HOFFENHEIM - Frank Arnesen hatte direkt nach dem 0:4 bei der TSG Hoffenheim eine interessante Überlebensstrategie parat. Der Manager des Hamburger SV empfahl allen, die mit dem bislang noch nie in die Zweite Liga abgestiegenen Bundesliga-Gründungsmitglied zittern, eine kollektive Amnesie für die Zeit zwischen 20 Uhr und 21.46 Uhr am 11. April 2012. Während diesen 136 Minuten versuchte der HSV in Hoffenheim Fußball zu spielen, und Arnesen hatte schon Recht, als er sagte: „Am besten, wir vergessen das ganz schnell.“ Viel Zeit zur Aufarbeitung dieses Debakels bleibt eh nicht. Schon am Samstag geht es „zum nächsten Endspiel“ gegen Hannover 96, wie Arnesen wusste.

Doch ob Vergessen in so kurzer Zeit möglich ist? Es hatte ja so gar nichts gestimmt an diesem Mittwoch beim HSV in Sinsheim. Vier Spieltage vor Saisonende präsentierte sich der HSV wie ein Absteiger. Das machen zwar derzeit auch andere Mannschaften, doch der HSV setzte neue Maßstäbe. Wenigstens blieben die Hamburger Tabellenvierzehnter mit zwei Punkten Vorsprung auf Relegationsplatz 16, die Konkurrenz aus Augsburg, Köln und Berlin hatte ja freundlicherweise schon am Vortag verloren. Nur der Kapitän Heiko Westermann sollte anschließend zur Presse sprechen, aber auch das ging schief. Tolgay Arslan hatte davon nichts mitgekriegt, kam als Erster aus der Kabine und redete davon, dass man schlecht gespielt habe und so weiter. Das mag nur eine Randnotiz sein, aber sie verdeutlicht nur, wie umfassend unabgestimmt der HSV in Baden auftrat. Westermann verwendete in seiner kurzen Analyse ungefähr 25 Mal das Wort „Katastrophe“.

Fink fordert andere Mentalität

Dabei war es ja nicht so, dass die Hoffenheimer wie eine Naturgewalt über den HSV gekommen wären. Nach neun vergeblichen Versuchen durften sich die Badener wieder über einen Heimsieg freuen − der Gegner hatte es ihnen erfreulich leicht gemacht. Die Gegentore Nummer 52 bis 55 kassierten die Hamburger „nach katastrophalen Fehlern“ (Westermann). Es war kein Abend, um ins Detail zu gehen, beim HSV drängten sich nach diesem hilflosen Auftritt grundsätzliche Fragen auf: Kann diese Mannschaft Abstiegskampf? Kann dieser Trainer Abstiegskampf? Trainer Thorsten Fink machte sich selbst Mut und erinnerte daran, dass sein Team ja schon gezeigt hätte, dass es Abstiegskampf kann. Das hatte ihm Fink selbst nach dem glücklichen 1:0-Sieg beim schlechten Tabellenletzten 1. FC Kaiserslautern vor zwei Wochen überraschend attestiert. In Sinsheim musste Fink nun zugeben: „Das war heute kein Abstiegskampf.“

Der stets selbstbewusste Mann hat in seinen sechs Monaten beim HSV schon viele voreilige Schlüsse gezogen. Vielleicht ist Selbstüberschätzung ja doch sein hervorstechendster Wesenszug. Und nimmt man Finks Untersuchung der Schienbeine seiner Spieler direkt nach dem Abpfiff zum Maßstab, gibt es wenig Hoffnung, dass diese Mannschaft aus eigener Kraft dem Abwärtssog trotzen könnte. „Wir müssen die Mentalität ändern“, sagte Fink. „Nur mit schönem Fußball geht es nicht.“ Aber kann diese Mannschaft brachial? Bei so anständigen Menschen wie Westermann und Michael Mancienne, die zufälligerweise auch Innenverteidiger beim HSV sind, scheint das doch eher ein Wunschtraum zu sein. Noch leichter als gegen den HSV schießen die Gegner derzeit nur gegen den 1. FC Köln Tore.