Berlin - Zumindest bis zur Auslosung hatte sich Novak Djokovic schon mal durchgeschlagen. Auch vier Tage vor Turnierstart befand sich der Weltranglistenerste noch immer in Melbourne, bereitete sich auf seinen umstrittenen Start bei den Australian Open vor und bekam seinen Auftaktgegner zugelost – gleichzeitig stand weiter ein großes Fragezeichen hinter dem Namen des Serben. Der gewaltige Wirbel hält an, das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres wird schon jetzt von dem Politikum überschattet.

Die Regierung Down Under verschob am Donnerstag die Entscheidung über den erneuten Entzug der Aufenthaltsgenehmigung des 34 Jahre alten Serben einmal mehr. Und während weiterhin die Ausweisung aus Australien droht, wird unter Djokovics Kollegen das Unverständnis lauter. Stefanos Tsitsipas, Weltranglistenvierter und French-Open-Finalist, kritisierte den Branchenprimus deutlich. „Wir haben uns alle an die Regeln gehalten, um nach Australien zu kommen und am Turnier teilzunehmen. Und wir haben uns dabei sehr diszipliniert verhalten“, sagte der Grieche in einem Interview mit dem indischen TV-Sender Wion: „Eine sehr kleine Minderheit hat sich entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen. Das lässt die Mehrheit irgendwie wie Idioten aussehen.“

Auch am Donnerstag herrschte mächtig Unruhe im Melbourne Park, die sportlichen Nachrichten vor dem ersten Jahreshighlight wurden weiter deutlich von der beherrschenden Causa Djokovic übertönt. Die Auslosung, die dem Titelverteidiger in der ersten Runde seinen Landsmann Miomir Kecmanovic bescherte und erst im Halbfinale ein mögliches Duell mit der deutschen Nummer eins Alexander Zverev, wurde plötzlich und ohne Angabe von Gründen um mehr als eine Stunde verschoben. Sofort gingen Gerüchte herum, dass ein Statement des Premierministers der Grund sein könnte.

Aber Scott Morrison verwies nur darauf, dass die Entscheidungsgewalt in dem umstrittenen Fall bei Einwanderungsminister Alex Hawke liegt, der seit Tagen prüft: „Das sind persönliche ministerielle Vollmachten, von denen Minister Hawke Gebrauch machen kann, und ich werde das zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter kommentieren.“ Unterdessen berichteten die Zeitungen The Age und Sydney Morning Herald, das Team des ungeimpften Djokovic bereite sich für den Fall einer zweiten Annullierung des Visums am Freitag schon auf einen Einspruch vor, der bis zum Sonntag verhandelt werden könnte. Damit Djokovic dann Anfang der Woche in die Mission 21. Grand-Slam-Titel starten kann. Es ist noch viel in der Schwebe.

Der Eindruck, dass die politische Führung Australiens den Tennisstar trotz dessen Gerichtserfolgs am Montag noch immer ausweisen möchte, besteht unverändert. Die Australian Open seien „bedeutender als eine Person“, sagte Dan Andrews, Premierminister des Bundestaates Victoria, „genauso wie die Sicherheit unserer Gemeinschaft bedeutender ist als eine Person“. Und er fügte mit Verweis auf Djokovics Dauerrivalen Rafael Nadal an: „Rafa hätte es nicht besser sagen können. Lass’ dich einfach impfen.“