Hoppegarten: Adel verpflichtet

Es ist ganz gut für Donatella, dass Pferde keinen Sinn für Geschichte haben. Andernfalls müsste die Stute am Sonnabend auf der Rennbahn Hoppegarten noch weit mehr mit sich herumschleppen als Jockey Jozef Bojko. Die dreijährige Pferdedame, die sich im 1 400 Meter langen Auktionsrennen um 52 000 Euro, der wichtigsten Prüfung des Renntags, mit sechs Stuten und drei Hengsten messen wird, galoppiert für den Rennstall Graditz. Dort, im nordwestlichsten Zipfel Sachsens, kam sie auch zur Welt.

Das Gestüt Graditz ist ein Mythos im Galopprennsport und in der deutschen Vollblutzucht. Schon im 17. Jahrhundert wurden dort Pferde gezüchtet. Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen ließ die im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Anlage wieder aufbauen. Sein Sohn Friedrich August I., bekannt als August der Starke, machte Graditz zu seinem Hauptgestüt. „Wir sind gemeynet, bey unserm Forwege Gratitz ein neu Gestütte anlagen und ein neu steinern Gebäude dazu nach beigefügtem Risse aufführen zu lassen“, wies er 1722 seinen Baumeister Daniel Pöppelmann an.

Heute erfreuen sich die Besucher an jenem „steinern Gebäude“ in den Elbauen, Pöppelmanns Barockschloss, dessen Fertigstellung August der Starke nicht mehr erlebte. „Wir sind ja auch ein touristischer Ort“, sagt Gestütsleiter Steffen Bothendorf. Was nichts daran ändert, dass Graditz seinen Pflichten als Sächsisches Hauptgestüt im Eigentum des Freistaats nachkommt. „Wir erfüllen die Aufgaben, die einst die sächsischen Kurfürsten vorgegeben hatten.“ Die hatten nicht die Zucht von Rennpferden im Auge, sondern die Veredelung der sächsischen Pferdebestände durch gute Warmblut-Vererber aus Graditz.

Eine besondere Verbindung

Natürlich führt von denen keine Spur zu einer reinrassigen Lady wie Donatella. Doch Graditz fiel nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon – als Strafe für einen Seitenwechsel des wankelmütigen Sachsen – an Preußen. Und die neuen Herren nahmen dort nicht nur die Zucht wieder auf, sie huldigten auch einem neuen Sport: Pferderennen. „Man musste die Vollblüter entweder teuer in England kaufen oder bekam sie gar nicht. Da war Zucht die logische Lösung“, sagt Steffen Bothendorf. Später gewannen die Rennpferde aus dem Staatsgestüt über Jahrzehnte, was es zu gewinnen gab. Ihre Dominanz auf der Rennbahn war so erdrückend, dass die privaten Rennstallbesitzer Anfang des 20. Jahrhunderts den Ausschluss der mächtigen Konkurrenz bei bestimmten Rennen forderten und durchsetzten, dass die Graditzer nur aufgrund ihrer Herkunft Zusatzgewicht tragen mussten.

Heute ist Graditz ein Beispiel für das gedeihliche Zusammenspiel privater und staatlicher Initiative. Der badische Unternehmer Hans Wirth und Ehefrau Petra betreiben Vollblutzucht und Rennstall. Die Warmblutzucht untersteht der landeseigenen Sächsischen Gestütsverwaltung. Der Freistaat kümmert sich zudem mit erheblichem finanziellen Aufwand um die Erhaltung des denkmalgeschützten Bauensembles. „Es ist ja herrlich dort“, schwärmt Petra Wirth, die für Donatella im Auktionsrennen „gute Chancen“ sieht. Trainer Uwe Stech, der die Graditzer Stute in Hoppegarten betreut, spricht von einer „ganz besonderen Ehre“. Der gebürtige Dresdner empfindet als Sachse „eine besondere Verbindung“ zum berühmten Gestüt in Torgau, der Stadt, deren Einwohner sich nach der Wende in einer Volksabstimmung für die Zugehörigkeit zum Freistaat entschieden. Sollten Sie heute in Hoppegarten Jozef Bojko im traditionellen Schwarz-Weiß der Graditzer sehen, denken Sie ruhig mal an die große Vergangenheit. Aber sagen Sie es nicht Donatella.