Ingemar Stenmark macht auf Skiern immer noch eine gute Figur.
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BerlinEs gibt Skifahrer, dann gibt es Skifahrer. Dann ist da noch Ingemar Stenmark.“ Mit diesen wenig nach Bescheidenheit klingenden Sätzen wirbt der schwedische Skibrillenhersteller Spektrum für fünf Modelle, bei deren Herstellung Rennfahrerkönig Stenmark seine Erfahrung als Aktiver und Beobachter eingebracht habe.

Stenmark ist beteiligt an der Firma mit Büros in Stockholm und Åre. Bei Messen zeigt er sich als lebende Reklametafel. Die Brillen sollen ein großes Sichtfeld haben und auf unnötigen Schnickschnack verzichten. Die teuerste von ihnen, die „Templet Ingemar Stenmark 86 Edition“ kostet mehr als 300 Euro. Sie wurde in einer limitierten Anzahl von 86 Brillen aufgelegt. Jedes Gestell ist von Stenmark signiert und nummeriert.

Die 86 steht für eine Zahl, die den Legendenstatus von Stenmark auch mehr als 31 Jahre nach seinem Karriereende untermauert. So oft hat der 64-Jährige in den 1970er und 1980er Jahren Weltcup-Rennen gewonnen – in der 1967 eingeführten Wettbewerbsform einmalig. Stenmark sieht das differenziert. Am meisten stolz ist er keinesfalls auf die 86 Siege. „Ich habe in einem gewissen Zeitraum 64 von 128 Rennen gewonnen, 50 Prozent. Diese Quote ist beeindruckender als die Gesamtzahl. Ansonsten bin ich vor allem glücklich, dass ich viele Freundschaften geschlossen habe“, sagt Stenmark.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 32: Ingemar Stenmark

Es gab einige alpine Sportler, die sich anschickten, die magische Ziffer zu toppen. Bei den Männern kam ihm Marcel Hirscher mit 67 Triumphen am nächsten. Der Österreicher hat seine Karriere 2019 im Alter von 30 Jahren beendet. Bei den Frauen schien die US-Amerikanerin Lindsey Vonn Stenmark überholen zu können. Doch Verletzungspech ließ sie 2019 bei 82 Triumphen stoppen. Jetzt liegen die Hoffnungen auf Vonns Landfrau Mikaela Shiffrin. Die ist erst 25 Jahre alt und steht bei 66 Siegen. „Shiffrin wird irgendwann mehr als 100 Rennen gewinnen. Und gegen Marcel Hirscher hätte ich keine Chance gehabt“, meint Stenmark.

Er genießt es schon, dass bei der Jagd nach dem Rekord immer wieder sein Name fällt. Die zuletzt überragenden US-Skifahrerinnen verneigten sich auf ihre persönliche Art vor dem Idol. Vonn wollte Stenmark unbedingt bei ihrem letzten Rennen dabei haben und Stenmark ließ sich tatsächlich bei der Ski-WM 2019 in Åre blicken. Shiffrin nannte ein Rentier Ingemar, das sie im November 2019 für den Slalomsieg im finnischen Levi als Prämie erhalten hatte. Natürlich hatte sie dafür vorher bei Stenmark die Erlaubnis eingeholt.

Stenmark wird wegen seiner Erfolge und fairen Art weltweit verehrt. 155 Podestplätze, die er in seiner Weltcup-Zeit zwischen 1973 und 1989 verzeichnete, sind ebenso unerreicht. In seiner Heimat wählten Schwedens Sportjournalisten 1999 den zweifachen Olympiasieger von Lake Placid 1980, fünffachen Weltmeister und dreifachen Gesamt-Weltcupsieger vor Tennis-Ikone Björn Borg zum „Sportler des Jahrhunderts“.

Die Bewunderung Stenmarks ist auch ein Resultat seiner Bescheidenheit, die in seiner Herkunft begründet ist. Stenmark wuchs in der schwedischen Provinz Västerbottens län auf. Der Ort Tärnaby gehört zu den Wintersport-Mekkas, hat aber keine 1 000 Einwohner. Als Stenmark Anfang der 1970er Jahre zur Weltcup-Familie stieß, war der Medienrummel nichts für ihn. Interviews lehnte er gern ab. Wenn er sich mal äußerte, waren die Antworten eher einsilbig. Er empfand es als großen Druck, im Rampenlicht zu stehen.

Aber er hielt diesem stand, weil er starke Lehrmeister hatte. Vater Erik, der in Tärnaby mehrere Liftanlagen besaß, stellte den Junior früh auf die Ski. Obwohl Schweden in dieser Zeit eher als Langlauf-Nation galt, bevorzugte Stenmark Junior das Alpine. Entscheidend geformt wurde er durch den Südtiroler Trainer Hermann Nogler. Der Italiener entdeckte Ende der 1960er Jahre Stenmark im Rahmen seiner Tätigkeit für den schwedischen Skiverband und blieb immer an Stenmarks Seite. Er war kein Mann für alle Disziplinen, sondern der perfekte Spezialist für den Riesenslalom und Slalom, von denen er bei Weltcups 46 beziehungsweise 40 gewann. Abfahrtsrennen waren ihm dagegen ein Graus. Runde Schwünge, bei der seine Technik den Unterschied ausmachte, bedeuteten ihm mehr als die waghalsige Schussfahrt. Zumal Stenmark schlechte Erfahrungen machte.

Im September 1979 stürzte er schwer in Österreich beim Training im Schnalstal. Im Januar 1981 wagte er sich zum einzigen Mal auf die legendäre Streif. In Kitzbühel wollte Stenmark aber mit den Spezialisten gar nicht mithalten. Es ging ihm nur um ein paar Punkte für die Kombination. Beinahe aufrecht fahrend kämpfte er sich ins Tal. Der Rückstand auf den kanadischen Gewinner Steve Podborski betrug fast elf Sekunden. Die TV-Reporter freuten sich dennoch, dass Stenmark überhaupt mitfuhr und über das ungewohnte Bild, den modischen Mützenträger mal mit Helm zu sehen.

Die Trophäe für den Gesamt-Weltcup konnte Stenmark nach 1979 nicht mehr gewinnen, weil Konkurrenten wie der US-Amerikaner Phil Mahre oder der für Luxemburg startende Österreicher Marc Girardelli in allen Disziplinen vordere Ränge zu belegen vermochten.

Auch die Anfang der 1980er Jahre eingeführten Kippstangen im Slalom förderten zum Leidwesen Stenmarks eher die rasantere als technisch saubere Abfahrt. 1982 wurde er in Schladming dennoch Weltmeister im Slalom und Zweiter im Riesenslalom.

Vermutlich hätte Stenmark auch bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajewo eine Medaille geholt. Weil er sich 1980 jedoch eine Profilizenz zugelegt hatte, durfte er nicht teilnehmen. Bei den Spielen 1988 in Calgary mischte er nach einer Regeländerung des IOC wieder mit. Im Slalom verfehlte er als Fünfter knapp seine dritte olympische Plakette. Neben dem Doppelsieg 1980 hatte er 1976 in Innsbruck bereits Bronze im Riesentorlauf errungen.

Mit den Medien geht Stenmark, der zwischenzeitlich in Monaco lebte, heute lockerer um. Einnahmen aus Werbeverträgen und nach wie vor gute Beziehungen zu früheren Geschäftspartnern sollen ihm ein sehr erfülltes Leben sichern. Zwischen Slalomstangen wagt er sich nur noch äußert selten. Aber Stenmark ist nach wie vor schlank und fit. 2015 gewann er mit einer Profitänzerin die schwedische Version von „Let’s dance“.

Lesen Sie in Teil 33: Michael Groß und die Geburt des Albatros.