Typische Bildauswahl bei einem Trainer, der mit seiner baldigen Entlassung rechnen muss: Schalkes David Wagner.
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BerlinDiesen ersten Spieltag werden die meisten wohl noch überstehen, doch dann wird es schon ziemlich eng für die Herren Bundesligatrainer. Das ist historisch und wissenschaftlich mindestens so erwiesen wie die Feststellung, dass es in Kalifornien bald wieder kälter wird. Die verlängerte Saison und also verkürzte Sommerpause hat ja einige unerwartete Nebenwirkungen mit sich gebracht. Nicht nur für Lionel Messi, der sich verzweifelt fragt, wieso er immer noch in Castelldefels haust und nicht zum Beispiel im schönen Manchester, oder andere wechselfreudige Spieler, sondern auch für ihre direkten Vorgesetzten. So hat in besagtem Manchester Pep Guardiola offenbar in der Hektik völlig verschwitzt, dass seine übliche Verweildauer bei einem Klub längst erreicht ist und es mal wieder Zeit für ein hübsches Sabbatjahr oder, noch besser, den Präsidentenposten beim FC Barcelona wäre. Und bei Paris St. Germain rieb sich der gesamte Vorstand völlig verwundert die Augen, als zum Saisonauftakt doch tatsächlich wieder Thomas Tuchel am Spielfeldrand auftauchte.

Die Bundesliga mochte da nicht zurückstehen. Abgesehen von den Aufsteigern geht nur ein neuer Trainer ins Rennen, Sebastian Hoeneß, der zum Einstand mit der TSG Hoffenheim einen 3:2-Sieg in Köln landete. Ansonsten sind sie alle noch vollzählig versammelt, Florian Kohfeldt, David Wagner, Lucien Favre, Heiko Herrlich, Achim Beierlorzer, Markus Gisdol. Das kann nicht gut gehen, der Boden ist also bereitet für ein prächtiges Gemetzel. Während normalerweise vier bis fünf neue Trainer in eine Saison starten, ist die Einmannvariante zwar selten, aber dennoch kein Novum. 2012 war solch eine Saison, nur Markus Weinzierl ersetzte Jos Luhukay beim FC Augsburg. Der Nachholeffekt ließ nicht lange auf sich warten, insgesamt gab es neun Rauswürfe, unter anderen erwischte es Felix Magath, Markus Babbel, Huub Stevens und zu guter Letzt sogar noch Thomas Schaaf in Bremen.

In der Kabine sollen sogar Tränen geflossen sein

Die vergangene Spielzeit lieferte mit acht neuen Probanden eine besonders reichhaltige Trainerschwemme. Den Rekord hält logischerweise die allererste Bundesligasaison 1963/64 mit stolzen 16 Newcomern. Wer glaubt, dass es damals bedächtiger und gesitteter zuging, muss nur in den Annalen des 1. FC Nürnberg nachblättern. Schon nach dem 9. Spieltag traf es damals einen renommierten Vertreter seines Fachs, den nun wirklich niemand als ersten gefeuerten Bundesligacoach auf der Liste hatte. Schließlich war der Club mit Herbert Widmayer in den beiden Jahren zuvor Meister und Pokalsieger geworden. Alles vergessen, nach vier Niederlagen des Titelkandidaten ins Serie, zwei davon allerdings mit 0:5. Jetzt war Widmayer der Stadtfeind Nummer eins, er wurde bespuckt, es gab wüste Schmähungen und Morddrohungen, seine Frau wurde beim Einkaufen beleidigt. Von einer „Panikstimmung wie an der russischen Front“ sprach, ganz dem Zeitgeist verpflichtet, der Klub-Präsident Karl Müller, der ansonsten gemäß dem Lehrbuch für stilgerechte Trainerrauswürfe alles richtig machte. Lange beteuern, man werde doch nicht so blöd sein, mitten in der Saison den Trainer rauszuwerfen, dann blitzschnell zuschlagen. „Es fehlt nur noch, dass man nach einer Niederlage erschossen wird“, sagte Widmayer.

Geschockt waren die Spieler. Es sollen Tränen geflossen sein in der Kabine, Weltmeister Max Morlock äußerte sein Bedauern, Vorstopper Ferdinand Wenauer verspürte „Wehmut im Herzen“.  Mittelfeldspieler Stefan Reisch erinnerte ebenso wehmütig daran, wie Widmayer, der später Jugendtrainer beim DFB wurde und bei der WM 1974 Assistent von Bundestrainer Helmut Schön war, immer so spannend von seinen „Erlebnissen als Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg“ erzählt hatte. Stürmer Heinz Strehl wiederum prägte den unvergesslichen Satz: „Dieses Leben ist wirklich ein Scheißspiel.“ Gut möglich, dass einige der Nachfahren von Herbert Widmayer dies bald ähnlich sehen.