Auf ungewohntem Terrain: Reporter Benedikt Paetzholdt  behielt eigentlich nur dann den Durchblick, wenn der Puck ruhte.
Foto:  Volkmar Otto

BerlinDie ersten Schweißtropfen rinnen schon lange bevor das Training beginnt. Sich eine komplette Eishockeyausrüstung überzustreifen, dauert für einen Neueinsteiger in etwa so lange wie die Montage eines Ikea-Billyregals. Zunächst ist schon ein kleines Abenteuer, sich in der Kleiderkammer das richtige Outfit zusammenzustellen. Rund   80 Ausrüstungssets hütet das Projekt Kick on Ice, damit auch wirklich jeder, der Lust auf Eishockey hat, das passende Material bekommt. Während sich die anderen Sportler des Projekts, das diese Schnupper-Zweieinhalbstunden ermöglicht, beim Einkleiden unterhalten, sich von den Erlebnissen des Tages erzählen und dabei jeder Handgriff quasi blind sitzt, setze ich auf Trainer Ben, der die fehlende Gebrauchsanweisung mit großer Fürsorge ersetzt.

Kurze Hose über dem Tiefschutz

Mit dem Tiefenschutz, der die Geschlechtsteile und den Bauch schützt, geht es los. Anschließend muss man sich den Beinschutz anlegen, darüber werden die Stulpen gezogen, die über kleine Klammern mit dem Tiefenschutz verbunden sind. Darüber sitzt die gepolsterte kurze Hose. Und dann muss ich noch hier und da ziehen, bis die Kluft komfortabel und vor allem schützend angelegt ist. Ist der Unterkörper vollständig bedeckt, geht es daran, die Füße in die Schlittschuhe zu zwängen. Um Fußverletzungen zu vermeiden und später stabil auf dem Eis zu stehen, müssen diese so fest wie möglich geschnürt sein. Brust- und Ellenbogenschutz sind beim Eishockey besonders wichtig, denn kaum ein Körper würde unversehrt die Checks gegen die Bande überstehen, die das Spiel für viele Zuschauer so attraktiv machen.

Lust auf Probestunde?

  • Vereine:  Von dem guten halben Dutzend Eishockeyvereinen in Berlin  sind die Eisbären mit Sicherheit der bekannteste. Während die Kinder- und Jugendarbeit bei den Juniors, dem Stammverein, stattfindet, ist die Profiabteilung ausgelagert.
  • Probetraining: Um beim Eishockey reinzuschnuppern, bieten alle Vereine immer mal wieder Probestunden an. Erste Erfahrungen auf dem Eis sind dabei natürlich hilfreich. Das Kick-on-Ice-Projekt hingegen ist kein klassischer Sportverein, sondern ein pädagogisches Angebot, das dem Abgleiten von Kindern und Jugendlichen in die Kriminalität entgegenwirken soll. Kontakt: kickonice@kick-projekt.de
  • Ausrüstung: Gute Eishockeyausrüstung ist teuer, weil alle Bereiche des Körpers  geschützt werden müssen. Zum Schnuppertraining stellen die Vereine in der Regel das nötige Material.  Kick on Ice  bringt es auf rund 1 000 Kilogramm Ausrüstung, die sich die Eishockeyspieler überstreifen können.

Als ich das blaue Trikot über meine schmalen Schultern gestülpt habe, fühle ich mich doppelt so breit wie sonst. Nach der kompletten Einkleidung inklusive Handschuhen, Schläger und Helm mit Gitter trage ich rund vier bis fünf zusätzliche Kilo. Wenn später die Kluft vom Schweiß getränkt ist, fühlt sich das Paket   fast doppelt so schwer an.

Und dann geht es endlich raus aufs Eis   der Eisbahn Lankwitz. Unter freiem Himmel fühlt es sich hier noch ein bisschen wie vor zehn, zwanzig Jahren an, als man sich mit Schlittschuhen auf zugefrorene Seen wagte. Mit dem großen Unterschied, dass dieses Eis für Hobbysportler geradezu traumhafte Bedingungen bietet. Bevor es hier am Freitagabend losgeht, zieht die Eismaschine ihre Kreise, bereitet den Amateuren den genau richtigen Untergrund.

Auf ungewohntem Terrain: Reporter Benedikt Paetzholdt  behielt eigentlich nur dann den Durchblick, wenn der Puck ruhte.
Foto Volkmar Otto

Auch wenn es beim Kick-on-Ice-Projekt nicht um Leistungssport geht, sollen die Spieler beste Bedingungen vorfinden. Der Verein für Sport und Jugendsozialarbeit   als Träger bietet diese Trainingseinheiten mithilfe der wohltätigen „Laureus Sport for Good Stiftung“ an, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Zugang zu diesem Sport zu ermöglichen. Jan Kaminski, der als Sozialpädagoge das Training anleitet, sagt: „Jeder kann hierherkommen und sich ausprobieren. Es muss auch Alternativen zum Fußball geben.“

Noch Tage später zwickt das Gesäß

Wie bei den Profis ist nur ein guter Eishockeyspieler, wer die Schlittschuhe ordentlich bewegt. Zum Warmwerden laufen die rund 15 Sportler ein paar Mal das Oval ab. Ein Eishockey-Debütant wie ich, der bei einem Late-Night-Skating vor zwei Jahrzehnten zum letzten Mal auf dem Eis stand, muss erst mal unfallfrei von einer Rundung in die andere kommen. 60 mal 30 Meter misst das Feld, das europäische Standardmaß. Immer wieder kommen die Trainer rangefahren, um Tipps zu geben, wie ich sicher und kraftsparend vorwärtskomme. Doch in Momenten den Unachtsamkeit passiert es trotzdem immer wieder: Ich lande auf dem Hintern. Nach zweieinhalb Stunden dürften es um die zehn Mal gewesen sein. Noch Tage später zwickt das Gesäß.

Geschichte

Am 3. März 1875 fand in Montréal das erste offizielle Eishockey-Spiel der Geschichte statt. Damals spielte man noch mit einer Holzscheibe, die aber bald von einem Puck, einer harten Gummischeibe, ersetzt wurde. Binnen eines Jahres gab es in Montréal fünf Mannschaften. 1917 wurde die NHL, die National Hockey League, hier gegründet. In Europa etablierte sich die Sportart zunächst in Skandinavien und in Regionen nahe der Alpen. Trotzdem soll das erste offizielle Eishockeyspiel in Deutschland in Berlin ausgetragen worden sein – am 4. Februar 1897 auf dem Halensee. Die deutsche Nationalmannschaft schaffte im vergangenen Jahr mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Südkorea eine Sensation. In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) sind die Eisbären Berlin und die Adler Mannheim − je sieben Titel − die erfolgreichsten Mannschaften.

Nach einer halben und teils schmerzhaften Vorstellungsrunde mit dem Eis fühlt sich der Eishockey-Sport schon viel vertrauter an. Jetzt, wo eine erste Sicherheit herrscht, kann ich mich auch mal auf das sogenannte stick handling konzentrieren, die Kontrolle des Pucks mit dem Schläger. Und das hat wenig mit dem zu tun, was ich mehrmals die Woche beim Training der Eisbären beobachte, wo sich die Profis die rund 160 Gramm schwere Hartgummischeibe   in hoher Geschwindigkeit hin- und herpassen. Unter Laborbedingungen einen Puck anzunehmen, zu kontrollieren und ihn halbwegs genau in die Richtung eines Mitspielers zurückzuspielen, geht gerade so. Unter Wettkampfbedingungen, das wird sich später zeigen, sieht es ganz anders aus.

Auf dem Eis wird nicht geruht

Das hohe Tempo, die ständige Bewegung, genau das macht diese schnellste Mannschaftssportart aus. In dem Moment, als ich zum ersten Mal unter Wettkampfbedingungen Eishockey spiele, merke ich schnell, wie anspruchsvoll jede Szene ist, egal ob im Angriff oder in der Verteidigung. Denn wer auf dem Eis ist, ruht nicht. Weil es kein Aus gibt und beim Training in Lankwitz auf Abseitspfiffe verzichtet wird, die ein Spiel entschleunigen können, ist ständige Aufmerksamkeit gefordert.

„Checken ist bei uns verboten. Das ist viel zu gefährlich.“

Jan Kaminski, Projektleiter von Kick on Ice

Als die Scheibe zum ersten Mal auf mich zusaust, beginnt in noch viel schnellerer Geschwindigkeit das Rattern in meinem Kopf. Nun stehe ich zwar halbwegs stabil auf den Schlittschuhen, aber ich überlege, wie ich den Stock optimal halten muss, um das Spielgerät zum Tor zu bringen. Doch dazu kommt es erst gar nicht. Ich bin zu wenig gelaufen, ein Gegenspieler hat vorher die Scheibe stibitzt. Während meines ersten Wechsels, so heißen die Spielzeiten zwischen den Pausen, bleibe ich ohne Puckkontakt. Was den Spaß aber keineswegs mindert. Weil jede Szene etwas Neues bietet, vergeht der   Abend wie im Rausch. Das Adrenalin drückt die Anstrengung weg.

Fakten zum Spiel

Das europäische Spielfeld ist mit einer Standardabmessung von 60 mal 30 Metern etwas größer als das nordamerikanische (61 mal 26 Meter). Die Fläche wird durch die rote Mittellinie in zwei Hälften geteilt. Durch die beiden blauen Linien und den beiden roten Torlinien  am Ende der jeweiligen Spielfeldenden wird das Spielfeld in drei Drittel unterteilt. Die Torlinien sind zirka vier Meter vom Spielfeldende entfernt. Das mittlere Drittel wird als Neutrale Zone bezeichnet. Das linke und rechte Drittel ist je nach Spielrichtung das Angriffs- beziehungsweise Verteidigungsdrittel. Auf dem Spielfeld gibt es insgesamt neun Anspielpunkte. Der zentrale Anspielkreis mit dem zentralen Anspielpunkt befindet sich in der Spielfeldmitte. Hier werden die Spiele mit dem ersten Bully und nach Toren eröffnet und wiedereröffnet.

Bei meinen weiteren Wechseln komme ich dann wirklich in den Genuss mitzuspielen, unter gnädiger Mithilfe der anderen, die ihren Schläger schon mal zurückziehen, damit der Neuling eine Chance erhält,   aufs Tor zu schießen, ohne dabei über einen Treffer jubeln zu dürfen. Aber ich kann mir ausmalen, wie verloren ich ohne die entsprechende Rücksicht wäre. „Checken ist bei uns verboten“, sagt Projektleiter Kaminski, „das ist viel zu gefährlich.“ Zudem würde es dem widersprechen, wofür das Kick-on-Ice-Projekt steht. Kaminski sagt: „Es geht bei uns darum, ein Team zu sein. Niemand kann alleine ein Tor schießen.“ Wie sehr das gelebt wird, durfte ich selbst erfahren.