Start mit Strahlkraft: Mijajlo Marsenic läuft in die Max-Schmeling-Halle ein.
Foto:  Michael Hundt

BerlinBob Hanning und und die übrigen Manager der Handball-Bundesliga (HBL) stehen sich grundsätzlich in einer besonderen Konkurrenzsituation gegenüber. Allein schon wegen des Gerangels um Spieler. Zum Start der Saison sind die Macher der Klubs in einem zentralen Punkt aber auf einer Linie: Sollte die Spielzeit wegen der Corona-Pandemie abgebrochen werden müssen, wäre das für die Vereine der Bundesliga nicht mehr verkraftbar. So hat es Hanning vor dem ersten Spiel seiner Mannschaft bei der HSG Nordhorn-Lingen an diesem Sonnabend gesagt. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Aus treibt alle HBL-Vereine um.

Aus diesem Grund werden kleine Fortschritte gefeiert. Nach dem Supercup-Duell am vergangenen Wochenende zwischen Meister THW Kiel und dem Zweiten SG Flensburg-Handewitt vor etwa 2100 Besuchern in Düsseldorf war Frank Bohmann, Boss des Liga-Dachverbandes (HBL), „sehr zufrieden“ mit der Veranstaltung. Weiterhin baut er darauf, dass eine Hallenauslastung von maximal 20 Prozent, wie derzeit vorgesehen, bald nach oben korrigiert werden kann. Dafür sei notwendig, „dass wir die Probephase bis Ende Oktober gut abschließen, dann die Zahl der Zuschauer an allen Bundesligastandorten erhöhen können“.

Die Erstligisten sind in großem Maße abhängig von den Erlösen aus dem Ticketverkauf und deshalb im Moment nicht nur damit beschäftigt, die Einnahme-Ausfälle in das eigene Budget einzurechnen, sondern schauen auch gespannt auf die Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland. Verschärft sich die Pandemie-Lage, gerät der Betrieb der Liga ernsthaft ins Schlingern – unabhängig von den Vorkehrungen, die die Vereine getroffen haben.

Alle Klubs haben Vereinbarungen mit den Spielern erzielt, um die Kosten zu senken. Beim Spitzenklub Rhein-Neckar Löwen verzichten die Profis in den kommenden Monaten auf etwa 20 Prozent des vertraglich vereinbarten Gehaltes, beim THW Kiel wird hinter vorgehaltener Hand von individuellen Lösungen von bis zu 50 Prozent gesprochen. „Wir sind dankbar für das Miteinander“, sagt Jennifer Kettemann. Die Geschäftsführerin der Löwen kämpft wie ihre Kollegen seit Monaten darum, den finanziellen Kollaps zu vermeiden.

Im Zeitraum von März bis Juli funktionierte das recht gut, denn durch den Saisonabbruch waren die Vereine in der Lage, mithilfe der staatlichen Kurzarbeiter-Regelung die Personalkosten fast komplett zurückzufahren. Nach der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs ist das nicht mehr möglich – und durch rückläufige Sponsoring-Einnahmen und ausbleibende Ticketing-Einnahmen ist die Lage aktuell bereits dramatisch. Mit der aktuell möglichen Auslastung von 20 Prozent der Plätze in den Hallen können viele Klubs die entstehenden Kosten decken, mehr ist nicht möglich. Die Rhein-Neckar Löwen verzichten zunächst sogar ganz auf Fan-Unterstützung, weil „Geisterspiele“ weniger Verluste bedeuten als eine Teilauslastung mit bis zu 2600 Zuschauern. Sollten in den Arenen der Profi-Klubs nach der sechswöchigen Probezeit ab Ende Oktober dauerhaft nur wenige oder gar keine Zuschauer zugelassen werden, droht vielen ohne staatliche Hilfe die Insolvenz.

Davon sind die kleineren wie auch die größeren Klubs gleichermaßen betroffen. Der sportliche Ausblick ist deshalb vernebelt. Punkte, Tore und Kempa-Tricks liegen nicht im Zentrum der internen Aufmerksamkeit. Sicher ist hingegen, dass besonders die Spitzenvereine und ihre Spieler vor einem anspruchsvollen Programm stehen. Bis zu 80 Pflichtspiele stehen für die Nationalspieler, die mit ihren Klubs bis zum Ende im internationalen Wettbewerb vertreten sind, innerhalb von knapp neun Monaten an. „Das wird extrem“, sagt Nationalmannschaftskapitän Uwe Gensheimer. Die Debatte um eine Überbelastung der Topkräfte ist aber zuletzt wie vieles andere in den Hintergrund gerückt. In den nächsten Wochen dürfte sie durch Verletzungen wieder in den Fokus geraten.

Möglicherweise hat die hohe Belastung Auswirkungen auf den Titelkampf, denn die grundsätzlich besser als die Konkurrenten besetzten Kieler müssen mit Nikola Bilyk (Kreuzbandriss) bereits lange auf einen Rückraumakteur verzichten. Weitere Ausfälle drohen, sodass das Starensemble, das mit Topstar Sander Sagosen (Norwegen) hochkarätig verstärkt wurde, angesichts des straffen Programms mit vielen Reisen Probleme bekommen könnte. Teams wie die SG Flensburg-Handewitt, Magdeburg oder die Löwen lauern auf Schwächen des Favoriten, tragen aber grundsätzlich das gleiche Risiko.

Und: Über den sportlichen Sorgen kreisen immer noch die Ängste vor steigenden Infektionszahlen in der Corona-Pandemie und einem wirtschaftlichen Kollaps.