Ganz genau weiß Paco Alcácer noch nicht, was er tun wird, wenn er am Dienstagabend im Westfalenstadion durch einen Treffer gegen den FC Barcelona eine Explosion der Freude auslösen sollte. Es wäre ein Tor gegen seine ehemaligen Kollegen, gegen einen Verein aus seinem Heimatland, die Rituale des Spiels sehen für solche Augenblicke eigentlich einen pietätvollen Verzicht auf große Jubelorgien vor.

Doch Alcácer verspürt offenbar auch ein Jahr nach seinem Wechsel in die Bundesliga noch Reste von Groll wie er jüngst gegenüber Radio Cadena SER Catalunya andeutete. „Ich würde das in dem Moment entscheiden“, erwiderte er auf die Frage nach seinen Jubelplänen, „Ich habe Respekt vor vielen Leuten und vielen ehemaligen Teamkollegen. Viele Leute haben sich sehr gut gegenüber mir verhalten und andere haben sich sehr schlecht benommen. Einige Leute beim FC Barcelona haben ihr Wort nicht gehalten.“ Diplomatie und Dankbarkeit klingen anders.

Die dunkle Seite offengelegt

Alcácer ist einer dieser Stürmer, die nicht ohne ihre besonderen Eigenheiten vorstellbar sind. Fußballer, die seit ihrer Kindheit treffen und treffen und treffen, die es gewohnt sind, auch dann gefeiert zu werden, wenn sie jenseits ihrer Momente vor dem Tor kaum auffallen. Der vorige Sonnabend war wieder einmal so ein Tag, als der 26 Jahre alte Spanier zwar das kostbare 1:0 gegen Bayer Leverkusen geschossen und das wegweisende 2:0 mit einer genialischen Finte vorbereitet hatte, die Daten der Spielanalysten aber auch die dunkle Seite dieses Fußballers offenlegten. Alcácer hatte nur 24 Ballaktionen, er war lediglich 8,59 Kilometer gelaufen, und er hatte nur elf Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen.

Obwohl Alcácers Sturmpartner deutlich mehr gearbeitet hatten, sagte Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung über den Torjäger: „Heute hat Paco auch ein enormes Laufpensum an den Tag gelegt, viel gestört zwischen den Innenverteidigern, und ist dann da, wenn man ihn braucht.“ Bei diesem Fußballer sehen sie gerne über mäßige Werte in vielen Diagnosekategorien hinweg. Denn Alcácer „ist ein echter Torjäger von hoher fußballerischer Qualität“ sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Und solche sind selten.

Für den BVB ist dem Spieler – Pokal und Supercup eingerechnet – in allen sechs Pflichtspielen der laufenden Saison ein Tor gelungen. Hinzu kommen drei Treffer für Spanien in der Länderspielpause – das Fußballpublikum hat sich längst an solche Quoten bei Alcácer gewöhnt. Neu ist hingegen, dass er mittlerweile spielen kann, ohne nach spätestens einer Stunde an die Leistungsgrenzen seines Körpers zu geraten. Im Vorjahr traf er oft als Einwechselspieler in den Schlussphasen der Partien des BVB, zwölf Jokertore innerhalb einer Saison sind Bundesliga-Rekord. Durchschnittlich traf Alcácer alle 67 Minuten, auch das ist eine Ligabestmarke unter den Spielern, die in einem Jahr zehn mal oder öfter zum Einsatz kamen. Allerdings war er auch immer wieder mal verletzt.

Der physische Zustand, in dem Alcácer aus Katalonien ins Revier gekommen war, muss für einen professionellen Fußballer ziemlich außergewöhnlich gewesen sein. Erst jetzt, ein Jahr später, wirkt er wirklich fit. In diesem Bereich habe der Angreifer „einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht“, sagte Kehl am Sonnabend, „wir sind froh, dass er die Kraft hat, alle zwei Tage zu spielen.“

Allerdings wird auch hier wieder die schwierige Seite Alcácers sichtbar. Nachdem der Torjäger mit beeindruckenden Quoten vom FC Valencia nach Barcelona gekommen war, wurde er von kritischen Barça-Fans schnell „paquete“ genannt, was im Fußballjargon so viel heißt wie „Lusche“ oder „Flasche“. Offensichtlich hat ihn seine Situation bei dem berühmten Weltklub so sehr frustriert, dass er sich nicht besonders gewissenhaft um seine Fitness gekümmert hat. Gegen die Sturmkonkurrenten Lionel Messi, dessen Kumpel Luis Suárez, den eigensinnigen Neymar und später auch Ousmane Dembélé konnte Alcácer sich nie durchsetzen. Nachdem er dann nach Dortmund gewechselt war, sagte der große Diego Maradona: „Paco ist viel besser als Messi. Er hatte leider keine Chance bei Barça, weil ihn Messi schlecht behandelt hat.“

Beachtliches Gemeinschaftswerk

So eine Aussage muss natürlich mit Vorsicht betrachtet werden, weil Messi und Maradona alles andere als Freunde sind und der ehemals beste Spieler der Welt nicht immer ganz zurechnungsfähig ist, wenn er redet. Dass die zwischenmenschlichen Konstellationen im Angriff des FC Barcelona seit Jahren nicht ganz einfach sind, wird aber immer wieder mal sichtbar. Alcácer muss sich damit jetzt nicht mehr herumplagen, er hat sein Glück beim BVB gefunden. Dass es den Dortmundern tatsächlich zu gelingen scheint, diesen außergewöhnlichen Spieler immer besser zu machen, ist ein beachtliches Gemeinschaftswerk der Mitspieler, der Trainer, der Physiotherapeuten und der Menschen im Umfeld des BVB. Nun hoffen sie, dass Alcácer sich nicht bremsen lässt bei seiner Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.