Berlin - Es ist eine mittlerweile ungewohnte Geschäftigkeit für die Schwestern Elena und Christina Wassen: Nachdem die beiden Wasserspringerinnen zuletzt pandemiebedingt mehr als ein Jahr lang keinen Wettkampf bestritten, geht es jetzt plötzlich Schlag auf Schlag. Noch in der ersten Maiwoche sprangen sie beim Weltcup in Tokio mit dem deutschen Team um Quotenplätze bei Olympia. Im Anschluss ging es Ende der voriger Woche von Japan nach Budapest. In Ungarn finden nun die Europameisterschaften statt. Anfang Juni folgen die Deutschen Meisterschaften.

Immerhin ist es bislang eine Hatz mit erfreulichen Ergebnissen für die deutschen Wasserspringer: Je eine Gold-, Silber- und Bronzemedaille gewannen sie beim Weltcup in Tokio, dazu sicherten sie sich insgesamt zehn Startplätze für die Olympischen Spiele, die im Sommer an gleicher Stelle stattfinden. Auch dank eines Quartetts von Athleten, das in Berlin sein sportliches Zuhause hat. Seit Jahren ist die Stadt eine Hochburg des Wasserspringens.

Berlin hat für Wasserspringer eine der besten Hallen Deutschlands

Das Herz dieser Hochburg ist die Europaschwimmhalle an der Landsberger Allee. Zahlreiche Sprungbretter und Plattformen ragen dort auf verschiedenen Höhen aus einer massiven grauen Stahlkonstruktion, die eher Sprungwand als Sprungturm ist, heraus. „Es ist eine der besten Hallen in Deutschland“, sagt die 20-jährige Elena Wassen begeistert. Auch Christoph Bohm bezeichnet sie als wichtigen Bestandteil der „super Infrastruktur, die in Berlin für das Wasserspringen besteht“.

Bohm weiß, wovon er spricht, schließlich ist er Sportlicher Leiter der Berliner Wasserspringer und Bundesstützpunkttrainer. Als solcher ist er verantwortlich für eine Trainingsgruppe, die ebenfalls eine der besten Deutschlands ist. Angeführt wird sie vom mehrfachen Olympiamedaillengewinner, Welt- und Europameister Patrick Hausding, ergänzt unter anderem durch Elena Wassen, ihre zwei Jahre ältere Schwester Christina, Lars Rüdiger und den erst 20 Jahre alten Lou Massenberg. Bohm sagt: „Wir haben einerseits diese erfahrenen Wettkampsäue wie Patrick und andererseits die jungschen Talente wie die Wassens und Lou. Da pusht sich jeder gegenseitig.“

Trainer Bohm lobt den Olympiastützpunkt

Elena Wassen ergänzt: „Wenn so viele talentierte Leute in einer Gruppe trainieren, kann man sich super viel voneinander abschauen.“ Sei es bei der Absprungbewegung, bei der Ausführung von Salti und Schrauben oder der möglichst spritzerlosen Eintauchphase. Das Ergebnis: Bis auf Massenberg sicherten alle Erwähnten dem deutschen Team beim Weltcup in Tokio Startplätze für Olympia. Dazu gewannen Hausding und Rüdiger Silber im Synchronspringen vom Dreimeterbrett, und Christina Wassen sprang mit ihrer Partnerin Tina Punzel vom Turm zu Bronze. Ein 2,5-facher Salto rückwärts mit 1,5-facher Schraube war der komplizierte Sprung ins Glück.

Dabei gibt es selbstverständlich noch andere Erfolgsfaktoren als nur die Zusammenstellung der Berliner Trainingsgruppe. Etwa den Olympiastützpunkt, der von den Wasserspringern mitbenutzt wird und bei dessen Erwähnung Christoph Bohm aus dem Schwärmen kaum herauskommt: „Mit all seinen Facetten wie Physiotherapie, Trainingswissenschaften und medizinischer Betreuung ist das ein Komplettpaket, das in Deutschland seinesgleichen sucht.“ Ein Komplettpaket, dass es Bohm und seinen Schützlingen erlaubt, sich gänzlich auf ihr Training zu konzentrieren.

Turnen, Akrobatik, Athletiktraining

Zweimal täglich steht dieses in der Regel auf dem Programm. „Die meisten Leute stellen sich vor, dass wir den ganzen Tag nur ins Wasser springen“, sagt Elena Wassen mit einem Lachen. Ein Irrglaube, sind doch Turnen, Akrobatik und Athletiktraining genauso Teil des Trainingsplans. Ähnlich elementar wichtig wie das Was sei auch das Wie, erklärt Bohm. Schließlich gilt es, sich im Leistungssport auch an schlechten Tagen zum Training in die Halle zu zwingen. Beim Wasserspringen müssen sich die Athleten aber noch auf einer zweiten Ebene regelmäßig überwinden: „Wenn man aus zehn Metern immer wieder neue Sprünge ausprobieren muss, spielt Angst natürlich eine Rolle“, sagt Bohm. Ein Bauchklatscher bleibt eben ein Bauchklatscher. Auch deswegen ist man bei den Berliner Wasserspringern insbesondere im Jugendbereich bemüht, den Trainingsprozess attraktiv und spaßig zu gestalten. „Einfach nur zu schleifen, funktioniert nicht mehr“, sagt Bohm, „dann hast du irgendwann keine Sportler mehr.“

Dass das Konzept aufgeht, ist offensichtlich. In Patrick Hausding ist der deutsche Wasserspringer der letzten Jahre schlechthin daraus hervorgegangen. Zwar wird Hausding seine Karriere nach den diesjährigen Spielen in Tokio beenden, aber seine Nachfolger stehen bereit. Die Wassen-Schwestern, die 2013 aus Aachen nach Berlin gezogenen sind, Rüdiger und Massenberg haben die coronabedingte Wettkampfpause genutzt, um mehr denn je zu trainieren. Der Fortschritt sei groß, sagt ihr Trainer durchaus stolz und ergänzt: „Wenn es so weitergeht, haben wir mit den vieren sehr gute Sportler für die nächsten Jahre.“

Patrick Hausding hat seinen Startplatz sicher

Ob sie in diesem Sommer bei den Spielen in Tokio dabei sein werden, steht dabei noch nicht endgültig fest. Bislang hat einzig Hausding seinen Startplatz sicher. Für die anderen vier werden erst die Leistungen bei den deutschen Meisterschaften in Berlin darüber entscheiden, wer die jüngst beim Weltcup ersprungenen Startplätze des deutschen Teams bekommt. Auf die Frage, ob er davon ausgehe, dass ihnen die Qualifikation für Olympia gelingt, antwortet Christoph Bohm ebenso knapp wie bestimmt: „Definitiv!“