Im Stile eines Premier-League-Teams: Was den 1. FC Union so stark macht

Die Eisernen spielen einen von Energie und Leidenschaft geprägten Fußball und düpieren mit einem Revival der Manndeckung die nationale Konkurrenz.

Robin Knoche (l.) und Timo Baumgartl bejubeln den 2:0-Erfolg ihrer Mannschaft.
Robin Knoche (l.) und Timo Baumgartl bejubeln den 2:0-Erfolg ihrer Mannschaft.dpa/Gora

Du hast nichts unversucht gelassen, um deine Spieler auf diesen Gegner einzustimmen, hast Videos gezeigt, Einzel- und Gruppengespräche geführt, vor den Stärken der anderen gewarnt, auf die eigenen hingewiesen. Du warst in der Vorbereitung dieser Partie sogar zu dem Schluss gekommen, dass man genau so wie dieser Gegner spielen muss, um gegen diesen Gegner eine Chance zu haben, hast deshalb im Training noch mal eiligst ein 3–5–2 einüben lassen, brachtest dieses auch am Tag X zur Anwendung. Du hast kurz vor der Partie noch mal eine kurze, aber eindringliche Ansprache gehalten, noch mal an das 2:2 gegen die Bayern vor einer Woche erinnert, als man in einem fantastischen Schlussakt aus einem 0:2 noch ein 2:2 machen konnte. Hey, wir sind Borussia Dortmund!

ABER: Das alles hat letztlich nichts genutzt. Denn dieser Gegner war der Primus der Bundesliga, war der 1. FC Union Berlin, der nach dem zehnten Spieltag und dem 2:0-Erfolg gegen dich und deine Mannschaft schließlich nun vier Punkte vor den Bayern und gar sieben Punkte vor dir selbst liegt.

Natürlich war das eben nur ein Gedankenspiel, eine fantasievolle Annäherung an das, was BVB-Coach Edin Terzic am Sonntagnachmittag womöglich durch den Kopf gegangen ist. Im Nachgang des Spitzenspiels zeigte sich der 39-Jährige jedenfalls schwer enttäuscht vom Auftritt seiner Mannschaft, sagte hierzu Folgendes: „Das ist brutal ärgerlich und enttäuschend. Im Endeffekt war es dann aber einfach zu wenig.“ Schließlich schwärmte Terzic von Union.

Ausweitung der Pressing-Zone

Das Team von Urs Fischer habe das, „was Spitzenteams ausmacht. Jeder weiß, was sie tun, und keiner kann es verhindern.“ Von einem sehr reifen, geschlossenen Spielstil sprach er und verwendete sein Lob auf die Eisernen im Umkehrschluss schließlich als Kritik an seiner Mannschaft. „Jeder bei Union kennt seine Aufgabe. Jeder ist sich nicht zu schade, die Dinge auf dem Fußballfeld zu erledigen, die wichtig sind. Sie fragen halt nicht, warum“, sagte der smarte Fußballlehrer. Und: „Die Unioner stehen an der Tabellenspitze, weil sie es richtig gut machen. Man muss ihnen ein riesengroßes Kompliment machen.“

Machen wir. Der FCU ist im Herbst 2022 fraglos der denkbar unangenehmste Gegner weit und breit, kein anderer lässt dir derzeit so wenig Raum für das eigene Spiel. Und das infolge der Fähigkeit, bei entsprechender Gelegenheit die Pressing-Zone fast auf das gesamte Spielfeld auszuweiten. Von der Raumdeckung gehen die Köpenicker dann Spieler für Spieler in eine Manndeckung über, jagen nicht nur in einer Ecke, sondern über den ganzen Platz hinweg Ball und Gegner mit einer zumindest für Deutschland doch noch eher ungewöhnlichen Aggressivität.

Das ist Premier-League-Fußball at its best, kompromissloser, schnörkelfreier, von Energie und Leidenschaft geprägter Fußball. Wofür man sich einerseits entsprechende Automatismen erarbeitet, andererseits natürlich entsprechende Spielertypen in seinen Reihen haben sollte. Also zweikampfwillige und zweikampfstarke Profis mit einer hohen Lauf- und Aufopferungsbereitschaft.

Bei Ballbesitz mit Mut ins Dribbling

Siehe die Abwehrreihe um Robin Knoche, die wieder einmal hochkonzentriert fast alles wegverteidigte, was es wegzuverteidigen gab. Siehe Rani Khedira, der am Sonntag den an sich famosen Jude Bellingham wie einen durchschnittlichen Bundesligaprofi daherkommen ließ. Siehe Julian Ryerson und Christopher Trimmel, die auf den Flügeln Thomas Meunier und Raphael Guerreiro immer wieder zum Rück- oder Querpass zwangen, Flanken und Vorstöße ihrer direkten Konkurrenten verhinderten.

Siehe aber auch András Schäfer und Janik Haberer, die da und dort eine Überzahl schafften, in vorderster Reihe mit Sheraldo Becker und Jordan Siebatcheu den Spielaufbau des BVB immer wieder empfindlich störten und bei Ballbesitz mit Mut ins Dribbling gingen beziehungsweise den Abschluss suchten. Haberer avancierte mit seinen beiden Toren gar zur spielentscheidenden Figur.

Diese Spielweise kostet jede Menge Kraft. Und nicht immer lässt sich dieser Kraftverlust durch die Einwechslung frischer Kräfte kompensieren, wie sich auch am Sonntag zeigte, als die Borussen gegen Ende der Partie ein Powerplay erzwingen und daraus auch ein paar Torchancen ableiten konnten. Schlussendlich gab es für die Elf von Terzic aber nur in Ansätzen so etwas wie eine Hoffnung auf eine späte Wende. So resümierte Fischer voller Stolz: „Das ist Wahnsinn und absolut beeindruckend, wenn man sieht, was die Jungs schon wieder abgeliefert haben. Mit diesem körperlichen Einsatz hat man dann aber auch die Chance, jeden zu schlagen.“

Fischer gibt eine allzu nüchterne Antwort

Aber auch die Chance, deutscher Meister zu werden? Diese Frage wurde dem Schweizer Fußballlehrer natürlich auch am Sonntag gestellt. Und seine Antwort war so nüchtern wie in den vergangenen Wochen, allzu nüchtern in Anbetracht der Qualität seiner Mannschaft: „Wir haben ein Ziel herausgegeben, zu Beginn dieser Spielzeit, dass wir diese 40-Punkte-Marke bekommen. Jetzt ändern wir doch nicht nach 23 Punkten unsere Ziele. Das ist für mich logisch.“

Schon gut, dann lassen wir in diesem Zusammenhang lieber mal die Konkurrenz zu Wort kommen. Beispielsweise Julian Nagelsmann, den Trainer des FC Bayern, der am Sonntag nach dem 5:0 seines Teams gegen den SC Freiburg auch die Leistung der Köpenicker bewertete: „Sie sind Donnerstag und Sonntag immer körperlich und mental voll da. Sie hauen sich einfach in alles rein und geben alles für den Sieg. Dann ist es oft so, dass das Leben dich dafür belohnt.“