Ihr größter Moment: Iga Swiatek mit dem Siegerpokal.
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Berlin/ParisIga Swiatek schlug nach dem verwandelten Matchball fassungslos die Hände vor dem Mund zusammen, sackte in die Knie - dann stürmte die Senkrechtstarterin auf die Tribüne des Court Philippe Chatrier und herzte ihren Coach, ihren Vater und jeden, der ihr im Überschwang der Gefühle sonst noch über den Weg lief. „Ich weiß nicht, was gerade abgeht“, sagte die 19-jährige Polin, nachdem sie ihren sensationellen Lauf bei den French Open mit dem Titel gekrönt hatte, mit brüchiger Stimme.

Swiatek, als Nummer 54 der Welt ins Turnier gegangen, bezwang am Samstag im Finale von Paris Australian-Open-Siegerin Sofia Kenin (USA) mit 6:4, 6:1 und ist nach einer weiteren beeindruckenden Leistung der erste Grand-Slam-Champion ihres Heimatlandes im Einzel. Gleichzeitig avancierte sie zur jüngsten French-Open-Siegerin seit Monica Seles 1992. „Ich bin so glücklich“, sagte Swiatek: „Es ist einfach überwältigend für mich.“

Der polnische Staatspräsident Andrzej Duda gratulierte umgehend per Twitter. „Ein unglaublicher, historischer Erfolg“, schrieb der 48-Jährige: „Dieser Tag geht in die Geschichte Polens, des polnischen Sports und des polnischen Tennis ein.“ Auch Bayern Münchens Torjäger Robert Lewandowski war ganz aus dem Häuschen. „Was für ein unglaublicher Erfolg, was für eine großartige Geschichte“, twitterte der polnische Fußballstar.

Durch den Triumph von Roland Garros streicht Swiatek, die als erste Spielerin seit der Belgierin Justine Henin 2007 im gesamten Turnier ohne Satzverlust blieb, ein Preisgeld von 1,6 Millionen Euro ein und klettert in der Weltrangliste auf Rang 17. Titelverteidigerin Ashleigh Barty (Australien) war in diesem Jahr gar nicht in Paris angetreten.

Swiatek hatten vor dem Turnier nur wenige auf dem Zettel gehabt - umso überraschender war, wie der Teenager mit ganz viel Mut und Power ins Finale gestürmt war. Nur einmal seit der Einführung der Weltrangliste 1975 hatte es eine Spielerin mit einem schlechteren Ranking ins Finale von Paris geschafft.

„Ich habe wirklich keine Erwartungen“, sagte Swiatek vor dem Match gegen die an Position vier gesetzte Kenin: „Das Finale ist ein tolles Ergebnis, ich habe keinen Druck.“

Swiatek, die als zweite Polin nach Jadwiga Jedrzejowska 1939 im Finale von Roland Garros stand, knüpfte im Endspiel an ihre starken Leistungen im Turnier an. Im Achtelfinale hatte sie etwa der absoluten Turnierfavoritin Simona Halep (Rumänien) beim 6:1, 6:2 nicht den Hauch einer Chance gelassen - und auch Kenin setzte sie mit einem aggressiven Start sofort unter enormen Druck.

Schon nach acht Minuten stand es 3:0 für die Polin. Doch Kenin, die sich vor dem Match als „Problemlöserin“ bezeichnet hatte, ließ sich von diesem Blitzstart nicht irritieren, zwang Swiatek mit ebenfalls powervollem Tennis zu Fehlern und holte sich das Rebreak. Es entwickelte sich ein hochinteressantes Match zweier offensiver Spielerinnen, nach 49 Minuten sicherte sich Swiatek den ersten Satz.

Beim ersten Aufschlag offenbarte Swiatek jedoch große Probleme, sie gab direkt das erste Servicegame des zweiten Satzes ab. Wesentlich wohler fühlte sie sich aber sowieso beim Retournieren - unglaubliche 70 Prozent der Aufschlagspiele ihrer Gegnerinnen hatte sie auf dem Weg ins Finale gewonnen. Und so war Kenins Vorteil direkt wieder dahin.

Auch nachdem sich Kenin am bereits bandagierten linken Oberschenkel behandeln lassen hatte, machte Swiatek unbeirrt weiter und nahm der Amerikanerin erneut den Aufschlag ab. Die Polin war nach der Pause nicht mehr zu bremsen und verwandelte nach 1:24 Stunden gleich ihren ersten Matchball.