und sich gleich die Hände vors Gesicht schlug. Doch Gnabry kümmerte das an diesem 1. Oktober 2016 kein bisschen. Er beschleunigte auf den ersten Metern so schnell, und plötzlich lag der Ball im Tor. Der damalige Darmstädter Trainer Norbert Meier hob respektvoll jene Sequenz hervor, die er mit einer Prophezeiung verband: „Ich weiß nicht, ob der noch so lange in Deutschland bleiben wird.“

Dabei war Gnabry gerade als herausragende Figur beim Olympischen Fußballturnier nach Bremen gewechselt, um seinem Mauerblümchendasein beim FC Arsenal zu entkommen. Und im Hintergrund soll es die Abmachung mit einem Vorkaufsrecht für den FC Bayern gegeben haben, die nach einem einjährigen Umweg über Hoffenheim diesen Sommer Wirklichkeit wurde. Inzwischen taugt Gnabry, 23, als Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft. In der Rolle als hängende Spitze – und als Geheimwaffe mit den flinken Beinen. „Ich denke schon, dass ich die Geschwindigkeit vererbt bekam, die Anatomie hat es hergegeben, dass ich sehr schnell rennen kann“, erklärt Gnabry. Er avancierte bei den Länderspielen in Frankreich (1:2) und gegen Russland (3:0) zu einem der besten Akteure.

Flexibilität und Spielwitz

„Serge hat sich sehr gut entwickelt. Wenn er aus dem Zentrum kommt, ist er sehr variabel, er hat immer Zug zum Tor. Wenn er so weitermacht, kann er ein extrem wichtiger Spieler für uns werden“, lobte Joachim Löw, der an diesem Montag gegen die Niederlande (20.45 Uhr/ARD) kaum auf Gnabry verzichten dürfte. Außer Marco Reus verbindet niemand aus seinem Kreis so viel Tempo und Technik, Flexibilität und Spielwitz.

Wenn komplexe Übungen mit Dribbeln, Passen und Umkurven von Slalomstangen anstehen, erledigt Gnabrys alles in höchster Geschwindigkeit. Unbekümmertheit und Draufgängertum garnieren das Gesamtpaket. Auch wenn er sich manchmal noch zu viel zutraut, wagt er sich wenigstens etwas. Löw hat bestätigt, sich schon bei der Zusammenstellung des WM-Kaders 2014 mit Gnabry beschäftigt zu haben. Und auch 2018 war er in einer bärenstarken Rückrunde in Hoffenheim wieder auf der Überholspur, wenn ihn nicht ein Muskelbündelriss im Adduktorenbereich gestoppt hätte.

Selbstbewusster Spruch

Dass der in Stuttgart geborene Sohn eines Ivorers und einer Deutschen erst vier Länderspiele auf dem Konto hat, hängt mit Verletzungen zusammen. Bisweilen wirkte es so, als würden Sehnen und Bänder, Gelenke und Muskeln bei seiner ungeheuren Dynamik rebellieren. Löw versieht seine Vorhersage mit der Einschränkung: „Ich hoffe, dass er stabil bleibt.“ Gnabry schiebt regelmäßig Sonderschichten, versucht sich auch im Abschluss stetig zu verbessern.
Nur dann kann er seinen Torjubel aufführen, den er sich in den Bremer Zeiten ausgedacht hat: mit einem imaginären Kochlöffel herumrühren. Abgeguckt hat sich Basketballfan Gnabry die Geste von der NBA: „Das ist Cooking. Wenn James Harden von den Houston Rockets übertrieben viele Punkte macht, dann ist er der Chefkoch.“ Irgendwie ja passend, dass er nicht lange um den heißen Brei herumredet. Als ihm zuletzt vorgehalten wurde, er würde Thomas Müller auf die Bank drängen, entgegnete Gnabry: „Wenn ich draußen sitze, ist doch auch ein Hochkaräter draußen, oder?“

Ein Sprücheklopfer ist er trotz allem Selbstbewusstsein nicht. Dass er der Gewinner der vergangenen Wochen in Verein und Nationalmannschaft sein soll, „habe ich gar nicht so wahrgenommen“, sagte Gnabry. Seine wichtigste Weiterentwicklung sei mit 16 Jahren der Wechsel nach England gewesen, um sich bei Arsenal erst im Nachwuchs zu empfehlen, dann bei den Profis durchzusetzen. „Seitdem gehe ich mehr ins Risiko.“ Dass er irgendwann noch einmal einen zweiten Anlauf in der Premier League nimmt, ist nicht abwegig. Und Norbert Meier hätte recht doch noch recht gehabt.