Auf dem Hoppegartener Geläuf sollen bald wieder Rennen stattfinden.
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BerlinEigentlich ist es Gerhard Schöningh gewohnt, zwischen Berlin und London zu pendeln. Im Vereinigten Königreich, wo er als Fondsmanager tätig ist, verbringt er normalerweise rund anderthalb Wochen pro Monat. Die übrige Zeit weilt er in der Hauptstadt, um vor allem die Weiterentwicklung der Rennbahn in Hoppegarten voranzutreiben, deren Eigner er seit 2008 ist. In diesen Tagen allerdings pendelt er vor allem zwischen seiner Wohnung in Berlin-Mitte und der Rennbahn. Was zum einen daran liegt, dass Reisen nach Großbritannien aufgrund der Coronapandemie nur sehr eingeschränkt möglich sind. Vor allem aber ist er als Galoppsport-Krisenmanager gefragt. Es geht darum, diese Saison irgendwie zu retten.

Der Dachverband des deutschen Rennsports orientiert sich, zumindest zeitlich, am Fußball. Ab Mai sollen wieder die Pferde über das Geläuf galoppieren. Zweimal die Woche berät sich die Corona-Taskforce, wie man schrittweise in den Alltag zurückzukehren kann. Schöningh sagt: „Wir möchten den Schutz der Bevölkerung und aller am Sport Beteiligten absolut respektieren. Dennoch haben wir die Situation, dass ein ganzer Wirtschaftszweig dranhängt.“ Rund 3 000 Beschäftigte im Rennsport und in der Zucht verdienten ihren Unterhalt mit diesem Geschäftsmodell.

Hoppegarten plant Rennen ohne Zuschauer

Der Plan zum Neustart, insofern dieser zugelassen wird, sieht vor, dass zunächst Rennen ohne Zuschauer stattfinden. „Wir werden die an einem Renntag beteiligten Personen auf das Notwendigste beschränken“, sagt Schöningh. Zum Kernpersonal gehören natürlich die Reiter,   die Betreuer der Tiere und die Helfer an der Bahn, die zum Beispiel dafür sorgen, dass die Pferde in die Startboxen geführt werden. Weil die Wettschalter und Imbissbuden genauso wie die Tribünen verwaist blieben, ließe sich ein Mindestabstand einhalten. So die Branchenmeinung.

Unter diesen Voraussetzungen glaubt die Szene,   das Fundament des Galoppsports bewahren zu können. Ein kompletter Stillstand und ausbleibende Verdienstmöglichkeiten würde nach Schöninghs Ansicht verschiedene negative Folgen nach sich ziehen. „Besitzer fragen natürlich: Warum soll ich ein Pferd halten, wenn es nicht läuft?“ Andernfalls werden die Tiere auf die Weide geschickt oder verkauft. Die ohnehin nicht allzu zahlreichen Besitzer hierzulande zu motivieren, an ihrem Hobby festzuhalten, gehört derzeit zur Kernaufgabe.

Schöningh verweist zudem darauf, dass Pferderennen „nicht nur Volksbelustigung und Wettmedium sind, sondern auch Leistungsprüfungen, die im staatlichen Auftrag durchgeführt werden.“ Die großen Rennen wie das Deutsche Derby, die Stutenprüfung Preis der Diana oder der Große Preis von Berlin sind   auch eine Zwischenbilanz, wie es um die deutsche Zucht steht. Sollten diese Rennen ausfallen, „hätten ein ganzer Jahrgang oder zumindest die Spitzenpferde davon keinen Wert“, ist Schöningh überzeugt. Ganz zu schweigen von dem Auslauf, den ein Rennpferd braucht.

Die Rennpreise sinken

Aber selbst für den Fall, dass demnächst Geisterrennen stattfinden können, wird die Coronakrise dem Rennsport schaden. Ohne Zuschauer fehlen jegliche Einnahmen durch Eintrittsgelder sowie die Erlöse aus der Bahnwette. Hinzu kommt, dass zahlreiche Sponsoren genau überlegen werden, ob sie den Galoppsport weiterhin fördern können. „Es wird auch Partner geben, die das nicht mehr können, weil es sie nicht mehr gibt“, prophezeit Schöningh. Zu konkreten Auswirkungen auf die Rennbahn in Hoppegarten möchte er sich erst äußern, wenn valide Zahlen verfügbar sind. Das Geschäftsmodell, die Rennbahn für weitere Events   wie Messen oder Festivals zu öffnen, kommt in diesem Jahr ebenfalls an seine Grenzen.

Es wird auch Partner geben, die das nicht mehr können, weil es sie nicht mehr gibt.

Gerhard Schöningh

Abzusehen ist, dass die Attraktivität der Rennen leiden wird. An einem durchschnittlichen Renntag werden auf der Brandenburger Bahn zwischen 80 000 und 250 000 Euro an Rennpreisen ausgeschüttet. Ohne entsprechende Einnahmen führt kein Weg daran vorbei, diese zu senken. „Unsere Rennen werden weniger international werden“, glaubt Schöningh deshalb. Zumal ja derzeit noch nicht klar ist, wie der Grenzverkehr in einigen Monaten aussehen wird. Was übrigens auch zu großer Verunsicherung bei den deutschen Rennställen führt. Denn rund ein Drittel der Preisgelder gewinnen die Tiere aus den hiesigen Gestüten auf den Bahnen jenseits der Grenze.

Für Schöningh wäre es zunächst mal ein Erfolg, wenn der Rennkalender in diesem Jahr halbwegs einzuhalten wäre. Die beiden abgesagten Veranstaltungen im April abgezogen sind noch neun Renntage terminiert. An diesen solle auch ausgefallene Rennen nachgeholt werden.

Die Außenwette als Chance

Aber es gibt auch Chancen, die Verluste zu begrenzen. Ein neuer Dienstleister, der ab dieser Saison überträgt, soll helfen, „dass die Rennen auch für einen Onlinezuschauer oder einen Wetter deutlich attraktiver sind“, sagt Schöningh. „Wir erwarten uns eine deutlich gesteigerte Refinanzierung durch die Außenwette, zumal die Wettvermittler, also die großen Online-Buchmacher, eine Bereitschaft erklärt haben, in Krisenzeiten zu helfen.“ Zum einen verzichten diese auf   Provisionen. Zudem würden sie Wetten direkt in den Totalisator annehmen, von dem die Rennvereine mehr profitieren als von der Buchmacher-Wette.

Das Geläuf vor den Toren Berlins jedenfalls wäre bereit für den Aufgalopp. Davon überzeugt sich Schöningh fast täglich. Einen besseren Ort, um den eigenen vier Wänden zu entkommen, gibt es kaum.