Eigentlich ist es nur ein Ligaspiel mitten in der Saison, dessen Ausgang letzten Endes keine unmittelbar konkrete Auswirkung auf den weiteren Verlauf des Spieljahres haben dürfte. Eigentlich. Dennoch blickt alles auf den heutigen Abend, an dem der 1. FC Union im Zweitliga-Topspiel gegen den Hamburger SV (20.30 Uhr) dem großen, endgültigen und zuletzt dennoch nur leise geflüsterten Ziel Bundesliga so nahe kommt, wie nie zuvor.

Denn kaum eine Mannschaft verkörpert das deutsche Oberhaus so, wie die „Unabsteigbaren“ vom HSV, die in der Saison 2017/18 irgendwie aus Versehen doch erstmals abgestiegen, in ihrem Selbstverständnis, ebenso wie sportlich aber schon längst wieder auf dem Weg zurück in die Erstklassigkeit sind.

Ruhig aus der Defensive

Eine Partie also, die von Unions Trainer Urs Fischer und der Mannschaft zwar vorsorglich als ganz normaler Spieltag angekündigt wurde, deren Bedeutung aber fast 6 000 mitreisenden und unzähligen daheim vor dem Fernseher mitfiebernden Unionern bekannt sein sollte. Es ist, nach dem starken 1:1 gegen den 1. FC Köln im August, der zweite ultimative Gradmesser um herauszufinden, wie reif die noch ungeschlagenen, aber selten so richtig überzeugenden Eisernen denn nun wirklich sind. Kurzfristig für den Aufstiegskampf − langfristig für die Bundesliga.

In die Karten spielt dem 1. FC Union dabei, dass die Mannschaft in den vergangenen Monaten stets zur Höchstform auflief, wenn sie eigentlich als Underdog in die Partie startete. Die Eisernen konnten dann ruhig und ohne Druck aus ihrer vortrefflichen Defensive (erst acht Gegentore − Zweitligaspitze) heraus agieren und mit gefährlichem Umschaltspiel und dem konzentrierten Aufrücken der Außenverteidiger Christopher Trimmel und Ken Reichel die gegnerische Hintermannschaft überraschen. So geschehen bei besagtem Auswärtsspiel in Köln oder auch beim aufregenden Pokalduell gegen Borussia Dortmund.

Zusätzlicher Bonus: Statistisch gesehen gehört der Hamburger SV, trotz Spitzenposition in der Liga, zu den konteranfälligsten Teams des Unterhauses. Unter Neu-Trainer Hannes Wolf, seit Oktober im Amt, wurde gar die Stuttgarter Leihgabe Orel Mangala, eigentlich eher ein Spielmachertyp, als Absicherung vor die Abwehr geschoben. Ein Vorteil im Offensivspiel der „Rothosen“, aber ein Unsicherheitsfaktor in der Defensive, den Union besonders im Konter ausnutzen sollte.

Große Namen beim HSV

„Natürlich hoffen wir, dass uns auch der HSV so liegen wird, wie Köln oder Dortmund“, erklärte Trainer Fischer im Vorlauf der Begegnung, betonte aber auch, dass die Hamburger in ihrer mannschaftlichen Gesamtheit eine echte Herausforderung darstellen.

„Nicht nur Pierre-Michel Lasogga oder Lewis Holtby, auch Aaron Hunt, Khaled Narey, Hee-Chan Hwang oder Fiete Arp sind brandgefährlich. Hier ist die gesamte Mannschaft gefragt, um diese Spieler zu verteidigen“, warnte der 52 Jahre alte Schweizer.

Das fordert auch Unions Mittelfeldspieler Grischa Prömel, selbst wenn die teils großen Namen des favorisierten gegnerischen Teams keinen sonderlichen Wert für den Antreiber besitzen. „In einem Zweitligaspiel ist nicht der Name des Gegenspielers entscheidend, sondern welche Mannschaft wie viel in die Waagschale wirft“, betonte der 23-Jährige unter der Woche. Nach einer Gelb-Rot-Sperre beim 4:0 gegen Greuther Fürth wird Urs Fischers wichtigster Mittelfeldmann zum Topspiel in Hamburg in den Kader zurückkehren.

Aggressiver Grischa Prömel

„Die Mannschaft hat sein Fehlen gut kompensiert, aber wir sind natürlich froh, dass er wieder zur Verfügung steht“, erklärte der Trainer am Wochenende und ließ sich damit vor dem Spiel ausnahmsweise ein klein wenig in die Aufstellung schmulen, sonst für gewöhnlich eine Unmöglichkeit. Doch vor allem in der Balleroberung gegen die spielstarken Hamburger ist die Aggressivität Prömels ungemein wichtig, schließlich wird der, der dem einstigen Bundesliga-Dino den Ball überlässt, schnell auskombiniert. „Ohne Ballbesitz wird es schwierig für uns“, weiß auch Urs Fischer.

Grischa Prömel wehrt sich jedoch gegen den Begriff des „Über-Gegners“: „Man hat im bisherigen Saisonverlauf gesehen, dass man dem HSV durchaus Schwierigkeiten bereiten kann. Wir haben die Qualität, um sie zu ärgern und fahren nach Hamburg um zu gewinnen.“ Markige Worte des Unioners, die dem Anlass des erstklassigen Duells durchaus gerecht werden. Und: Mit übertriebener Demut ist noch niemand aufgestiegen. Der 1. FC Union nicht und der HSV schon gar nicht.