Wirkte voller als es war: Die Fans standen im Stadion An der Alten Försterei in gebührendem Sicherheitsabstand zueinander. 
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BerlinMan muss nicht gleich Anleihen bei Berlins legendärem Bürgermeister Ernst Reuter machen, der die Völker der Welt aufforderte, auf diese Stadt Berlin zu schauen. Doch jedem war klar, dass der Test der Eisernen vor knapp 5000 Menschen, also der Zahl, die seit dem 1. September in Berlin für Großveranstaltungen im Freien wieder zulässig ist, Signalwirkung haben würde für den weiteren Umgang mit Zuschauern in der Pandemie. So oder so!

Ihr Klubs dieser Welt, schaut auf diese Stadt, auf dieses Stadion, auf die Alte Försterei. Denn: Es geht. Entsprechend erleichtert war Dirk Zingler nach dem Spiel, obwohl er davon eigentlich nichts mitbekommen hatte. „Ich habe mir eher die Menschen angeschaut. Wenn ich in diese glücklichen Augen geschaut habe, die haben sich die Seele aus dem Leib gesungen, weil sie endlich wieder hier waren“, so der Union-Präsident.

„Ich glaube, dass es heute ganz wichtig war, zu zeigen, dass beides möglich ist. Also Menschen zusammenkommen zu lassen und trotzdem auf den Infektionsschutz zu achten. Es muss beides möglich sein. Wir müssen ja weiterleben. Auch mit dem Virus. Wir haben den Menschen heute ein bisschen Raum gegeben und die haben sich sehr verantwortlich verhalten“, freute sich Zingler.

Fast 5000 Fans feierten ihre Rückkehr in den Fußball

Möglich geworden war das Zuschauer-Comeback dank der neuen Corona-Verordnung des Landes Berlin, die seit dem 1. September Freiluftveranstaltungen mit bis zu 5000 Besuchern gestattet. Laut dem zuständigen Hygienereferenten Denis Hedeler, der im Stadion war, habe Union „die hygienerelevanten Vorgaben hervorragend umgesetzt“. Er sei besonders beeindruckt von den Fans, „die die notwendigen Maßnahmen annehmen und die Hygieneregeln einhalten“.

Für Zingler war das ein Zeichen und gleichzeitig eine Forderung an die Politik und die Sportfunktionäre: „Wir haben heute den Beweis angetreten, dass es im kleinsten Bundesliga-Stadion geht. Ich würde mir wünschen, dass an anderen Bundesliga-Standorten, an denen viel mehr Platz ist, auch möglich wäre. Wir sollten positive Zeichen setzen und nicht immer Zeichen der Einschränkungen.“

DFL-Boss Christian Seifert, der rund um das Spiel im ständigen Austausch mit Zingler gewesen war, wird die Botschaft aus Köpenick vernommen haben. Die Eisernen wollen ihre Stehplätze behalten, Sitzplätze nur als letzten Ausweg nehmen. Nicht mal aus Kostengründen. „Alles was wir hier jetzt machen, ist keine finanzielle Frage. Am Ende geht es nur darum, dass wir wieder Veranstaltungen, dass wir Fußball, Leben zurückbekommen“, sagte Zingler zur Motivation der Köpenicker.

Und Union wird auch nicht Abstand nehmen von seinem vorgeschlagenen Weg mit Präventivtestungen. „Ich glaube, beides ist notwendig. Man muss das erst einmal theoretisch entwickeln, ein Konzept haben. Für mich ist das weiter total aktuell. Am Ende brauchen wir Nähe, soziale und körperliche Nähe. Darin gilt es weiter zu arbeiten. Und ich denke, dass werden wir nicht nur allein weitermachen, sondern dieser Wunsch hat sich auch in der Liga festgesetzt.“

Pappkameraden aufzustellen – das ist mir ein bisschen zu wenig.

Union-Boss Dirk Zingler

Es soll der Auftakt werden, neu nachzudenken. Mitstreiter und Unterstützung auch außerhalb des Fußballs in der ganzen Veranstaltungsbranche zu finden. Und eben nicht immer alles nur in vorauseilendem Gehorsam sinnlos abzuwatschen. „Meistens werden wir ja von den Menschen kritisiert, die selber nichts tun, außer Pappkameraden aufzustellen. Das ist mir ein bisschen zu wenig.“

Ein klarer Seitenhieb gegen Gladbachs Max Eberl. Borussias Sportdirektor hatte angesichts der zuletzt steigenden Corona-Zahlen in Deutschland auf Unions Vorschlag, getestete Menschen ins Stadion zu holen, leicht süffisant reagiert. Er fand, dass die Diskussion um eine Rückkehr von Zuschauern „zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht richtig ist und nicht passt. (...) Da sollten wir uns im Fußball vielleicht auch der Demut hingeben und einfach mal abwarten, was passiert“.

Weiterhin favorisiert Zingler also, getestete Menschen ohne Abstand in die Stadien zu holen. Der Weg, wie er am Sonnabend von Union beschritten wurde, sei halt nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zurück zur Normalität. „Ich hoffe, das war heute ein Auftakt auch einmal neu zu denken, dass beides geht – Infektionsschutz und Veranstaltung“, so Zingler eindeutig.

Sieg gegen den Club fast Muster ohne Wert

Das Spiel als solches geriet dabei natürlich in den Hintergrund. Wobei der 2:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg, also den Klub, der am 7. August 1920 – vor etwas mehr als  100 Jahren – die Spielstätte der Eisernen eingeweiht hatte, für Trainer Urs Fischer natürlich kein Muster ohne Wert sein sollte. Ungeachtet der Tatsache, dass mit Robert Andrich, Max Kruse, Keita Endo und Anthony Ujah ein Quartett mit Startelf-Ambitionen aufgrund diverser Blessuren passen musste und das Trio Christopher Trimmel, Sebastian Andersson und Nico Schlotterbeck ihren Dienst in der nationalen Sache des eigenen Landes irgendwo in Europa schob. All das focht Fischer nicht an: „Die erste Hälfte war gut, ein klares Chancenplus. Da müssen wir in Führung gehen. Die zweite Hälfte war ausgeglichener. Nach dem 1:0 haben wir postwendend das 1:1 bekommen. Das müssen wir ansprechen. Aber trotz zahlreicher Veränderungen ziehe ich ein positives Fazit der Vorbereitung. Wir sind auf einem richtig guten Weg.“ Das wird sich kommenden Sonnabend zeigen, wenn die Eisernen mit dem Erstrundenpokalmatch in Karlsruhe ihr Pflichtspieldebüt der Spielzeit 2020/21 bestreiten werden.