Für Tokio qualifiziert: Hamsat Shadalov hofft, dass die Olympischen Spiele stattfinden.
DPA/Mitchell Gunn

BerlinAm Dienstag kam der Berliner Box-Bundestrainer Ralf Dickert froh zu Hause in Marzahn an. Das lag daran, dass sich sein Boxer Hamsat Shadalov am Montag beim europäischen Qualifikationsturnier in London einen Startplatz für die Spiele in Tokio erkämpft hatte – als einziger der 13 Athletinnen und Athleten des Deutschen Boxsport-Verbandes.   

„Das ist eine Riesensache, auch fürs Team. Hamsat hat einen tollen Kampf gegen den Europameister und European-Games-Sieger hingelegt und sich qualifiziert. Virus hin oder her“, freute sich Dickert.

Mehrere Nationen drohten Abreise an

Schon bevor Shadalov, 21, gegen den Iren Kurt Walker im Achtelfinale des Federgewichts in den Ring stieg, war klar, dass das Turnier, das bis 24. März geplant war, nach drei Kampftagen nicht weitergehen würde. Am Montag hatte die Box Task Force des Internationalen Olympischen Komitees, der nach der Suspendierung des Weltverbandes (Aiba) die weltweite Organisation des Amateurboxens obliegt, den plötzlichen Abbruch von Dienstag an beschlossen.

Vor allem die skandinavischen Länder, aber auch der deutsche Verband hatten darauf gedrängt, das Turnier mit mehr als 340 Boxerinnen und Boxern aus 43 europäischen Ländern wegen der Corona-Pandemie abzusagen und ihre Abreise angedroht. Zumindest im Ring lässt sich der empfohlene Mindestabstand von einem Meter zum Gegenüber ja nicht wirklich einhalten. Aber die IOC-Task-Force sah zunächst keinen Grund, das Turnier abzusagen. Die Corona-Defensivstrategen in Großbritannien auch nicht.

Fiebermessen beim Wiegen

Die ganze Absurdität, das weltweite Hin und Her um die olympischen Qualifikationsturniere, kulminierte in Londons Copper Box Arena. „Vom ersten Tag an waren fast keine Zuschauer da“, sagt Shadalov. „Das Komische am Turnier war, dass alle darüber geredet haben, dass es abgebrochen wird. Das hat mich schon ein bisschen verwirrt.“ Beim Wiegen wurde den Boxern Fieber gemessen, im Ohr. Am Sonntagabend besiegte Shadalov in Runde eins Anton Tscharnamas aus Weißrussland.

„Hier gibt es Desinfektionsmittel an jeder Ecke“, hatte Dickert berichtet, der die Boxer sonst in Prenzlauer Berg trainiert. Er war mit ihnen von 2. Januar an unterwegs. Beim Sparring in Kasachstan, beim Länderkampf gegen Kuba in Schwerin, zur unmittelbaren Vorbereitung in Sheffield: „Die Jungs wollten in London das Ergebnis der letzten vier Jahre einfahren.“

Alles auf eine Karte gesetzt

Dort war die deutsche Staffel im gleichen Hotel untergebracht wie die italienische und andere Teams. Essen gingen sie separat. Corona war ein ständige Thema, „wenn hier ein Fall nachgewiesen und das Hotel abgeriegelt wird, sitzen wir in der Falle“ hatte Dickert befürchtet.

Umso größer ist jetzt die Erleichterung,  zu Hause zu sein, kurzfristig Flüge nach Berlin zu bekommen, war kein Problem. Allerdings kann niemand sagen, was Shadalovs Qualifikation wirklich wert ist. „Ich hoffe, Olympia findet statt“, sagt der Boxer, der sich den Kampfnamen Tschetschenischer Wolf gegeben hat, weil er in Grosny geboren wurde. „Ich habe so viel dafür trainiert, Zeit investiert, bin von der Familie weg gewesen“, sagt er. Sogar seine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann hat er unterbrochen: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.“