Holger Glandorf: Erschüttertes Vertrauen

Holger Glandorf ist momentan abgetaucht. Wo und wie der Handball-Nationalspieler seinen Urlaub verbringt, weiß kaum jemand so genau, auch der Ansagerin auf seiner Telefon-Mailbox fällt nichts Besseres ein, als dass der gewünschte Teilnehmer nicht erreichbar sei.

Nur einem erlauchten Kreis von Personen hat Glandorf sein Urlaubsdomizil anvertraut, der hütet es wie ein Staatsgeheimnis. Der Holger, so heißt es aus dem Umfeld des Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt, wolle eben seine Ruhe haben.

Arzt-Haftungsprozess droht

Trotzdem dürfte Glandorf in den kommenden Tagen für Aufsehen in der Handballszene sorgen. Dann allerdings nicht wie gewohnt auf dem Parkett, sondern auf rechtlicher Ebene. Glandorfs Anwalt Olaf Matlach (Hannover) setzt gerade eine Klageschrift gegen Detlev Brandecker auf, den Mannschaftsarzt des THW Kiel und einer von bis zu sechs Medizinern, die bei Länderspielen die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) betreuen.

Brandecker droht ein sogenannter Arzt-Haftungsprozess. Er wolle „die Klage diese oder nächste Woche beim Landgericht in Flensburg einreichen“, sagt Matlach. Ein Prozess könnte nur abgewendet werden, wenn es noch zu einer außergerichtlichen Einigung mit dem Haftpflichtversicherer Brandeckers käme. Aber: „Das ist nicht absehbar“, sagt Matlach.

Vor dem Test-Länderspiel der Nationalmannschaft gegen Dänemark am 7. April dieses Jahres hatte Brandecker Glandorf in einem Hotelzimmer eine Kortisonspritze verabreicht.

Sie sollte die Schleimbeutelentzündung an der linken Achillesferse des Spielers hemmen, die er schon länger mit sich herumgeschleppt hatte.

Die Einstichstelle entzündete sich, Glandorf bekam durch eine bakterielle Infektion hohes Fieber. Dreimal musste er an der entzündeten Ferse operiert werden. Sogar vom Karriereende war die Rede, was Glandorf dementierte.

Keine Ansprüche gegen DHB

Matlach fordert nun für seinen Mandanten Schadenersatz, weil der sein Gehalt seit der sechsten Verletzungswoche nicht mehr in vollem Umfang erhält. Parallel klagt die SG Flensburg auf Ersatz der Entgeltfortzahlung für jene sechs Wochen, in denen der Klub Glandorf bezahlen musste, obwohl er nicht einsatzfähig war.

Allerdings wollen die beiden Parteien, die eine Klage anstreben, nur den behandelnden Arzt Brandecker belangen. Gegen den DHB habe die gegnerische Seite zwar auch versucht Ansprüche zu erheben, sagt Verbandschef Ulrich Strombach, der hauptberufliche als Anwalt tätig ist. Doch habe er diese „nach Überprüfung der Rechts- und Sachlage zurückgewiesen“. Danach seien nach seiner Kenntnis keine Forderungen mehr an den Verband herangetragen worden.

Froh dürfte der DHB über die Entwicklung des Falls trotzdem nicht sein, da er neben dem Imageverlust auch ein ramponiertes Vertrauensverhältnis der Spieler in die verbandsärztliche Versorgung zur Folge haben könnte.

Zwar wird vom DHB angeführt, dass jahrelang nie etwas passiert sei, doch in Fachkreisen heißt es, niemand wolle in Brandeckers Haut stecken. Was dem Kieler Allgemeinmediziner und Internisten widerfährt, fürchten alle Ärzte, die Spitzensportler betreuen.

Eingriff in die Integrität

Der Hauptvorwurf in Matlachs Klageschrift lautet: Glandorf wurde nicht über die Risiken aufgeklärt, die eine Kortisonspritze mit sich bringt. Hätte sein Mandant gewusst, dass Folgen wie jene drohten, die dann tatsächlich eintraten, hätte er der Injektion nie zugestimmt, sagt Glandorfs Anwalt. Auch hält es Matlach für bedenklich, dass der Routinier für ein Test-Länderspiel fit gespritzt wurde, als sein Klub vor wichtigen Spielen stand.

Brandecker sagt nichts zu den Vorwürfen. Er verweist auf die ärztliche Schweigepflicht und das schwebende Verfahren. Im Kieler Umfeld ist zu hören ist, der Mediziner den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Spritze und den nachfolgenden Operationen bestreiten und sich darauf berufen, dass Glandorf schon früher über die Folgen von Kortisonspritzen beraten wurde. Zu klären wäre dann, ob die Aufklärungspflicht in ähnlichen Fällen damit später entfällt.

Sportärzte in einer Grauzone

In Fachkreisen gehen die Meinungen zu dem Thema auseinander. Kai Dragowsky, Arzt des Volleyball-Nationalteams, findet, dass „eine Spritze ein Eingriff in die Integrität der Person ist“. Daher müsse immer mündlich aufgeklärt werden. Oliver Pütz, Arzt der deutschen Basketballer, stimmt dem zu, sagt aber auch: „Bei Klubs und Nationalteams ist die Vertrauensbasis zu den Spielern über die Jahre gewachsen.“

Es ist offenbar gängige Praxis, Sportlern nur jeweils bei der ersten Injektion eines Präparats zu sagen, welche Folgen auftreten können. Dann müssten sie es eigentlich wissen. Doch Pütz schränkt ein: „Mag sein, dass es auch verdrängt wird.“

Der Fall Glandorf zeigt, dass sich Sportärzte mitunter in einer Grauzone bewegen. Der sich anbahnende Prozess könnte nun klären helfen, ob die recht laxe Handhabung beibehalten werden kann. Oder eben nicht.

Derweil gibt es erste Hinweise darauf, dass der Sportmedizin eine Ethikdebatte über den Umgang mit Injektionen und der damit verbundenen Aufklärung bevorstehen könnte. „Wir werden bei den nächsten Basketball-Lehrgängen diese Problematik aufgreifen. Für uns war der Fall Glandorf ein Warnschuss“, sagt Oliver Pütz, der durch die angekündigte Klage weitreichende Folgen für die Sportmediziner sieht: „Ob auf dieser Basis ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Mannschaftsarzt und Sportler möglich ist, mag zu bezweifeln sein.“