Liebes IOC, bitte erlöst die weltweite Sportgemeinschaft vom Druck, alles für den Traum zu geben, auch wenn es in der aktuellen Situation unmöglich ist.
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BerlinHigashimatsushima,  ein Buchstabensalat, so kompliziert wie die ganze Angelegenheit mit den Olympischen Spielen. Mit ihrer Vorbereitung, ihrer Bedeutung für Athleten, Sportverbände, Wirtschaft, das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Sportartikelindustrie, auch für Japan, das zuletzt durch Taifun, Mehrwertsteuererhöhung und  Coronavirus gebeutelte Land.

In Higashimatsushima ist am Freitag das olympische Feuer aus Griechenland in einem Flugzeug der Japan Airlines gelandet, auf einer Militärbase, die zuvor von Arbeitern herausgeputzt wurde. Einige von ihnen trugen dabei  Mundschutz, andere nicht.  So, wie manche daran glauben, dass in diesem Sommer Olympische Spiele in Tokio stattfinden, andere nicht.Tatsächlich wird der Druck von unten, von den Athleten, Trainern und Sportverbänden auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) größer, je länger die Coronavirus-Pandemie andauert:  Immer mehr Sportler fordern die Verschiebung der Sommerspiele, die am 24. Juli in Japan beginnen sollen.

Liebes IOC, bitte erlöst die weltweite Sportgemeinschaft vom Druck, alles für den Traum zu geben, auch wenn es in der aktuellen Situation unmöglich ist.

Andreas Toba

Am Donnerstag twitterte Andreas Toba, der heldenhafte Turner von Rio, der sein deutsches Team damals verletzt ins olympische Mannschaftsfinale  rettete: „Liebes IOC, bitte erlöst die weltweite Sportgemeinschaft vom Druck, alles für den Traum zu geben, auch wenn es in der aktuellen Situation unmöglich ist.“ Er forderte, die Spiele zu verschieben, bis zu einem Zeitpunkt, „an dem die Olympischen Werte wieder ausnahmslos gelebt werden können.“ Para-Leichtathlet Niko Kappel sieht für die Paralympics dieselben Probleme. International wächst die Athletenkritik: Die britische Siebenkampf-Weltmeisterin Katarine Johnson-Thompson etwa beklagte, dass das IOC die Athleten einerseits auffordere, sich weiter vorzubereiten, dass andererseits überall Trainingsstätten geschlossen und Sicherheitsmaßnahmen greifen würden.

Renaud Lavillenie trainiet im Garten

In diesem Dilemma stecken alle Spitzenathleten, außer sie haben am Bauernhof der Eltern einen alten Hühnerstall in eine Ringerhalle verwandelt wie der dreimalige Weltmeister Frank Stäbler in Musberg oder eine Stabhochsprung-Anlage im Garten wie der Franzose Renaud Lavillenie. Berlins Schwimmer etwa brachen zuletzt nach vier Tagen ihr Trainingslager in Lanzarote ab, das 17 Tage dauern sollte.  „Es ist schwierig zu trainieren, wenn man nicht weiß, ob man dieses Jahr noch ein Ziel hat oder nicht“, sagt Rückenspezialist Ole Braunschweig von der SG Neukölln. Die Würzburger Freiwasserschwimmer reisten vorzeitig aus der Türkei zurück, das Trainingslagder der Leichtathleten in Südafrika wurde abgesagt, die Turner trainieren derzeit nirgendwo. Stützpunkte sind geschlossen, andere nicht.

Bei den Wasserspringern sind die Zentren in Aachen und Rostock zu, in Dresden und Berlin geöffnet. „Wasserspringer müssen ja vom Turm springen“, meint der Berliner Bundestrainer Lutz Buschkow. Am Donnerstag sagte der Schwimm-Weltverband (Fina) den für April geplanten Weltcup in Tokio ab und verlegte ihn auf Juni. Da sollten in Berlin die deutschen Meisterschaften stattfinden. „Es ist momentan eine Zeit mit vielen Herausforderungen und vielen Variablen. Eine strukturierte Planung ist nicht möglich, eine qualitativ hochwertige Vorbereitung auf irgendetwas ebenfalls nicht. Aber unter der gesellschaftlichen Problemflut, die wir im Gesundheitswesen gerade haben, tritt der Sport, den wir lieben und der unser Beruf ist, natürlich in den Hintergrund“, sagt Buschkow.

Er erlebt, wie die Bundestrainer sämtlicher Sportarten, derzeit sein persönliches Higashimatsushima. Ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Flamme, aber vor allem Salat: Termin- und Trainingssalat. Trainingsmethodik funktioniert nirgends mehr. Pläne und Periodisierungen sind wertlos geworden.

Turn-Bundestrainerin Ulla Koch sagt: „Die Feinmotorik leidet, wenn man so lange nicht am Gerät ist. Die Sportler können derzeit nur mental trainieren, ihre Übungen durchgehen. Das kennen viele von ihnen aus Verletzungspausen. Ihnen stehen unsere Psychologen zur Verfügung.“ Sie kann Tobas Bitte auf Verschiebung der Spiele gut verstehen.

In Nordrhein-Westfalen hat der Leichtathletik-Verband Nordrhein eine Petition für eine Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 angeschoben und in einem entsprechenden Brief an die Landesfachverbände um Rückmeldung gebeten. Die Initiatoren wollen damit nachdrücklich an ihren Landessportbund appellieren, über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf eine Verschiebung der Olympischen Sommerspiele sowie der Paralympischen Spiele auf 2021 oder 2022 hinzuwirken.

Kienbaum wird kein "Quarantäne-Trainingslager"

Der DOSB hatte am Donnerstagnachmittag entschieden, in Kienbaum vor den Toren Berlins kein „Quarantäne-Trainingslager“ für die Olympiakader einzurichten, da eine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht  auszuschließen sei. Unterdessen wehrt IOC-Präsident Thomas Bach trotz wachsenden Drucks und Kritik weiter jegliche Art von Spekulationen über eine Verlegung der Sommerspiele ab. In der New York Times sagte er: „Natürlich bedenken wir verschiedene Szenarien, aber im Gegensatz zu vielen anderen Sportverbänden oder Profi-Ligen sind wir noch viereinhalb Monate entfernt von den Spielen.“

In Higashimatsushima durften die 200 Schüler, die ursprünglich den Start des Fackellaufs durch Japan beklatschen sollten, wegen der Virusgefahr nicht anreisen. Was diese Krise so einzigartig und so schwer zu überwinden mache, sei die Unsicherheit, ließ Bach wissen. „Deshalb wäre es in keiner Weise verantwortlich, jetzt ein Datum festzulegen oder eine Entscheidung zu treffen, die auf der Spekulation über die zukünftigen Entwicklungen beruht.“

Wobei es auch in seinen Reihen andere Meinungen gibt: Nach IOC-Mitglied Hayley Wickenheiser forderte auch die frühere Judoka Kaori Yamaguchi aus dem Vorstand des japanischen Olympiakomitees die Verlegung der Spiele. Sie fragte: „Wer freut sich auf die Spiele, wenn die Menschen auf der ganzen Welt nicht mal dem normalen Alltag nachgehen können?“