Im Moment des Triumphs: Ibtihaj Muhammad bei der Siegerehrung in Rio de Janeiro, wo das US-Team Bronze gewonnen hat. 
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BerlinAls Ibtihaj Muhammad im August 2016 in Rio de Janeiro auf der Fechtbahn stand, war sie auf den ersten Blick kaum von den anderen Fechterinnen in der Carioca Arena zu unterscheiden. Muhammed bewegte sich genauso leichtfüßig über die 14 Meter lange Planche wie ihre Kontrahentinnen, setzte genauso entschlossen und geschickt Treffer mit dem Säbel und trug die gleiche Schutzkleidung. Erst wenn Muhammed nach ihren Duellen ihre Fechtmaske abnahm, wurde klar, was sie von den anderen Fechterinnen unterschieden hat: Ibtihaj Muhammad, 34, trägt ein Kopftuch, als erste US-amerikanische Olympiateilnehmerin überhaupt.

Auf der Fechtbahn hat sich Muhammad einzig und allein durch ihr Geschick mit dem Säbel einen Namen gemacht. Abseits davon war es jedoch ihr Status als erste US-Olympionikin mit Kopftuch, der ihr die große Aufmerksamkeit der breiten Masse beschert hat. Aufmerksamkeit, die Muhammad sich zu Nutzen gemacht hat. Sie ist so zu einer der politisch aktivsten und einflussreichsten Sportlerinnen der letzten Jahre geworden.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Egal welchen Sport sie als Teenager ausprobierte, richtig wohl fühlte sich Muhammad dabei nie. Während die Teamkameradinnen etwa beim Volleyball in knappen Hosen und engen Tanktops aufliefen, trug Muhammad lange T-Shirts und Hosen und eben ihr Kopftuch. Sie passte nicht so richtig ins Bild. Und das nicht, weil sie sportlich nicht mithalten konnte, sondern weil sie anders aussah als ihre Mitspielerinnen – bis sie das Fechten für sich entdeckte.

Genauer gesagt, war es Muhammads Mutter, die dies tat. Mit ihrer Tochter im Auto sitzend und an einer roten Ampel wartend, entdeckte Denise Muhammad ein Schulteam von Fechterinnen, gekleidet in den für die Sportart typischen langen Hosen und langärmligen Oberteilen. Wenig später begann ihre damals zwölfjährige Tochter an der Columbia High School, sich in dem für sie bis dato unbekannten Sport auszuprobieren.

„Als Kind beim Sport ständig anders auszusehen, war mir immer unangenehm“, erinnert sich Muhammad in einem Interview mit der Players Tribune: „Mit der Fechtmaske fühlte ich mich zum ersten Mal richtig zu einem Team dazugehörend.“ Dass auch das Fechten ein von weißen Menschen dominierter Sport ist und Muhammad folglich vor und nach Wettkämpfen nicht selten erstaunten Blicken und unangenehmen Fragen und Kommentaren ausgesetzt war, ließ sich so besser ertragen.

Ibtihaj Muhammad fühlt sich wohl

Auch stellte sich allen Vorurteilen zum Trotz schnell heraus: Muhammad gehörte nicht nur endlich richtig zum Team, sie war auch eine richtig gute Fechterin. So gut, dass sie im Jahr 2002 Mitglied der Peter Westbrook Foundation wurde, einem New Yorker Fechtprogramm für Athleten aller Hautfarben, Religionen und sozialen Schichten gegründet vom gleichnamigen afroamerikanischen Fechter. Muhammad fühlte sich wohl in dem Programm und ging darin als Sportlerin und als Persönlichkeit auf.

Während die junge Frau in den nächsten Jahren in den Sporthallen der USA zu einer der besten Fechterinnen des Landes reifte, wurde amerikanischen Muslimen das Leben außerhalb der Hallen schwer gemacht. Besonders nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 in New York fanden sie sich schnell unter einem Generalverdacht wieder. „Die Menschen haben mich auf der Straße angebrüllt und unsere Kinder ins Visier genommen, sie ausgeschlossen“, erinnert sich Denise Muhammad in einem Interview mit dem New Yorker.

Umso wichtiger war und ist es ihrer Tochter Ibtihaj, nicht nur als erfolgreiche Fechterin Bekanntheit zu erlangen, sondern auch als politische Akteurin zu wirken und etwas zu verändern. Ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht und ihre Religion würden weder sie noch andere Menschen definieren, betont Muhammad immer wieder. Eine Ansicht, die sie auch anderen Menschen zu vermitteln versucht. „Ich weiß um die Bedeutung, die erste muslimische Frau mit Kopftuch im Team USA zu sein“, sagt sie bei der Players Tribune. Dass sie für Veränderung stehen würde und auch wolle, sei ihr bereits im Moment der erfolgreichen Qualifikation für Rio 2016 klar gewesen.

Die Spiele in Brasilien waren wenig überraschend der sportliche Höhepunkt von Muhammads Fechtkarriere. Nach zahlreichen gewonnen Medaillen bei Weltmeisterschaften und World-Cup-Turnieren, fand sich Muhammad auch in Brasilien auf dem Treppchen wieder. Im Teamwettbewerb mit dem Säbel sicherten sich die USA die Bronzemedaille. Und so wurde Ibtihaj Muhammad auch zur ersten US-amerikanischen Olympiamedaillengewinnerin muslimischen Glaubens. Die Aufmerksamkeit der Medien hatte sie sicher, mehr denn je.

Verstärkt wurde der Medienrummel um die eloquente und in ihrem Auftreten sehr sichere Fechterin durch den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten, der 2016 zeitgleich mit Olympia geführt wurde. Während Muhammad in Rio Bronze gewann und zu einem Symbol für Integration und kulturellen Fortschritt wurde, propagierte in ihrer Heimat Donald Trump einen Einreisestopp für Muslime und machte dies zu einem Bestandteil seines Wahlprogramms.

Ein knappes halbes Jahr später war dann nicht nur Donald Trump offiziell der neue Präsident der USA, sondern auch der sogenannte Muslim Ban Realität geworden. Muhammad reagierte darauf, wie sie auch zuvor schon auf politische Fragen rund um ihre Hautfarbe und ihre Religion reagiert hatte: sehr kritisch und emotional, aber eben auch konstruktiv und reflektiert. Während nicht wenige Sportlerinnen und Sportler sich komplett aus politischen Angelegenheiten raushalten, schrieb Muhammad im Time Magazine einen offenen Brief an ihren Präsidenten.

Sie erzählt in diesem Brief ihre eigene Geschichte. Die eines jungen schwarzen Mädchens, das in den Vororten der Großstadt groß wird und sich von dort zu den Olympischen Spielen kämpft – im wahrsten Sinne des Wortes. Hinzu kommen Auftritte in Fernsehshows, ein Werbevertrag mit einem der größten Sportartikelhersteller der Welt und sogar eine eigens nach ihrem Vorbild kreierte Barbiepuppe. Eigentlich, so schreibt Muhammad, sei sie die Personifikation des amerikanischen Traums. Uneigentlich lässt ihre Geschichte das für solche Erzählungen sonst so typische Happy End bislang vermissen.

Ibtihaj Muhammad kämpft weiter

Also schreibt Muhammad in ihrem Brief auch von der Diskriminierung, die noch immer in den USA und der Welt besteht und an denen auch die erste olympische Medaille einer US-amerikanischen Muslima nicht geändert hat. Sie schreibt von wenig zufälligen Kontrollen am Flughafen, von Beleidigungen auf den Straßen New Yorks und dem wachsenden Hass auf Ausländer und Muslime, den Trump mit seiner Politik schüre. „Hindernisse zu überwinden, war einst als Athletin meine Herausforderung. Jetzt ist es meine Herausforderung als Bürgerin“, schreibt Muhammad im letzten Absatz ihres Briefes. Der Satz verdeutlicht: Auch wenn Ibtihaj Muhammad drei Jahre nach ihrem sportlichen Rücktritt auf der Fechtbahn heute keine Duelle mehr austrägt, den Kampf für den Abbau rassistischer und religiöser Stigmatisierung in der Gesellschaft treibt sie weiter voran.

Lesen Sie im nächsten Teil der Serie: Mohamed Salah, der ägyptische Star des FC Liverpool.