Wenn Spitzensportler in einen großen Wettkampf gehen, schützen sie ihre Konzentration oft, indem sie sich in einen imaginären Tunnel begeben. Nichts soll ihre Vorbereitung stören, weil ihr Abschneiden bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen oft die Leistung ihres Jahres determiniert, in besonderen Fällen gar die ihrer sportlichen Karriere.

Das mag erklären, warum der weltweit Protest an einem homophoben russischen Gesetz, das Präsident Wladimir Putin im Juni unterzeichnet hat, nur allmählich Unterstützung findet unter den Beteiligten der Leichtathletik-WM. Dass Sportverbände zudem politische Äußerungen in Stadien unter Strafe stellen, um den Missbrauch ihrer Veranstaltungen zu Propagandazwecken zu verhindern, mag die andere Erklärung sein.

Jedenfalls steigt seit Dienstagabend der Mut der WM-Teilnehmer, sich für unabdingbare Menschen- und Freiheitsrechte einzusetzen, zu denen das Verbot der Diskriminierung wegen sexueller Orientierung zählt. Nach seinem erfolgreichen 800-Meter-Lauf, der ihm WM-Silber bescherte, machte am Dienstag der Amerikaner Nick Symmonds den Anfang der Empörungswelle: „Egal, ob du schwul, hetero, schwarz oder weiß bist: Wir alle verdienen dieselben Rechte“, sagte er der russischen Agentur R-Sport: „Ich respektiere dieses Land, aber ich bin nicht mit seinen Regeln einverstanden.“

Vor der WM hatte der in London lebende Athlet in seinem Blog noch bekundet, „unseren lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgeschlechtlichen Nachbarn gebühren dieselben Rechte wie uns allen, aber als Amerikaner, der bald für zwölf Tage in Moskau residiert, wird das für mich das letzte Mal sein, dass ich das Thema anschneide: Ich sage das nicht aus Furcht vor Strafverfolgung sondern aus Respekt vor der Tatsache, dass ich Gast der Gastgebernation sein werde“.

Dass er schließlich doch die Zivilcourage den Höflichkeitsformen vorangehen ließ, brachte ihm weltweiten Applaus. Vorsichtig schloss sich gestern die schwedische Hochspringerin Emma Green-Tregaro an. Sie trat zum Wettkampf mit regenbogencolorierten Fingernägeln an − den Farben der Schwulen- und Lesben-Bewegung. Ihre Landsfrau Moa Hjelmer, eine Sprinterin, übernahm im 200-Meter-Vorlauf die Geste. Nachdem Green-Tregaro in zwei Sprüngen das Finale erreicht hatte, sagte die Schwedin: „Es hat sich einfach richtig angefühlt. Ich würde nicht sagen, dass es ein Protest ist, sondern mehr ein Ausdruck meiner Geisteshaltung.“

Der Mut der Athleten geht den Funktionären ab. Vor der WM hatte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, stets diplomatisch nur auf das in der olympischen Charta verbriefte Diskriminierungsverbot verwiesen. Sein IOC hat schließlich an die ihre Intoleranz gesetzlich formulierende russische Regierung die Winterspiele 2014 in Sotschi vergeben. Womöglich hat das IOC nur allzu gut in Erinnerung, wie sinnlos und wenig nachhaltig alle frommen Wünsche verpufft sind, die Menschenrechtslage in China durch die Vergabe der Spiele 2008 nach Peking zu verbessern. „Das IOC hat Zusicherungen von höchster staatlicher Regierungsstelle in Russland erhalten“, sagte Rogge also nur, „dass die Gesetzgebung nicht diejenigen betrifft, die die Spiele besuchen oder an ihnen teilnehmen.“ Diskriminierung vor oder nach Olympia oder außerhalb des Sports scheint ihm von nachrangiger Bedeutung.

Das IOC sieht sich wieder einmal der Gefahr eines Spieleboykotts gegenüber wie in Montreal 1976, in Moskau, als der Westen demselben Stadion, in dem nun die Leichtathletik ihre WM vorzeigt, 1980 fernblieb, weil Russland in Afghanistan einmarschiert war, und wie in Los Angeles 1984. Aktivisten haben zum Verzicht auf die Spiele aufgerufen, um Druck auf Russland auszuüben.

Das umstrittene Gesetz stellt die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafen wie Geldbußen zwischen 120 und 23 000 Euro oder bis zu 15 Tagen Haft. Kritiker werten es als offenen Versuch der Putin-Diktatur, die gleichgeschlechtliche Orientierung staatlich zu ächten.

Rogges unmittelbar betroffener IOC-Kollege Lamine Diack, Chef des Leichtathletik-Weltverbandes, verstieg sich gar zur hilflosesten Stellungnahme: „Ich finde nicht, dass es da überhaupt ein Problem gibt. Russland hat seine Gesetze.“