Im Mittelfeld bei Hertha BSC Berlin: Valentin Stocker - das Spielerrätsel

Steil (!) ist das Berliner Olympiastadion nicht. Die Ränge sind eher flach wie ein Teller, mit dem man lieber keine allzu langen Wege zurücklegen sollte, will man die Suppe nicht vom Boden löffeln. Laut (!) ist es nur zu besonderen Anlässen. Nah (!) kann es aber schon sein. John Brooks musste ja lediglich die blaue Laufbahn überqueren und ein paar Meter weiter war er schon mittendrin in einer familiären Jubeltraube verschwunden, wo er sich ausgiebig küssen und tätscheln und herzen ließ. Und beglückwünschen zu seinem Kopfballtor, das er am Sonntag gegen den FC Augsburg erzielt hat. Die Reportertraube ließ er dann wie gewohnt rechts liegen. Was wie gewohnt schade war. Dieser John Brooks bleibt vorerst das größte Spielerrätsel bei Hertha BSC.

Das zweitgrößte – jedenfalls zurzeit, aber auch schon wieder – ist Valentin Stocker. Beim nie gefährdeten 2:0 gegen Augsburg gelangen ihm ein Tor und eine Vorlage. Beim Tor konnte er nicht anders als zu treffen und sagte: „Trotzdem hatte ich viel Zeit nachzudenken, was passiert, wenn ich ihn danebenschieße.“ Bei der Vorlage hatte er eigentlich einen ganz anderen Plan und sagte: „Ich wollte aufs Tor schießen, aber jeder, glaube ich, kennt meine rechte Klebe, die ist unglaublich präzise.“ Präzise traf er immerhin Brooks Kopf.

Selbstironie hilft

Zwei Dinge kann man Stocker wirklich nicht vorwerfen: Dass er nicht offen spricht über sein Fußballseelenleben und dass er keinen Humor beweist im Umgang mit den als Fragesteller getarnten Fußballseelenklempnern. Selbstironie ist sogar sein Hobby. Als Stocker, 27, mal wieder beantworten sollte, wie er das so empfindet, unregelmäßig bis selten zu spielen, sagte er: „Natürlich positiv, ich bin immer mit einem Lachen in die Kabine gegangen, ich habe vor Selbstvertrauen gestrotzt.“ Und als er danach erklären sollte, ob Trotz sein Antrieb sei, erklärte er eben trotzig: „Das hat man schon beim letzten Mal gesehen, und das wird sich auch nicht ändern, solange ich Fußball spiele.“ Doch was sind die Vorwürfe, die man ihm machen kann?

Das Seltsame ist, dass Valentin Stocker in Berlin nicht der Spieler geworden ist, der er selbst sein wollte, nicht der Spieler auch, den Hertha neuerdings braucht im Mittelfeld. Dabei ist doch unbestritten, dass der Schweizer Nationalspieler alles hat, was einen dazu befähigen sollte, ein Stammspieler in der Bundesliga zu sein. Trainer Pal Dardai zählte am Montag noch mal Stockers Vorzüge auf: richtige Einstellung, ausreichend Spielintelligenz, cleveres Stellungsspiel, vor allem aber große Torgefährlichkeit. „Alles, was mit Scorerpunkten zu tun hat, das ist seine Stärke“, sagte Dardai noch. „Aber wenn er nachlässt, dann ist diese Stärke weg.“ Und schon war er bei den Schwächen. Und die nach der Langsamkeit auffälligste ist: oftmals zu viel Risiko im Spielaufbau, daher eine schlechte Passquote. Stockers Bälle kommen mit 66,4 Prozent Wahrscheinlichkeit an, der Teamdurchschnitt liegt zwölf Prozent höher.

Vertrag bis Sommer 2018

Gegen Augsburg hat Stocker auf dem rechten Flügel gespielt, was in der Reihenfolge seiner persönlichen Lieblingspositionen auf Platz drei oder vier liegen müsste. Am wohlsten fühlt er sich im Zentrum, auf der linken Außenbahn ist sein Stammrevier, er kann aber auch ganz vorne, zumindest konnte er das früher beim FC Basel. Nun also rechts. Stocker hat das Glück, dass dort kein anderer konstant gut oder konstant fit ist – oder konstant beides. Mitchell Weiser nicht, Genki Haraguchi auch nicht, Alexander Esswein am wenigsten.

Stockers Vertrag läuft noch bis Sommer 2018. Vor ein paar Monaten sagte er: „Wenn Hertha noch ein bisschen Kohle mit mir machen will, dann müssen sie auf mich zukommen. Genauso, wenn sie verlängern wollen.“ Und, wollen sie? Dardais Antwort geriet etwas umständlich: „Die Spieler, die wir dabeihaben, sind da, weil ich das wünsche oder weil ich nicht gesagt habe, dass sie nicht reinpassen.“ Zusatz: „Ich habe noch nie zu ihm gesagt, dass er weg muss.“

Für einen Verbleib von Stocker spricht, dass Hertha einen breiten Kader braucht, sollte das Saisonziel Europa League erreicht werden. Dagegen spricht, dass Stocker recht hat mit seiner Einschätzung. Und dass er sicherlich mehr sein will als nur ein Teilzeithumorist mit Hang zur Selbstironie.