Hooligans in Moabit: Wie kam es zu der Massenschlägerei?

Berlin - Sie gehen mit Eisenstangen, Knüppeln und Bierflaschen aufeinander los, schlagen und prügeln aufeinander ein. Passanten rennen geschockt davon. Nach der Straßenschlacht zwischen Hooligans von Hertha BSC und Eintracht Frankfurt mitten in Moabit fragen sich viele Berliner, wie es ganz plötzlich zu  solch’ gewalttätigen Szenen im öffentlichen Raum kommen konnte.

„Die standen sich kurz gegenüber und haben sich gegenseitig mit Sprüchen und Handzeichen provoziert“, berichtet ein Anwohner.  „Und dann sind die Kerle wie von Sinnen aufeinander losgegangen.“ Weitere Augenzeugen berichten von Straßenschlacht-ähnlichen Szenen, von  Fünfergruppen, die  auf einen  am Boden liegenden Gegner eintreten – und von einer anfangs hoffnungslos überforderten Polizei.

Mit gezogener Dienstwaffe

All das geschieht am  Sonnabend  gegen 13 Uhr an der Beusselstraße. 200 Fußballfans treffen aufeinander, fast 150 von ihnen sind Anhänger von Eintracht Frankfurt, die anderen spezielle Hertha-Fans, die sich selbst Harlekins nennen. Die beiden Bundesliga-Vereine spielen am Nachmittag gegeneinander.

Nach den ersten Notrufen besorgter Anwohner treffen zunächst zwei Funkwagen vom zuständigen Abschnitt ein. Die Beamten haben gegen den randalierenden Mob keine Chance. Ein Polizeisprecher sagt: „Die Kollegen standen einer   etwa 60-köpfigen Gruppe von Randalierern gegenüber, deren Aggressionen sich sofort gegen die Polizisten richteten. Als der Mob auf die Beamten losstürmt, ziehen diese ihre Dienstwaffen und verhindern somit  einen körperlichen Übergriff.“ Erst als zwei Einsatzhundertschaften mit Helmen und Schlagstöcken eintreffen, wendet sich das Blatt. Die Berliner Einsatzkräfte können rund die Hälfte der Hooligans zu Boden bringen.  „Insgesamt wurden 96 Personen festgenommen“, sagt der Polizeisprecher. „Sechs davon wurden verletzt, einer wurde  stationär im Krankenhaus aufgenommen.“

Jetzt versuchen die Behörden zu klären, wie es zu der Massenschlägerei kommen  konnte. 73 der 96 Festgenommenen stammen aus Hessen. In der Vergangenheit kam es mehrfach zu Überfällen von Hertha-Fans auf Kneipen, in denen Eintracht-Fans saßen, zuletzt vor einem Jahr in der Wichertstraße in Prenzlauer Berg.  Die Polizei ermittelt nun, ob   die Berlinbesucher gezielt einen Treffpunkt von Herthanern aufsuchten oder ob es eine gezielte Verabredung  zum Prügeln war.

Donato Melillo, Leiter der Fanbetreuung bei Hertha  BSC, legt sich bereits fest. „Es spricht vieles dafür, dass die Harlekins überrascht wurden in ihrer Stammkneipe“, sagt er. „Die Frankfurter wussten offenbar, wo sie sich aufhalten.“ Die Harlekins sind die älteste Ultra-Gruppe im Umkreis von Hertha BSC. Ultras entstanden ab Mitte der 1990er-Jahre und stellen eine Art Jugendkultur unter Fußballfans dar. „Sie fühlen sich für die Atmosphäre im Stadion verantwortlich, stellen zum Beispiel die Vorsänger, gestalten die Stadion-Choreographie und prägen auch das optische Erscheinungsbild etwa mit Transparenten“, erläutert Melillo.  Selbst in sozialen Projekten wie „Hertha wärmt“ seien sie engagiert. „Leider wird von einigen  auch gerne Pyrotechnik verwendet und es kommt auch zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen mit bestimmten Fangruppen.“ Da gebe es teilweise gewachsene  Rivalitäten, so zum Beispiel   zu Eintracht Frankfurt.

Die Gewalttäter unter den Ultras  seien oft junge Männer auf der Suche nach dem Kick, nach Adrenalin, heißt es an anderer Stelle.

Für den Fanforscher Jonas Gabler war die Fußballrandale „keine große Überraschung, weil der Konflikt zwischen den Fangruppierungen sich ja schon länger hinzieht“, wenngleich auch er  als Anwohner, der  in der Nähe des Tatorts gerade seine Einkäufe erledigte, von dem Aufruhr im Viertel etwas verstört gewesen wäre. „Wenn so etwas in den Alltag der Menschen drängt, ist das Entsetzen groß“, sagte der  Politikwissenschaftler  der Berliner Zeitung. Der 35-Jährige  nennt den Vorfall einen „Angriff auf einen Treffpunkt der Hertha-Ultras“,  was ebenfalls gegen den zunächst verbreiteten Verdacht einer  vereinbarten Schlägerei spricht. Die Antipathie zwischen den Ultra-Gruppierungen von Hertha BSC und Eintracht Frankfurt fuße auf der in der Ultra-Szene weit verbreiteten Logik, wonach, so Gabler, der „Feind meines Freundes wiederum mein  Feind ist“. In diesem Konflikt gehe es  um die seit den 1970er-Jahren gepflegte Freundschaft zwischen den Anhängern von Hertha BSC und den Fans des Karlsruher SC, die ihrerseits traditionell mit den Anhängern von Eintracht Frankfurt eine Ranküne pflegen würden. Ein Dreiecksverhältnis mit jeder Menge Zündstoff.

Stadionverbot als Konsequenz

Es handle sich also keineswegs um einen „politischen Konflikt“, erklärt Gabler, der von einer Ausdifferenzierung in der Ultra-Szene zu berichten weiß. Bei einigen Klubs, auch bei Hertha BSC,  sei eine Radikalisierung weniger gewaltaffiner Fangruppen zu beobachten, die auch wieder mit der Bezeichnung als „Hooligans“ kokettieren.

Zeigt Hertha BSC den Gewalttätern nun die Rote Karte? „Es gibt einen Sicherheitsbeirat, dem wir als Fanbeauftragte angehören“, sagt der Fanbeauftragte Melillo. „Der entscheidet darüber, was mit Fans passiert, die wegen Gewaltvorfällen oder anderer Verstöße aufgefallen sind.“ In etwa 50 Fällen pro Jahr berate dieser Beirat über ein Stadionverbot, ausgesprochen werde es nur im niedrigen zweistelligen Bereich.

Es ist davon auszugehen, dass die Polizei nach Ende der Ermittlungen die Personalien Hertha BSC überlässt. Dann dürfte sich dieser Beirat mit diesen Fällen beschäftigen.