Macher mit Maske: Christian Prudhomme.
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BerlinDie Tour de France rollt weiter. Wie sollte es auch anders sein? Nichts und niemand hat sie je aufgehalten seit ihrer Premiere 1903, abgesehen von zwei Weltkriegen. Sie ist über Wirtschaftskrisen nonchalant hinweggestrampelt und Dopingexzessen im Radsport kraftvoll davongesprintet. Sie wird auch diesmal das Ziel auf den Pariser Champs-Elysees erreichen, die Corona-Pandemie abhängen, wenn auch nicht ganz geräuschlos. Ihren höchsten Repräsentanten lässt sie zurück: Christian Prudhomme ist positiv auf Covid-19 getestet worden. Für acht Tage begibt sich der Tour-Direktor in Quarantäne. Das Rennen läuft weiter, knapp zwei Wochen noch. Le Tour toujour!

Für den Rest des Teilstücks 2020 auf dem ewigen Weg hat der Patron seiner Rundfahrt einen interessanten Satz mitgegeben. Er habe zu keinem Zeitpunkt der Blase angehört, teilte Prudhomme mit, und meinte jene Sicherheitszone, die um die Fahrer aufgespannt worden ist. Interessant ist diese Bemerkung deshalb, weil Prudhomme versucht, per Begriff eine Illusion aufrechtzuerhalten. Die Blase ist im Unterhaltungsgeschäft zu einem Synonym für Unbedenklichkeit geworden und dürfte in kaum einer anderen Sparte derart oft benutzt werden wie im bezahlten Sport.

Auch in Deutschland wird emsig an Blasen gewerkelt, an Hygienekonzepten gefeilt, allen voran im Profifußball, der im Mai mit einem Neustart die coronabedingt unterbrochene Saison zum Abschluss brachte, abgeschirmt von Zuschauern in den Stadien. Die Bundesliga beginnt nun am Freitag kommender Woche die neue Saison und möchte alsbald  gut gefüllte Tribünen in ihrer Blase sehen. Die Deutsche Fußball-Liga setzte dafür einen Rahmen, in Berlin entwickelten der 1. FC Union und Hertha BSC für sich Strategien.

Frankreich und Deutschland, Radsport und Fußball – zwei Länder mit unterschiedlichen Bedingungen in der Pandemie, zwei Sportarten mit unterschiedlichem Bühnenprogramm. Doch eint beide Veranstaltungen, Tour und Bundesliga, ihr Stellenwert in der Gesamtgesellschaft. Die Rundfahrt als Kulturgut ist robust und standfest in nahezu jeder Krise. Als Wirtschaftsfaktor ist sie sowieso über jeden Zweifel erhaben. Einen Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro macht sie pro Jahr, ihr Wert wird auf rund 160 Millionen taxiert. Etliche Branchen profitieren von ihr, nicht zuletzt das Tourismusgewerbe, das kostenlose TV-Werbung weltweit erhält.

An der Tour de France lässt sich die Illusion, die der Begriff der Blase transportiert, besonders gut aufzeigen. Als ein rollendes Dorf von etwa 3500 Menschen mit einigen Hundert Fahrzeugen ist dieses drittgrößte globale Sportereignis hinter Olympia und Fußball-WM ständig unterwegs. In seiner Mitte bewegt sich durch ein Spalier von einigen Tausend Schaulustigen eben jene Blase aus „Mönchs-Soldaten“. So hat Prudhomme die Radprofis bezeichnet. Ob es Monsieur le General tatsächlich geschafft hat, sich von der Truppe fernzuhalten, da er ihr doch zumindest tagtäglich vorausgefahren ist, in einem Auto, nicht in einem Panzer, lässt sich abschließend kaum klären, ist allerdings auch unerheblich. Selbst wenn diese Öffnung in der Blase coronadicht verschlossen wurde, gibt es Eingänge und Durchlässe. Weil es anders gar nicht geht.

Eine Sportveranstaltung von der Größenordnung einer Tour de France erfordert ständig Kontakte zur Außenwelt. Der Tross muss versorgt werden, drei Wochen lang. Er braucht Güter des täglichen Bedarfs, benötigt Treibstoff für Menschen und Maschinen. Das Gros der Karawane bewegt sich über öffentliche Straßen abseits der abgeriegelten Tour-Route, stoppt an Mautstellen, Tankstellen, übernachtet in Hotels, wird sich wohl auch Besuche in Restaurants oder Supermärkten nicht versagen.

Ob die vier Teambetreuer, die zeitgleich mit Tour-Patron Prudhomme positiv getestet wurden, zuvor das Virus in die Blase getragen haben, ist für die Beweisführung von nachrangiger Bedeutung; allein ihr Corona-Befund ist entscheidend für die Feststellung: Die Sicherheit, deren Existenz der Begriff der Blase für derartige Events behauptet, gibt es nicht.

Was aber bedeutet das nun für Großveranstaltungen im Sport, in der Kultur, im Messewesen? Sollten sie stattfinden dürfen oder sind sie kategorisch zu untersagen?

Das bleibt eine Frage der Güterabwägung. Wer auch immer darauf eine Antwort zu geben hat, in Frankreich, Deutschland, anderswo, muss ein Saldo aus möglichem Nutzen und möglichem Schaden bilden. Die Franzosen sind bei ihrer Tour zu einem Ergebnis gekommen. In Deutschland darf man gespannt sein, wie die Entscheidung zur Bundesliga ausfallen wird.