HAMBURG - Als all das, was nur selten an Erstligafußball erinnerte, zu Ende war, schoss Tolgay Arslan den Ball ein letztes Mal hoch und Hauptsache weg. Dann drehte er sich zu seinen Kollegen, die ihn aus mindestens vier Richtungen herzten, und so eingekeilt zwischen Schweiß und Jubel konnte Arslan dann auch nicht sehen, was passierte, als sein Schuss sich wieder senkte. Er sah nicht, wie Dutzende Zuschauer sich streckten und gegenseitig schoben, und er sah nicht, wie dann einer den Ball, der in der Nordkurve gelandet war, mit weiträumigem Ellenbogeneinsatz unter der Jacke verschwinden ließ. Wieder zu Hause kann der Fan jetzt das Datum des hundertersten Nordderbys draufkritzeln, darunter das Ergebnis, ein 2:0 für seinen HSV. Und dann ab mit dem Ding in die Vitrine. Oder eben gleich Ebay.

Die Geschichte dieses Spiels muss man vom Ende her erzählen, weil all die taktischen Unzulänglichkeiten und technischen Ungenauigkeiten, die beide Teams zuvor gezeigt hatten, noch einmal zwei absurde Fußballmomente schufen. Vier Minuten vor dem Abpfiff feuerte ein gewisser Ashton Götz eine Einwurfflanke in den Bremer Strafraum, Verteidiger Assani Lukimya verlängerte den Ball mit dem Hinterkopf zu Stürmer Artjoms Rudnevs, der zum 1:0 für Hamburg eingrätschte und dabei Torwart Raphael Wolf am Knie verletzte. Schlimme Spiele haben keine schönen Tore verdient. Hamburgs Trainer Josef Zinnbauer, der den einwerfenden Götz zuletzt noch in der U23 trainiert hatte, scherzte hinterher: „Dass er es heute schon so macht, war nicht abgemacht.“

Es läuft anders als gewollt

Zurück zu Wolf. Der humpelte in der Nachspielzeit noch in eine Nebenrolle. Die vier Hauptrollen hatten vier Hamburger übernommen, die frei von Geleit auf das Tor zuliefen und es fast schafften, keins zu schießen. Am Ende war es Arslan, der gerade noch den Querpass erreichte und wenigstens den Innenpfosten traf. Den Rest erledigte Wolf, er faustete den parallel zur Linie rollenden Ball ins eigene Netz. Zinnbauer: „Es ist gut, dass wir mal zwei Tore in einem Spiel erzielt haben.“ Zuvor waren es vier in zehn Spielen. „Und ich hoffe, dass wir hier nicht in acht Wochen sitzen und haben immer noch sechs.“

Wahrscheinlich ist das nicht, aber allein, dass der Trainer so etwas in Erwägung zieht, sagt viel über seine Offensive aus. Gegen kompakt stehende Bremer, die genauso wenig ein Tor verdient gehabt hätten, passten sie sich immer wieder in Tornähe, nur der entscheidende Pass kam nie an. Heiko Westermann fasste zusammen: „Man sieht, dass es nicht so läuft, wie wir es wollen.“

Bei den Bremern lief es schon besser zuletzt. Doch ohne den verletzten Stürmer Franco di Santo fehlte einer, der den Ball nicht nur annehmen konnte. Über den Vertreter Nils Petersen, dem manchmal nicht mal die Annahme gelang, sagte Trainer Viktor Skripnik: „Nils hat sich bemüht, ich will nicht sagen, dass er einen schlechten Tag hatte.“ Tat der dann doch irgendwie. Aber das mit dem schlechten Tag galt für alle an diesem Abend.